• Dr. Markus Kreher, Partner |
  • Peter Heidkamp, Partner |

Highlights

  • Der Ukraine-Krieg könnte zu einer neuen West-Ost-Blockbildung führen. Länder wie Russland und China fallen dann als Absatzmärkte für westliche Technologien weg.

  • Die weltweite Nachfrage nach technologischen Produkten ist so hoch, dass geplante Lieferungen nach Russland in andere Länder umgeleitet werden können.

  • Russland und die Ukraine verfügen über wichtige Rohstoffe, die in Technologieprodukten enthalten sind. Unterbrechungen der Lieferkette und Versorgungsengpässe bei diesen Rohstoffen sind wahrscheinlich.

  • Die beiden Länder sind für westliche Technologieunternehmen außerdem wichtige Standorte für IT-Outsourcing und IT-Services. In diesen Bereichen kann es zu Engpässen oder Ausfällen kommen.

  • Beim Internet beschleunigt Russlands Invasion in der Ukraine die Fragmentierung des Internets in getrennte Techno-Sphären und die Entstehung eines „Splinternet“ (Splitted Internet).

Die Geschichte der Technologie ist eng verknüpft mit der Globalisierung: Tech-Produkte wie Fernseher, Notebooks, Smartphones, Internet, Apps, Games, eCommerce und Social-Media-Plattformen sind weltweit verfügbar und allen zugänglich. Eine Ausnahme bildet China, das mit seinem protektionistischen Anspruch in den letzten Jahren eigene Apps und Plattformen aufgebaut hat.

Mit dem Ukraine-Krieg und der daraus resultierenden Isolation Russlands ist die allumfassende Globalisierung vorerst vorbei. Die Welt spaltet sich wieder in Blöcke, und diese Spaltung setzt den Technologien des Westens Grenzen. Ein großer Block, der im Wesentlichen aus China und Russland besteht, fällt in Zukunft als Absatzmarkt für westliche Tech-Produkte aus oder wird zumindest stark beschränkt.

Die kurz- und langfristigen Auswirkungen des Ukraine-Kriegs verlangen daher von westlichen Technologieunternehmen eine Neuorientierung.

Die Bedeutung von Russland und der Ukraine für die Technologiebranche

Die Technologiemärkte in Russland und der Ukraine werden aufgrund von kriegsbedingten Zerstörungen, sanktionsbedingten Handelsbeschränkungen, Zinserhöhungen, Währungsabwertung und Finanzsanktionen spürbar schrumpfen. Beide Länder sind regional bedeutende Absatzmärkte für IT-Produkte. Dennoch werden viele globale Technologiekonzerne keine gravierenden Auswirkungen auf ihre Umsätze spüren. Die weltweite Nachfrage nach technologischen Produkten ist hoch, und Lieferungen nach Russland können relativ problemlos in andere Länder umgeleitet werden. 

Russland und die Ukraine sind keine bedeutenden Technologieexporteure, verfügen jedoch über wichtige Rohstoffe. Sie leisten beispielsweise einen erheblichen Anteil der Versorgung mit Neongas, das in der Siliziumlithographie verwendet wird, und Palladium, einem wichtigen Element in der Elektronik. Unterbrechungen der Lieferkette und Versorgungsengpässe bei diesen und anderen Rohstoffen sind wahrscheinlich. Die Preise für Neon und Palladium sind bereits erheblich gestiegen. Außerdem sind Russland und die Ukraine für westliche Technologieunternehmen relativ wichtige Standorte für IT-Outsourcing und IT-Services (Softwareentwicklung, Help Desks, Call Center).

Die kurzfristigen Auswirkungen: Störungen in der Lieferkette und bei IT-Dienstleistungen

Der Russland-Ukraine-Konflikt betrifft vor allem IT-Hardware, B2B-Technologien und IT-Dienstleistungen. Die kurzfristigen Auswirkungen auf die Technologiebranche sind Absatzrückgänge in einigen Segmenten, Störungen in der Lieferkette sowie Engpässe oder Ausfälle bei der Erbringung von IT-Dienstleistungen. 

Umsatzrückgänge:

  • Der Krieg in der Ukraine hat zu einer allgemeinen Unsicherheit geführt, die auch die Nachfrage im Technologiesektor bremsen wird. Das Russlandgeschäft kommt zum Erliegen. Viele internationale Tech-Konzerne ziehen sich entweder freiwillig aus Russland zurück (z. B. Apple und Samsung) oder werden von der russischen Regierung verboten (Facebook und Instagram).
  • IT-Dienstleistungen von Tochterfirmen, Service Centern oder Freelancern in der Ukraine und in Russland können nicht mehr erbracht werden. Sie müssen schnell auf Mitarbeiter:innen außerhalb der Krisenregionen übertragen werden. IT-Dienstleister, die nicht in der Lage sind, schnell umzusteuern, können ihre Services nicht oder nur im verringerten Umfang erbringen.
  • Profiteure der Krise sind Tech-Firmen aus dem Segment IT-Sicherheit und Cyber Security. Wir erleben einen exponentiellen Anstieg von Cyberangriffen auf Regierungseinrichtungen und auf Unternehmen der Finanz- oder Energiebranche. Cyber-Attacken auf westliche Regierungen und Unternehmen werden in Folge der Ukraine-Krise an Intensität und Häufigkeit zunehmen. Die Folgen sind Beeinträchtigungen in Prozessen der betroffenen Unternehmen und eine steigende Nachfrage nach Cyber-Security-Lösungen. Die Anforderungen an den Schutz von Daten, IT-Systemen und Infrastrukturen werden insgesamt zunehmen. 

Störungen in der Lieferkette:

  • Die Zerstörungen des Krieges, Auswirkungen von Länderembargos, Finanzsanktionen, Rohstoffengpässe und Fachkräftemangel werden die Lieferkette in der Technologie- und Softwarebranche kurz- bis mittelfristig stören. Es drohen Produktionsausfälle, lange Lieferzeiten und daraus resultierende Versorgungsengpässe.
  • Die Auswirkungen der Ukraine-Krise auf Lieferketten und Produktionsstandorte rückt auch die hohe Abhängigkeit von China als Zuliefer- und Produktionsstandort vieler Tech-Firmen in den Fokus. Ziel vieler westlicher Technologiekonzerne wird es sein, sich mittelfristig aus dieser Abhängigkeit zu befreien. 
  • Der Ukraine-Krieg wird die Wertschöpfungskette in der Technologiebranche verändern, da Ressourcen aus anderen Ländern beschafft und Produktionsstätten verlagert werden müssen. Diese Reorganisation der Wertschöpfungskette braucht aber Zeit. Kurzfristig wird es zu Versorgungsengpässen und Produktionsausfällen kommen. 

Belastungen in der Belegschaft und bei Service-Centern:

  • Unter den Hunderttausenden von IT-Fachleuten in der Ukraine und in Russland sind viele hochqualifizierte Programmierer:innen und Softwareentwickler:innen, die direkt oder indirekt für westliche Tech-Firmen arbeiten. 
  • Die Ukraine ist ein wichtiger Standort für IT-Outsourcing und IT-Service-Center westlicher Unternehmen. Die Support-, Entwicklungs-, Integrations- und Beratungsdienste der IT-Spezialisten in der Ukraine sind jetzt stark eingeschränkt und kommen teilweise ganz zum Erliegen, da IT-Kräfte zur Landesverteidigung eingezogen werden. 
  • Sollte die aktuelle Situation weiter eskalieren, droht ein Exodus der IT-Experten aus der Ukraine, aus Russland und möglicherweise auch aus angrenzenden Ländern. 
  • Gleichzeitig steigt der unmittelbare Bedarf an zusätzlichen Ressourcen und Fachkräften für besonders kritische IT-Lösungen wie beispielsweise Cyber Security.

Mittel- bis langfristige Auswirkungen: Die Entstehung eines neuen “digitalen Vorhangs”

Die Spaltung des Internets 

Social-Media-Plattformen wie Twitter, Instagram oder Facebook spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Informationen und der Identifizierung potenzieller Fehlinformationen. Mehrere Plattformen haben Inhalte der russischen Regierung und staatlicher Medien blockiert. Gleichzeitig sperrt oder verbietet Russland westliche Plattformen und setzt Kommunikationstechnologien und soziale Medien gezielt für Desinformations- und Manipulationszwecke ein. Es entstehen gegensätzliche, konfrontative und auseinanderdriftende Technologiewelten.

Das offene Internet wird durch die Fragmentierung in verschiedene Technosphären herausgefordert. Es droht eine Spaltung des Internets in ein offenes und ein geschlossenes Netz. Russlands Invasion in der Ukraine beschleunigt die Fragmentierung des Internets in getrennte Sphären und die Entstehung eines „Splinternet“ (Splitted Internet).

  • Russland beschleunigt die Schaffung eines souveränen und „geschlossenen“ Internets unter staatlicher Kontrolle als Gegenpol zum offenen Internet des Westens. Bisher wurden zwar nur Dienste, wie beispielsweise Social-Media-Plattformen, blockiert und nicht die Technologien oder Standards, die das globale Internet ermöglichen. Dies könnte aber der nächste Schritt sein. Es wäre die Aufspaltung des Internets in zwei oder mehrere Netze mit inkompatiblen Technologien und national oder regional begrenztem Zugang.
  • Diese unterschiedlichen „Techno-Sphären“ sind letztlich Abbild konkurrierender Visionen darüber, wie stark das Internet und technologische Anwendungen reguliert sein sollten, wie Technologien genutzt werden können, wie mithilfe von Technologien kommuniziert und interagiert wird und welche Technologiestandards implementiert werden sollten.

Die Spaltung von Technologiestandards

  • Technologiestandards und technische Normen sind heutzutage die Voraussetzung für weltweites Geschäft, globale Kommunikation und Zusammenarbeit. Es ist allerdings möglich, dass der Ukraine-Krieg und das allgemein angespannte geopolitische Klima zu einer langfristigen Spaltung der Technologiestandards zwischen westlichen und östlichen Nationen führen könnten.
  • Schon vor dem Ukraine-Krieg war eine zunehmende Politisierung technischer Normen durch Chinas staatlich getriebene Standardsetzung und seine wachsende Rolle bei der internationalen Normierung zu beobachten. So steigt die Gefahr einer Zweiteilung, Fragmentierung und Entkopplung von Technologiestandards auf internationaler Ebene. Eine solche Normenspaltung wäre langfristig schädlich für alle Branchen und Volkswirtschaften, da der internationale Austausch (Handel, Kommunikation, Kooperation), die Digitalisierung der Welt und die globale Vernetzung unterbrochen oder zumindest stark behindert werden würden.
  • In Gefahr sind nicht nur einheitliche Normen, sondern auch Urheberrecht und geistiges Eigentum. Russland hat bereits verfügt, dass es Beschränkungen für geistiges Eigentum aufhebt  - einschließlich von Patenten, wenn sie in Ländern registriert sind, die Russland als feindselig einstuft. 

Sanktionen treffen auch westliche Technologieunternehmen

Die zunehmende Isolation Russlands wird die Technologieindustrie des Landes für lange Zeit behindern, da westliche Sanktionen die Importe kritischer Produkte und Dienstleistungen unterbinden. Aufgrund des Krieges und der Sanktionen werden große Technologie- und Infrastrukturprojekte (wie beispielsweise 5G und Breitbandausbau) in der Ukraine und in Russland verlangsamt oder gestoppt. 

Die Wirkungen der Sanktionen (unter anderem das gegen Russland verhängte Technologie-embargo) sind noch nicht vollständig zu spüren. Aber letztlich ist Russland bei den meisten Technologien von der Außenwelt abhängig. Die russische Wirtschaft wird stark darunter leiden. Aber die Sanktionen treffen auch westliche Tech-Unternehmen, die viele Geschäfte mit Russland machen oder abhängig sind von Komponenten oder Leistungen, die sie aus Russland beziehen. 

Handlungsempfehlungen

Die kurz- und langfristigen Auswirkungen der Ukraine-Krise verlangen von den westlichen Technologieunternehmen eine Neuorientierung.

  • Unternehmen sollten ihre Wertschöpfungskette neu organisieren und Produktionsstätten sowie Lieferantennetzwerke diversifizieren. 
  • Bei internationalen Aktivitäten, bei der Ausrichtung von Geschäftsmodellen, Produkten und Geschäftspartnern gilt es fortan, die Spaltung der Welt in zwei unterschiedliche „Techno-Sphären“ mit zu berücksichtigen. 
  • Technologieunternehmen tun gut daran, geopolitische Entwicklungen stärker in ihre Risiko-Management-Systeme einzubeziehen. 
  • Arbeitsteilung, Outsourcing und Service-Center sollten in andere Weltregionen verlagert werden, wobei der politischen und gesellschaftliche Stabilität von Regionen gegenüber günstigen Produktionsbedingungen eine größere Bedeutung zugemessen werden sollte.