Hohe Kreditrisiken durch gestiegene Energiepreise

In unserer letzten Ausgabe des Newsletters (Nr. 116 vom 25.11.2021) haben wir ausführlich über die gestiegenen Energiepreisrisiken in Industrie und Handel und deren Folgen berichtet. Nachfolgend wollen wir einen Blick auf die Auswirkungen dieser Preisentwicklungen auf das Kreditrisiko werfen und aufzeigen, was das Risikomanagement tun kann, um diesen Risiken möglichst effektiv und schnell zu begegnen.

Der jüngste Anstieg der Strom- und Gaspreise an den Europäischen Energiemärkten hält Einkäufer und Risikomanager quer durch alle energieintensiven Branchen weiterhin in Atem. Unternehmen, die in den vergangenen Jahren zum Beispiel im Rahmen einer strukturierten Energiebeschaffung langfristig geplant und Einkaufspreise insbesondere für Strom und Gas fixiert haben, sehen sich bedingt durch die gestiegenen Preise einem hohen Vorleistungs- und Wiederbeschaffungsrisiko und einer wachsenden Auslastung ihrer Kreditlimits oder ihres eigenen, bei ihren Vertragspartner bestehenden, Kreditlimits gegenüber. Hierdurch droht Unternehmen im schlimmsten Fall eine Handlungsunfähigkeit, sofern eine Anpassung der Limits und eine Aufstockung des Risikokapitals nicht möglich sein sollte. Unternehmen, die sich in einer solchen Situation befinden, stehen mehrere Mittel zur Verfügung, um die notwendige Flexibilität für die Aufrechterhaltung der Handelsaktivitäten sicherzustellen. Diese werden wir nachfolgend näher erläutern und Optimierungspotenziale im Umgang mit Kreditrisiken aufzeigen. 

Überprüfung der Risikokapitalaggregation

Zunächst sollte geprüft werden, ob die Aggregation des Risikokapitals sachgerecht ist. Häufig wird bei der Aggregation von Einzelrisiken eine Korrelation der Risiken von 1 angenommen (additiv). Dies entspricht einem konservativen Ansatz, da hier der gleichzeitige Eintritt sämtlicher Risikoarten angenommen wird. In der Regel werden die Risiken bei dieser Variante überschätzt und somit „zu viel“ Risikokapital für Risikoarten bereitgestellt. In der Kreditrisikosteuerung ist somit die Tatsache zu berücksichtigen, dass realistischerweise niemals alle Handelspartner gleichzeitig ausfallen werden. Damit kann die Summe der vergebenen Kreditlinien größer sein, als das vergebene Kreditrisikokapital. 

Reallokation des Risikokapitals

Ein ähnlich effektives Mittel für die Bereitstellung von Risikokapital für Kreditrisiken stellt die Reallokation von bereits vergebenem Risikokapital dar. Hierbei ist die tatsächliche Inanspruchnahme von Risikokapital aus Einzelrisiken (Markt-, Kredit-, und Liquiditätsrisiko sowie operationelles Risiko) regelmäßig zu überprüfen, sowie die Angemessenheit der Methodik und Modellierung zur Messung dieser Risiken durch regelmäßiges Backtesting zu hinterfragen. Sollte die Untersuchung ergeben, dass in Summe weniger Risikokapital für Markt- und Liquiditätsrisiken sowie operationelle Risiken benötigt wird, kann dies eine Erhöhung der Risikokapitalunterlegung für Kreditrisiken rechtfertigen, ohne, dass zusätzliches Risikokapital bereitgestellt werden muss. Gegebenenfalls kann zusätzlich flexibles Risikokapital zur Deckung von vorübergehenden Peaks in der Kreditlimitausnutzung, befristet durch Beschluss der zum Beispiel Geschäftsführung oder des Risikokomitees, auf das Kreditrisiko reallokiert werden. Hierzu müssen im Vorfeld die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen und in den aktuellen Risikorichtlinien verankert werden. 

Überarbeitung des Risikomaßes

Oftmals betrachten Unternehmen Kreditrisiken auf Einzelebene, das heißt, sie nehmen den Ausfall eines einzigen Handelspartners an. Möchte man es genauer wissen, muss man bestimmen, welcher Ausfall bei gegebener Kreditlinienvergabe mit welcher Wahrscheinlichkeit auf Ebene des Handelsportfolios zu erwarten ist. Diese Frage wird durch das Credit-VaR-Modell beantwortet. Der Ausfall eines Handelspartners lässt sich hier als eine binäre Zufallsvariable modellieren. Die Ausfallhöhe ist dann die Summe korrelierter binärer Zufallsvariablen. Es ergibt sich eine für Kreditrisiken typische schiefe Verteilung. In einem Handelsportfolio treten mit hoher Wahrscheinlichkeit überhaupt keine Kreditrisikoverluste auf, mit geringen Wahrscheinlichkeiten sehr hohe Verluste. Um ein noch genaueres Ergebnis zu erhalten, können weitere Korrelationsfaktoren, die aus der Analyse von historischen Daten gewonnen werden können, hinzugezogen werden. Durch die Verwendung eines CVaR und entsprechenden Korrelationen wird die Genauigkeit der Risikomessung erhöht und i.d.R. eine Überschätzung des Kreditrisikos vermieden. Die Aussagekraft des CVaR hängt allerdings stark von der Größe des betrachteten Handelsportfolios und der Güte der verwendeten Daten ab. 

Nutzen sie die Gelegenheit ihre aktuellen Methoden und Modelle zur Ermittlung des Risikokapitals und der Kreditlimitauslastung zu überprüfen und in Hinblick auf eine Zunahme von Marktpreisvolatilität gegebenenfalls zu überarbeiten.

Für Fragen steht wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 117, Dezember 2021

Autoren: 
Ralph Schilling, CFA, Partner, Head of Finance and Treasury Mangement, KPMG AG
Moritz zu Putlitz, Manager, Finance and Treasury Mangement, KPMG AG