• Sebastian Korporal, Senior Manager |

Highlights

  • Europa und China haben ein gutes Schienennetz und gute Straßenverbindungen für Lkw.

  • Die Landfracht ist erstmals konkurrenzfähig gegenüber der Luft- und Seefracht.

  • Automatisierte Fahrzeuge können die Attraktivität von Landtransporten weiter steigern.

In einer dreiteiligen Blog-Reihe werfen wir einen genauen Blick auf den Warentransport zwischen Europa und Asien. Wie entwickeln sich die Frachtraten? Welche Infrastrukturen entstehen neu? Wir beurteilen die Entwicklung und schätzen Trends ab. Im ersten Beitrag widmeten wir uns dem Containertransport per Schiff und Zug. Im zweiten Teil wurde die Luftfracht betrachtet. Eine Verlagerung auf die Straße erscheint in Zukunft als eine mögliche Alternative und wird daher in diesem letzten Teil der Blog-Serie näher analysiert.

Das Projekt „One Belt, One Road“: Landwege zwischen China und Deutschland

Der „Silk Road Economic Belt” umfasst verschiedene Landwege, die von China ausgehend Europa erreichen, wie in der nachfolgenden Grafik dargestellt. Der bei Transportmanagern bekannteste Transportweg dürfte dabei der Trans-Eurasia-Express sein, der den Schienengütertransport zwischen Asien, Russland und Europa ermöglicht.

Die Nachfrage nach Gütertransport auf diesem Landweg ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Beispielsweise ist die Zahl der Güterzüge, die zwischen dem Duisburger Hafen und den Destinationen in China verkehren, auf bis zu 60 Stück pro Woche gestiegen. Das entspricht einem Anstieg gegenüber dem Vorjahr von ca. 70 Prozent. Diese Zahlen können stellvertretend für die Gesamtentwicklung gesehen werden, da jeder dritte Güterzug, der zwischen China und Europa verkehrt, im Rheinhafen Halt macht [1].

Landkarte

Bahnverkehr - schneller als mit dem Schiff und billiger als per Luftfracht

Die Bahn kann im Vergleich zu den emissionsstarken Transportoptionen Luft- und Seefracht eine umweltfreundliche emissionsarme Alternative sein. Der CO2-Ausstoß ist beim Bahnfrachtverkehr bis zu 90 Prozent geringer als bei Luftfracht. Das ist nicht unerheblich und stellt durch die aktuelle Bedeutung von Nachhaltigkeit  - insbesondere ESG (Environmental, Social & Governance) einen wesentlichen Vorteil dar [2]

Außerdem sind die geringeren Kosten im Bahnverkehr ein entscheidender Faktor. Sie liegen pro Tonne Transportgut bei nur 20 Prozent der Kosten eines Frachtflugs [3]. Auch im Vergleich der durchschnittlichen Kosten des Landverkehrs mit denen des Seeverkehrs schneidet der Transport auf der Schiene aktuell erstmals kostengünstiger ab. Grund dafür sind die derzeit hohen Containerraten, die in der Seefracht auf bis zu 14.000 Dollar pro Container angestiegen sind [4]. Noch im November 2020 lag der Preis pro Container bei 2.000 Dollar. Die Seefracht ist damit so teuer wie nie zuvor [5].

Der Grund für die hohen Raten liegt, wie bereits im ersten Beitrag unseres Blogs thematisiert, in einer deutlich gestiegenen Nachfrage während der Corona-Pandemie bei gleichzeitig knappen Transportkapazitäten. Dass sich die Preise bald normalisieren werden, ist vorerst nicht zu erwarten. Möglicherweise könnten die hohen Containerpreise sogar bis 2024 anhalten. Mit den Preisen einher gehen Verspätungen der Schiffe aufgrund der hohen Auslastung und wegen Kapazitätsengpässen bei der Löschung und Umschlagabwicklung in internationalen Häfen.

Verspätungen im Bahnverkehr hingegen sind nicht zu erwarten. Der Schienengüterverkehr gilt als die sicherste Art des Warentransports. Zwischen Asien und Europa braucht die Bahn 16 bis 22 Tage, während die Seefracht unter normaler Auslastung zwischen 28 und 36 Tage benötigt [2]

Der Bahnverkehr bietet demnach aktuell eine attraktive Ausweichmodalität für den sowohl teureren als auch zeitintensiveren Seeverkehr. Im Vergleich zur Luftfracht ist er jedoch trotz der Umwelt- und Kostenvorteile nicht für besonders zeitkritische oder verderbliche Hochwertgüter geeignet. Die aktuell weiterhin angespannte Kapazitätslage im Luftverkehr dürfte jedoch trotzdem zu einer Verlagerung einiger Warenströme führen.

Die Herausforderungen im Bahnverkehr

Im Bahnverkehr zwischen Europa und China bestehen dennoch vor allem technische und administrative Aufwände, die es zu überwinden gilt. Auf der gesamten Strecke müssen die Züge zweimal umgespurt werden, da Belarus, Russland, die Mongolei und Kasachstan eine andere Spurweite einsetzen als China und die meisten europäischen Länder. Hinzu kommen unterschiedliche Signaltechniken sowie Anforderungen an das Personal in den jeweiligen Ländern. Des Weiteren können Formfehler in den Zolldokumenten den reibungslosen Ablauf des Transports gefährden.

Ebenso erschweren die strukturellen Rahmenbedingungen den Bahnverkehr. Die Frachtmenge von Europa nach China ist deutlich geringer als umgekehrt  - dies beeinträchtigt den schnellen und wirtschaftlich rentablen Rücklauf der Züge. Außerdem ist der Bahnverkehr, wie auch der Seeverkehr, von der geringen Verfügbarkeit von Transportcontainerkapazität betroffen. Im Schienennetz wird das verfügbare Volumen zudem durch Faktoren wie die maximale Zuglänge, die Streckenauslastung sowie die Kapazität der Umschlagbahnhöfe begrenzt.

Auch die Topografie der Bahnstrecke ist nicht zu unterschätzen. Während des Transports sind die Container deutlichen Höhenunterschieden (bis zum 1.500 Höhenmeter) und damit unterschiedlichen Temperaturen und Witterungsbedingungen ausgesetzt. Dies erhöht insbesondere für temperaturempfindliche Waren wie Elektronikartikel, Lebensmittel oder Medizinprodukte die Nachfrage nach Spezial-Equipment wie beispielsweise isolierten Containern, Kühlcontainern (45` Feet Diesel Reefer) oder Isoliermaterial für die Containerinnenseiten (Envirotuff Liner) oder die Paletten selbst (Temax Hüllen). 

Der Lkw-Transport

Eine Alternative zum See-, Luft- und dem schienengebundenen Landverkehr bietet der Lkw-Transport. Für eine Strecke von ca. 11.000 Kilometern von China nach Europa braucht ein Lkw mit einem Fahrer von Tür zu Tür ungefähr 14 Tage. Bei einem Einsatz von zwei Lkw-Fahrern sind Transitzeiten von 8 Tagen erreichbar [6].

Die Route führt über Kasachstan, Russland, Belarus und Polen, und für die Transporte wird das TIR-Verfahren (Transports Internationaux Routiers) eingesetzt. Hierbei werden die Frachträume der Fahrzeuge durch den Zoll verplombt. Somit ist unterwegs keine Öffnung der Fracht möglich, ohne dass dies bei einer Kontrolle auffallen würde. Trotzdem sind Grenzübergänge kritische Punkte für die Sicherheit des Transports als auch die Gewährleistung der angestrebten Laufzeit. Grundsätzlich mangelt es entlang der Transportstrecke zudem an Möglichkeiten, die Fahrzeuge überwacht und gesichert abzustellen. 

Im Vergleich zur Bahn punktet der Lkw-Transport für Komplettladungen mit noch kürzeren Laufzeiten. Die Zeitersparnis liegt bei etwa zehn Tagen pro Strecke. Hinzu kommt, dass die Güter im Lkw immer von Tür zu Tür transportiert werden. Der Lkw-Transport kostet aktuell ungefähr viermal so viel wie der Bahntransport, ist aber noch deutlich günstiger und umweltschonender als eine Luftfracht [6]

Im Hinblick auf den Transport von Spezialfracht bietet der Lkw-Transport derzeit weitere Vorteile  - insbesondere bei der Verfügbarkeit von Kühltransporten. Zudem lassen sich z. B. Gefahrgüter auf der Straße oft unkomplizierter ans Ziel bringen als etwa im Luftverkehr.

Die Verlagerung auf die Straße gewinnt an Attraktivität

Das globale Frachtvolumen, insbesondere auch die Relation zwischen Asien und Europa wird erwartungsgemäß weiter steigen. Modalitäten, die große Frachtmengen aufnehmen können, werden daher weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. So können moderne Containerschiffe bis zu 20.000 TEU aufnehmen  - eine Menge, die einem etwa 200 Kilometer langen Zug entspricht. Zudem ist die Attraktivität der Luftfracht im Hinblick auf Geschwindigkeit weiterhin, der Nachhaltigkeitsfrage zum Trotz, konkurrenzlos.

Dennoch führen das Geschwindigkeitspotenzial des straßengebundenen Landverkehrs sowie die pandemiebedingten Herausforderungen bei Kapazitäten und Preisen im Luft- und Seefrachtverkehr dazu, dass der Gütertransport auf der Straße und mit der Bahn zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Landfracht ist erstmalig konkurrenzfähig gegenüber Schiff- und Luftfahrt, nicht zuletzt auch durch den laufenden Ausbau der Routen. Entsprechend gilt es nun, den modalen Gütermix nach Prioritäten und Preisstrukturen neu zu optimieren.

Ausblick in die Zukunft: Automatisierte Lkw und Züge

Für die Zukunft des Landverkehrs spielt dabei auch neue Technologie eine Rolle: Selbstfahrende Fahrzeuge, die elektrisch oder mit Wasserstoff angetrieben werden, sind nicht nur ein Zukunftsbild für Pkw, sondern auch für Lastkraftwagen. Insbesondere für den Transport auf der Straße zwischen China und Europa ist die Nutzung autonom fahrender Fahrzeuge mehr als vorstellbar und könnte schneller als erwartet zur Realität werden.

Allerdings müssen notwendige Voraussetzungen dafür noch geschaffen werden. Hierzu zählt vor allem ein Straßennetz, das die maschinelle Verarbeitung von Daten sicherstellt und die Grundlage für autonomes Fahren schafft. In Anbetracht der ehrgeizigen Ziele der chinesischen Regierung, die Seidenstraße auszubauen, könnte ein Großteil der Straßen die erforderlichen Voraussetzungen in den kommenden 10 bis 15 Jahren erfüllen. Der (Teil-)Einsatz autonom fahrender Lkw auf der Seidenstraße im Jahr 2035 scheint somit keine utopische Vorstellung zu sein. Mit welchem Antrieb diese Lkw fahren, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Auf europäischen Autobahnen wären auch elektrisch angetriebene Lkw, die den Strom aus einer Oberleitung beziehen, denkbar.

Auch im Bahnverkehr wird die Entwicklung der „Automated Train Operation“ (ATO) vorangetrieben. Das automatisierte Fahren auf der Schiene könnte die Bahntransporte langfristig beschleunigen bzw. vereinfachen, da eine Technologie problemloser mit den verschiedenen Zugsicherungs- und Signalsystemen umgehen kann, als das im menschlichen Betrieb der Fall ist. Dadurch können Fahrzeiten besser vorhergesagt und Auffahrunfälle vermieden werden. Das steigert Effizienz und Sicherheit.

Abschließend lässt sich beobachten, dass sowohl die Dynamik der globalen Warenströme als auch die weltweite Gesundheitskrise den modalen Mix im Welthandel massiv beeinflusst haben. Nie zuvor waren Frachtpreisgefüge so volatil und Technologien so entscheidend für den weiteren Weg der Branche. In dieser transformativen Zeit gilt es für Unternehmen in Produktions- und Transportwirtschaft, den richtigen modalen Mix für ihre Bedürfnisse zu identifizieren. Die Verbindung zwischen Europa und Asien sowie die neue Seidenstraße werden dabei in den kommenden Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielen.