• Dr. Moritz Püstow, Partner |

Highlights

  • Bau und Betrieb von Gebäuden sind für 38 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich.

  • Unternehmen, welche die Klimabilanz ihrer Gebäude nicht verbessern, verlieren an Wettbewerbsfähigkeit.

  • Die Bauindustrie sollte die Chance nutzen und sich als Dienstleister anbieten, Bauen klimafreundlicher zu gestalten.

Bauen muss neu gedacht werden, um die Klimaziele zu erreichen. Der Bau und Betrieb von Gebäuden ist für 38 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, wie der Global Status Report for Buildings and Construction der Vereinten Nationen feststellt. Zwar fallen dreiviertel der Emissionen auf Nutzung und Betrieb der Immobilien. Aber schon in der Planung und im Bau sind die Grundlagen dafür zu schaffen, die Emissionen zu senken. Die Bauwirtschaft muss über die gesamte Wertschöpfungskette zusammenarbeiten, um die notwendigen Veränderungen herbeizuführen.   

Senkung der Treibhausgasemissionen ist verfassungsrechtliche Pflicht

Das deutsche Klimaschutzgesetz gibt Minderungsziele für den Gebäudesektor vor. Die Emissionen sollen hier bis 2030 um 67 Prozent gegenüber 1990 zurückgehen. Nach der Eröffnungsbilanz Klimaschutz des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz werden diese Ziele jedoch 2021 zum zweiten Mal in Folge verfehlt. Dabei hat das Bundesverfassungsgericht 2021 geurteilt, dass die Senkung der Treibhausgasemissionen eine verfassungsrechtliche Pflicht ist. Der Staat ist daher zum Handeln verpflichtet, substanzielle Veränderungen herbeizuführen. Möglich erscheint auch, dass Private und/oder Umweltverbände die Zivil- oder Verwaltungsgerichte anrufen, um die Verwaltung, Immobilien- und Bauunternehmen auf Reduktion der Emissionen zu verklagen. Vergleichbare Gerichtsverfahren wurden in diesem Jahr gegen Energie-, Automobil- und Textilunternehmen eröffnet. Der Ausgang ist offen.

Die notwendigen Handlungsfelder sind bekannt. So ist die stagnierende Sanierungsrate eine der Hauptursachen für die anhaltend hohen Emissionen. Im Rahmen des europäischen Green Deal schlägt die Kommission vor, die Mitgliedstaaten zu verpflichten, mindestens drei Prozent der Gesamtfläche aller öffentlichen Gebäude jährlich zu sanieren. Die neue Bundesregierung wird laut Koalitionsvertrag emissionsarme Neubauten fördern. 50 Prozent der Wärme soll klimaneutral erzeugt werden. Zudem will sie die bauplanungs- und bauordnungsrechtlichen Voraussetzungen für serielles und modulares Bauen und Sanieren schaffen. 

Bauabfälle machen mehr als die Hälfte des deutschen Müllaufkommens aus

Der Betrieb von Gebäuden ist aber nicht alles. Die Produktion von Zement als Bindemittel für den Baustoff Beton etwa ist für bis zu acht Prozent des globalen CO2 Ausstoß verantwortlich, die Stahlerzeugung für etwa zehn Prozent. Hinzukommt, dass der Bausektor zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren zählt und außerhalb des Straßenbaus bislang nur eine geringe Recyclingquote aufweist. Bauabfälle machen heute nach Ermittlungen des Umweltbundesamtes mehr als die Hälfte des deutschen Müllaufkommens aus. Dies soll sich ändern. Die Mantelverordnung mit der Ersatzbaustoffverordnung regelt ab 2023 die Herstellung und die Verwendung von Recycling-Baustoffen. Die Regelungen werden im Markt jedoch als wenig praxistauglich kritisiert. Hier bleibt abzuwarten, ob Nachbesserungen erforderlich sind. Im Koalitionsvertrag jedenfalls ist die Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft auch im Gebäudebereich als Ziel formuliert. Auch die Zulassung innovativer Materialien und Technologien soll erleichtert werden. 

Immobilienunternehmen, die die Klimabilanz ihrer Gebäude nicht ändern, werden dies mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit bezahlen. Denn die schlechte Klimabilanz der Gebäude trifft Mieter:innen schon jetzt und nach den Plänen der Bundesregierung künftig auch Vermieter:innen. Das Brennstoffemissionshandelsgesetz hat 2021 für die Verwendung von Erdöl, Erdgas und Kohle als Brennstoff die Pflicht zum Erwerb von Emissionsrechten (Emissionszertifikaten) eingeführt. Der Preis pro Tonne CO2 steht für die ersten Jahre bereits fest. Er startete 2021 bei 25 Euro und erhöht sich bis 2025 auf 55 Euro. Ab 2026 soll sich der Preis am Markt bilden, im ersten Jahr noch in einem festgelegten Preiskorridor. Der Trend zur nachhaltigen Finanzierung führt überdies dazu, dass ab dem ersten Januar 2022 die Finanzierung von Immobilien erschwert wurde, die nicht den Nachhaltigkeitskriterien entsprechen, die seit Dezember 2021 in Anhang I der Delegierten Verordnung 2021/2139/EU zur Taxonomie Verordnung genannt sind. 

Unternehmen könnten hieraus einen Wettbewerbsvorteil entwickeln

Aus allem wird klar, dass Bauen neu gedacht werden muss. Planung, Baustoffe und Bauprozesse müssen sich radikal ändern. Für die deutsche Bauindustrie sehe ich die große Chance, bei diesem Wandel eine treibende Rolle zu spielen. Dies gilt, obwohl direkte Emissionen der Bauwirtschaft und des Hochbaus nur einen Anteil von 2,6 Prozent der Emissionen im Bereich Bau und Betrieb von Gebäuden haben. Die Bauwirtschaft hat jedoch als Nachfrager der Baustoffe und als Konstrukteur der Gebäude in der Wertschöpfungskette eine Schlüsselrolle, auch für die Erreichung der Klimaziele. Unternehmen und Bauherr:innen, die dies als Chance begreifen, können hieraus einen Wettbewerbsvorteil entwickeln. Hierfür sind Lieferketten neu zu denken, Bauprozesse neu zu gestalten und das Verständnis von Materialien für eine Lebenszyklusbetrachtung zu nutzen. Es ist das lange formulierte Ziel der Bauindustrie, sich vom Lieferanten zum Dienstleister zu entwickeln. Die Klimaschutzziele bieten diese Chance, wenn es der Bauindustrie gelingt, ihre Schlüsselrolle zu nutzen und den Bauherren dabei zu helfen, ganzheitlich zu denken. Planung, Bau und Betrieb müssen zusammen gedacht werden, sei es von einem Totalunternehmer oder im partnerschaftlichen Dialog der Beteiligten. Denn: Die Klimaschutzziele betreffen die Planung der Gebäude für einen nachhaltigen Betrieb und die Wiederverwendbarkeit. Sie betreffen die Frage nach der Auswahl nachhaltiger Materialien und dem Einsatz von Technik zur Gewinnung von Energie, Wärme und Wasser sowie zur Versorgung der Immobilie mit selbigen. Sie betreffen schließlich auch die Frage zur Organisation der Baustelle, etwa zur Reduktion von Fahrtwegen.

Öffentliches Bauen wird hierbei ein Treiber sein. 27 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Bauhauptgewerbe mit der öffentlichen Hand. Ich erwarte, dass öffentliche Unternehmen und die Bauverwaltung auch darüber hinaus sehr bald ambitionierte Ziele vorlegen werden. So hat sich in Großbritannien etwa das staatliche Unternehmen National Highways verpflichtet, Emissionen im Baubereich bis 2030 um 50 Prozent zu senken. Meines Erachtens nach müssten Staat und Industrie besser zusammenarbeiten, um Innovationen zu treiben und Anreize für die Reduktion der Emissionen zu schaffen. Auch National Highways hat klar das Ziel formuliert, hierfür mit Zulieferern aus der Bauindustrie zusammenarbeiten zu wollen. Mir persönlich wäre es eine Freude, den vergabe-, haushalts- und zivilrechtlichen Rahmen dafür zu stricken, dass Bauprojekte künftig einen ganzheitlichen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.

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  • Moritz Püstow

    Moritz Püstow

    Partner, Head of Public Sector, Rechtsanwalt, KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH

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