• Dr. Steffen Wagner, Partner |

Highlights

  • Der Weiterentwicklung der Infrastruktur kommt beim Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle zu.

  • Um das Interesse von Investoren und Kreditgebern zu wecken, sind Infrastrukturentwickler und -betreiber bestrebt, ESG-Kriterien in ihre Projekte und in den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlagen einzubinden.

  • Der Klimawandel wird langfristige Auswirkungen auf den Lebenszyklus unserer Infrastrukturen haben. Das spiegelt sich auch darin wider, wie in Zukunft Infrastrukturanlagen geplant, finanziert, gebaut und betrieben werden.

Im Dezember 2020 einigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs darauf, das EU-Klimaziel für 2030 von derzeit mindestens 40 Prozent weniger CO2-Emissionen auf 55 Prozent im Vergleich zu 1990 anzuheben. Zusätzlich zu den EU-Zielen hat sich die deutsche Regierung das nationale Ziel gesetzt, bereits im Jahr 2045 Treibhausgasneutralität zu erreichen. Darüber hinaus wird Deutschland bis 2038, vorzugsweise bereits 2035, aus der Kohleverstromung aussteigen. Mit dem Kohleausstiegsgesetz wurde erstmals gesetzlich festgelegt, dass 2030 65 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Energien stammen müssen. 

Die verstärkte globale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Klimawandels kommt zu einer Zeit, in der COVID-19 die Welt geschwächt hat. Das ist kein Zufall. Viele Länder sehen am Ende einer Pandemie die Chance, stärker zurückzukommen. Sie sehen Potenziale im Wachstumsbereich Nachhaltigkeit, um angeschlagenen Volkswirtschaften wieder auf die Beine zu helfen.

Eine der Prioritäten der Länder in Sachen Nachhaltigkeit ist die Infrastruktur. Infrastruktur umfasst dabei unter anderem das komplexe Zusammenspiel aus Projekten in den Bereichen Transport-, Verkehrs-, Immobilien-, Telekomunikations- und Energiewirtschaft. Dabei geht es um einen mehrdimensionalen Ansatz, der wirtschaftliche, finanzielle, soziale, ökologische und institutionelle Ziele umfasst. 

Diese werden auch als die Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte (ESG) der Infrastruktur bezeichnet. 

  • Wirtschaftliche Nachhaltigkeit - Schaffung von wirtschaftlicher Attraktivität, Sicherung oder Diversifizierung von Arbeitsplätzen, Optimierung der Bauweise und Reduzierung der Lebenszykluskosten.
  • Soziale Nachhaltigkeit - Infrastrukturen, die Dienstleistungen erbringen und die Gesellschaft verbinden, die Lebensqualität fördern, die Kultur erhalten und sozialen Impact sowie Menschenrechte berücksichtigen.
  • Ökologische Nachhaltigkeit - Schutz der Umwelt und Verlangsamung des Klimawandels.
  • Governance und institutionelle Nachhaltigkeit  - Transparenz und solider Governance-Rahmen mit klaren Zielen.

Die Kerntreiber und Förderer des Wandels

Die meisten Anleger legen großen Wert auf die Einbeziehung von ESG-Grundsätzen in ihre Anlagemandate und Portfoliobestände. Genauso ist dies bei der Ermittlung und Verfolgung von Infrastrukturmöglichkeiten auf den Fremd- und Eigenkapitalmärkten der Fall. Infrastrukturentwickler und -betreiber sind bestrebt, ESG-Kriterien in ihre Projekte und in den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlagen einzubinden, um das Interesse von Investoren und Kreditgebern zu wecken. Laut der kürzlich von KPMG durchgeführten Umfrage zur Nachhaltigkeitsberichterstattung 2020 berücksichtigt ein Großteil der Investoren, Vermögensverwalter und Rating-Agenturen inzwischen Nachhaltigkeits- oder ESG-Kriterien bei der Bewertung von Unternehmensleistung und -risiko.

Auf der Agenda der Unternehmen stehen die Risikoermittlung, -bewertung und -minderung als vorrangige Bereiche. Die Unternehmen versuchen so, die finanziellen, physischen, regulatorischen, Reputations- und Übergangsrisiken zu quantifizieren, die durch den Klimawandel entstanden sind. Gemäß der KPMG-Umfrage „CEO Outlook 2020“ ist die Führungsebene überzeugt, dass Umwelt- und Klimarisiken die größte Bedrohung für das Wachstum ihrer Unternehmen darstellen. 

Auf Sektorebene sind es Unternehmen aus der Automobil-, Bergbau-, Versorgungs- und Technologie-, Medien- und Telekommunikationsbranche, die bei der Offenlegung von ESG-Daten vorneliegen, wobei davon 70 Prozent und mehr auch ihre Kohlenstoffziele publik machen. In Deutschland spielen insbesondere die Automobil-, Maschinenbau- und Immobilienbranche eine wichtige Rolle. So haben sich unter anderem führende Automobilhersteller sowie Industrie- und Transportunternehmen ehrgeizige Net Zero Ziele gesetzt. Während sich die individuellen Zieldaten unterscheiden, streben jedoch fast alle Unternehmen Klimaneutralität bis spätestens 2050 an. Die Ziele sollen vor allem durch Investitionen in nachhaltige Energienutzung und Antriebstechnologien vorangetrieben werden. 

Weiterhin gibt es immer mehr Zuschüsse und Subventionen von Seiten der Regierung für nachhaltige Projekte, die das Wachstum in diesem Bereich beschleunigen sollen. Dies erklärt auch die zunehmenden Partnerschaften zwischen Regierungen und Unternehmen, um die gesetzten Ziele für eine nachhaltige Infrastruktur voranzutreiben. In dieser Hinsicht könnten die Verfügbarkeit von Mischfinanzierungen  - ein Strukturierungsansatz, der es öffentlichen und privaten Investoren mit unterschiedlichen Zielen ermöglicht, nebeneinander zu investieren  - und Übergangsfinanzierungen dazu beitragen, die Entwicklung nachhaltiger Projekte voranzutreiben.

Das Thema Klima als zwingende Notwendigkeit

Es wird prognostiziert, dass der Klimawandel langfristige Auswirkungen auf den gesamten Lebenszyklus unserer Infrastruktur haben wird, und zwar in Bezug auf die Art und Weise, wie wir Infrastrukturanlagen planen, finanzieren, bauen und betreiben. Dieses grundlegende Umdenken bringt milliardenschwere Branchen hervor und eröffnet Chancen für bestehende und neue Akteure.

Mit Blick auf die Zukunft lassen sich viele mögliche Formen einer nachhaltigen Infrastruktur erkennen:

  • Intelligente und grüne Städte: Der Schwerpunkt liegt auf der bürgernahen Gestaltung von intelligenten Städten, welche die Lebensqualität verbessern. Intelligente Verkehrssysteme, Stromnetze, Gesundheitsversorgung und intelligente Versorgungseinrichtungen, belastbare und nachhaltige Wasser-, Strom- und Abfallwirtschaft sind die Markenzeichen dieser neuen Art von Städten.
  • Nachhaltige Technologien: Derzeit gibt es immer mehr Investitionsmöglichkeiten in nachhaltige Technologien, einschließlich Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung, Wasserstoff sowie Bioenergie als Kraftstoff.
  • Intelligente Bereitstellung von Infrastruktur: Technologie wird eingesetzt, um Projektrisiken und -kosten über den gesamten Projektlebenszyklus hinweg zu senken  - von der Planung über die Bauüberwachung (Einsatz von Drohnen) bis hin zum Leistungsmanagement (digitaler Zwilling, vorausschauende Wartung und robotergestützte Prozessautomatisierung). Dies gewährleistet eine hohe Zuverlässigkeit und Belastbarkeit und könnte ein Standard der Zukunft werden.

Auch Erfolgsgeschichten aus der Praxis liefern wichtige Erkenntnisse für die Projektplanung und -durchführung. 

  • Mit der Guideline des sogenannten „Masterplans“ fördert das Bundesumweltministerium, Kommunen, die bis 2050 ihre Treibhausgasemissionen um 95 Prozent gegenüber 1990 und ihren Endenergieverbrauch um 50 Prozent senken wollen. Teilnehmende Städte sind zum Beispiel Mainz, Braunschweig und Münster.
  • Mit dem Masterplan M³ „Green City Mainz“ beteiligt sich die Stadt Mainz beispielsweise an dem von der Bundesregierung geförderten „Sofortprogramm Saubere Luft 2017-2020“, um unter anderem die Luftbelastung durch Stickstoffdioxid (NO2) zu reduzieren. 
  • „Smart City Cologne“ ist ein Gemeinschaftsprojekt von Kölner Unternehmen, Privatpersonen, Verbänden und Behörden für den nachhaltigen und bewussten Umgang mit Energie. Im Rahmen des Projekts werden Technologien und Dienstleistungen erprobt, die das umweltbewusste Leben in der Stadt in Zukunft prägen werden, darunter Maßnahmen in den Bereichen Energie, Wärme, Daten und Mobilität.

So bewältigen Sie den Wandel - drei Faktoren

Auch wenn sich der weltweite Vorstoß für nachhaltige Infrastrukturen beschleunigt hat, liegen noch viele Herausforderungen vor uns. Daher sind drei Faktoren für die Bewältigung des Wandels hin zu nachhaltigen Infrastrukturen vor allem entscheidend: 

  • Aufbau institutioneller Kapazitäten: Die Konzeption und Strukturierung bankfähiger und kommerziell tragfähiger Projekte ist von entscheidender Bedeutung. Ausschlaggebend dafür ist die Entscheidung, sich von den traditionellen Wegen der Infrastrukturbereitstellung zu lösen und neue erfolgreiche Modelle zu nutzen. Die städtische Infrastruktur in Singapur, die Erfahrungen mit erneuerbaren Energien in Vietnam oder die Modelle für Straßenbauprojekte in Indien sind Vorlagen, welche andere Länder als Ausgangspunkt für ihre eigenen nachhaltigen Projektpipelines übernehmen können.
  • Ganzheitlicher Ansatz: Neben dem Aufbau von Kapazitäten ist ein gesamtstaatlicher Wandel von entscheidender Bedeutung, um eine Nachhaltigkeitsagenda voranzutreiben, bei der verschiedene Regierungsstellen gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten. Viele Länder haben bereits damit begonnen, einen Fahrplan zum Net-Zero-Verbrauch zu erstellen. Auf EU-Ebene beispielsweise ist der European Green Deal als neues Schlüsselprojekt der EU-Kommission eine umfassende Wachstumsstrategie für eine klimaneutrale und ressourcenschonende Wirtschaft einschließlich eines Vorschlags für ein europäisches Klimaschutzgesetz. 
  • Nutzung des Privatsektors: Der Schlüssel zur Bereitstellung innovativer und nachhaltiger Infrastrukturdienste liegt in der Rolle des Privatsektors. Auf dem hart umkämpften Markt bietet die Nutzung von Infrastruktur als Dienstleistung große Vorteile. Der Privatsektor ist getrieben, Technologie-, Management- und Finanzinnovationen mit Energieeffizienz und Lösungen für das Lebenszykluskostenmanagement zu kombinieren, um nachhaltige Infrastrukturen ohne Renditeeinbußen bereitzustellen. Angesichts der Urbanisierung und des zunehmenden Bedarfs an robuster und widerstandsfähiger Infrastruktur wird sich der Schwerpunkt auf intelligente städtische Infrastrukturdienste verlagern. Damit wird es zur Notwendigkeit, die Fähigkeiten des privaten Sektors weiterzuentwickeln, um Wirtschaftsplaner und Regulierungsbehörden bei der Festlegung des Fahrplans für eine nachhaltige Zukunft zu unterstützen.

Bei grüner Infrastruktur geht es nicht nur um klimafreundliche Gebäude und Netze. Es geht darum zu überlegen, wie man Nachhaltigkeit in den Alltag einbauen und gleichzeitig Allianzen schaffen kann, um dies zu verwirklichen.