In der jüngeren Vergangenheit war das Credit-Spread-Risiko im Bankbuch (CSRBB) in der Marktpreisrisikomessung und -steuerung gegenüber dem Zinsänderungsrisiko (IRRBB) von untergeordneter Bedeutung. Mit Ausnahme weniger Passagen in den MaRisk und in den Richtlinien zum IRRBB bestehen zudem (Stand Anfang 2021) keine klar definierten Anforderungen an das CSRBB-Management. Angesichts einer höheren ökonomischen Bedeutung des CSRBB im aktuellen Niedrigzinsumfeld, sowie einer erwarteten regulatorischen Richtlinie zu dem Thema beschäftigten sich Banken zuletzt verstärkt mit dem CSRBB. Daher zeigen wir im Folgenden aktuelle regulatorische Entwicklungen auf, geben einen Marktüberblick zum Thema und beschreiben einige praktische Handlungsempfehlungen. 

Entwicklungen bei Regulatoren und Aufsicht

Das CSRBB ist aktuell eines der Fokusthemen der deutschen und europäischen Aufsichtsbehörden. Dies ist u.a. anhand vermehrter aufsichtlicher Feststellungen sowie der Berücksichtigung des CSRBB in der Quantitative Impact Study (QIS) erkennbar.

Darüber hinaus hat die Aufsicht im Rahmen der IRRBB-Arbeitsgruppe ein Arbeitspaket definiert, in welchem ein Konsultationspapier zum Thema CSRBB erarbeitet wird, entweder als eigenständige Richtlinie oder als Teil einer aktualisierten Richtlinie zum Zinsänderungsrisiko. Wir erwarten eine Veröffentlichung dieses Konsultationspapiers im dritten oder vierten Quartal 2021, gefolgt von der Veröffentlichung der finalen Richtlinien und Regelungen im 1. Quartal 2022. Unsere aktuellen Erwartungen sind in der folgenden Roadmap dargelegt:

Grafik 1

Basierend auf unseren Erfahrungen ergeben sich zwischen den Konsultationspapieren und finalen Richtlinien der EBA üblicherweise keine grundlegenden Änderungen in den Anforderungen. Aufgrund dessen empfehlen wir Banken, die Konsultationsphase detailliert zu verfolgen sowie mögliche Diskussionspunkte und Klarstellungsbedarfe frühzeitig an die Aufsicht zu kommunizieren.

Einige Banken beschäftigen sich auch vor diesem Hintergrund bereits vermehrt mit dem CSRBB. Die aktuellen Themen und Problemstellungen der Marktteilnehmer werden im Folgenden diskutiert. 

Marktübersicht und Entwicklungen bei Banken

Das CSRBB stand in der Vergangenheit nicht im Fokus der Banken. Den Grund dafür sehen wir zum einen in den wenig ausdefinierten Anforderungen an CSRBB-Management und zum anderen in der unterschiedlichen Abhängigkeit der Banken vom Risiko. Mittelpunkt der Marktpreisrisiken im Bankbuch waren in den vergangenen Jahren vor allem die „klassischen“ Zinsänderungsrisiken.

Viele Banken berücksichtigten das CSRBB zwar in der barwertigen Risikomessung und der ökonomischen ICAAP-Perspektive. Die Methoden, Modelle und Prozesse waren im Vergleich zum IRRBB jedoch weniger weit entwickelt. In der periodischen Sicht (inkl. Net Interest Income) spielt das Credit-Spread-Risiko demgegenüber bis heute kaum eine Rolle.

Zuletzt lässt sich allerdings beobachten, dass das CSRBB zunehmend in den Fokus der Banken gerückt ist. Die Ursachen waren sowohl der oben bereits angeführte gestiegene regulatorische Druck als auch eine höhere Relevanz der Credit-Spread-Risiken für das Ergebnis der Banken in der aktuellen Niedrigzinsphase. Ursächlich hierfür ist eine verstärkte Verwendung von Wertpapieren als Kreditersatzgeschäft und Anlageprodukt bei einigen Banken, und somit einer gestiegenen Bedeutung der Credit Spreads für das Zinsergebnis. Zudem erhielten einige Banken von ihren großen Kunden Kreditkündigungen, welche mit Credit-Spread-Änderungen zusammenhingen.

In der Folge stehen bei Banken aktuell vor allem folgenden Themenfelder und Fragestellungen im Fokus  - nach wie vor mit dem Schwerpunkt auf die barwertige Sichtweise:

I.    Definition von Positionen mit Credit-Spread-Risiken: Welche Positionen sind im CSRBB zu berücksichtigen, und welche Auswirkung hat die Definition des CSRBB auf die Risiken der Banken?

II.   Bewertungsmethoden und Einbindung in den ICAAP: Welche Möglichkeiten bestehen für die Bewertung des CSRBB und wie ist dieses in den ICAAP zu integrieren?

Beide Themenkomplexe werden im Folgenden vertieft behandelt und mögliche Handlungsfelder und -empfehlungen abgeleitet. 

I. Definition von Positionen mit Credit-Spread-Risiken

Gemäß Definition der EBA IRRBB Guideline (EBA/GL/2018/02) umfasst das CSRBB „das Risiko aus Änderungen der Marktwahrnehmung der Preise von Kreditrisiken, Liquiditätsprämien und anderen möglichen Komponenten von Instrumenten mit Kreditrisiko, das bei diesen Kreditrisiken, Liquiditätsprämien und anderen möglichen Komponenten zu Preisschwankungen führen kann, die nicht unter das IRRBB oder das erwartete Kreditrisiko/(Jump-to-)Default-Risiko (Risiko eines plötzlichen Ausfalls) fallen“. Hierbei werden in der Regel nur Positionen der Aktivseite der Bilanz berücksichtigt. Die Auslegung dieser regulatorischen Definition variiert zwischen europäischen Banken aktuell noch stark, da der Regulator sie bisher noch nicht konkretisiert und klargestellt hat. Für die bankinterne Abgrenzung des CSRBB werden die folgenden drei Geschäftseigenschaften in der barwertigen Betrachtung üblicherweise angewendet:

  • Positions-/Wertpapierart: Kredite vs. Wertpapiere, börsengehandelte Papiere vs. außerbörsliche Papiere, Namensschuldpapiere vs. Inhaberpapiere,
  • Accounting-Kategorie: Fair Value vs. Amortized Cost
  • Kontrahent: Kapitalmarktorientiertes Unternehmen, für das Credit Spreads am Markt ableitbar sind vs. Unternehmen, für das die Credit Spreads aus Indizes bzw. vergleichbaren Unternehmen abgeleitet werden müssen vs. Privatpersonen.

Diese Kategorien lassen sich auch  - zumindest in Ansätzen  - in der aktuellen QIS erkennen. So sind dabei etwa die Risikopositionen für die Produkte mit Fair Value Accounting und Amortized Cost Accounting separat auszuweisen. Daneben wird ebenfalls unterschieden, ob die Bewertung der Produkte auf Marktbeobachtungen (bspw. Börsenkurse) beruhen oder nicht. Wir erwarten daher, dass sich die Definition der EBA im Rahmen des Konsultationspapiers an ähnlichen Kriterien orientieren wird.

Entlang der drei genannten Kriterien definieren Banken intern, welche Positionen mit Credit-Spread-Risiken behaftet sind (i.d.R. auf Ebene der einzelnen Position bzw. des einzelnen Wertpapiers). Im Bereich der barwertigen Credit-Spread-Risiken kann die aktuelle Marktpraxis der folgenden Grafik entnommen werden:

Grafik 2

Insgesamt beschränkt sich eine dezidierte CSRBB-Betrachtung auf Positionen der Aktivseite passend zu Aussagen der EBA in den IRRBB Guidelines. Der Trend entwickelt sich verstärkt dahin, Namens- und Inhaberpapiere unabhängig von der Accounting-Kategorie zu berücksichtigen. In der Regel berücksichtigen Banken hierbei auch außerbörsliche Papiere, für die die Credit Spreads aus vergleichbaren Unternehmen bzw. Sektor-/Industrie-Indizes abgeleitet werden. Die Berücksichtigung von Firmenkundenkrediten hingegen ist eher unüblich, wird aber vereinzelt für zum Fair Value bilanzierte Kredite von kapitalmarktorientierten Schuldnern angewendet.

Die genaue Definition des CSRBB hat einen erheblichen Einfluss auf die Risikoposition deutscher Banken. Dies betrifft insbesondere jene Institute, die in der Niedrigzinsphase und bei steigenden Einlagenvolumen vermehrt auf Anleihen und Wertpapiere setzen, um Erträge zu erwirtschaften. Sofern die EBA das CSRBB breiter auslegt als aktuell marktüblich, sind somit signifikante Effekte in der Marktpreisrisikomessung und im ICAAP zu erwarten. Erste Banken haben daher damit begonnen, die Auswirkungen verschiedener Anwendungsbereiche des CSRBB auf barwertige Risikokennzahlen zu analysieren (d.h. szenario- oder sensitivitätsbasierte Analyse unter Berücksichtigung verschiedener Portfolien). Diesen Ansatz erachten wir als empfehlenswert, um das Bewusstsein für das Thema zu schaffen und die Folgen der künftigen Definition des CSRBB für die eigene Bank besser zu verstehen. Darüber hinaus ist es empfehlenswert, Auswirkungen eines erweiterten Anwendungsbereichs des CSRBB auf Datenanforderungen frühzeitig zu evaluieren.

Wie im folgenden Abschnitt weiter erläutert wird, ist die Messung des CSRBB in der periodischen Sicht aktuell noch unüblich. Daher lassen sich hier bislang kaum Aussagen zum Anwendungsbereich bzw. der Definition ableiten. Es ist jedoch zu erwarten, dass die relevanten Positionen in der künftigen barwertigen und periodischen Messung der Credit-Spread-Risiken deckungsgleich sind. 

II. Bewertungsmethoden und Einbindung in den ICAAP

In der Risikobewertung wird analog dem Zinsänderungsrisiko üblicherweise zwischen der barwertigen Risikomessung (VaR, Barwertsimulationen) und der periodischen Risikomessung (NII, Earnings) unterschieden.

In der barwertigen Risikomessung wird das CSRBB häufig bereits berücksichtigt, entsprechend des in I. definierten Wertpapier-Scopes. Gängige Methoden sind hierbei historische Value-at-Risk-Modelle oder szenariobasierte Barwertanalysen (Economic Value of Equity), die auch für die Berücksichtigung im ökonomischen ICAAP herangezogen werden. In der operativen Risikomessung werden darüber hinaus häufig Credit-Spread-Sensitivitäten (CS01) ermittelt. Die Messmethoden und -prozesse orientieren sich hierbei in der Regel sehr stark an der „IRRBB-Welt“. Optionale Komponenten (z.B. Optionen in den Wertpapieren) werden bei vielen Banken aktuell jedoch noch nicht vollumfänglich in der Bewertung des CSRBB berücksichtigt. Im Gegensatz zum IRRBB sind diese jedoch bei vielen Banken im CSRBB ein immaterieller Faktor.

In der periodischen Risikomessung wird das CSRBB allerdings häufig noch nicht betrachtet. Mit Ausnahme weniger „Better-practice-Banken“ behandeln deutsche und europäische Banken die Credit Spreads nicht als relevanten Treiber bei Net Interest Income Simulationen. Mögliche Margeneffekte einer Credit-Spread-Änderung werden entsprechend von den wenigsten Banken simuliert. Analog verhält es sich mit der in der IRRBB-Richtlinie (EBA/GL/2018/02) eingeführten Earnings-Perspektive.

Wir erwarten, dass die periodische Risikosicht auf das Credit-Spread-Risiko, im Rahmen der neuen Richtlinie zum CSRBB, relevant und erforderlich wird, sofern die Margenrisiken aus Credit-Spread-Änderungen im Betrachtungszeitraum (i.d.R. drei bis fünf Jahre) ein wesentliches Risiko darstellen. Dies könnte erhebliche Anpassungen und ggf. Neukonzeptionen für die etablierten NII- sowie Earnings-Methodiken deutscher und europäischer Banken nach sich ziehen. Entsprechende Effekte sind in einer normativen ICAAP-Sicht zu berücksichtigen.

Handlungsempfehlungen

Die Auswirkungen von Credit-Spread-Änderungen auf das periodische Ergebnis sind bei einigen Instituten signifikant. Diese werden die Risiken auch im Risikomanagement zu berücksichtigen haben. Wir empfehlen Banken daher, frühzeitig zu analysieren und quantifizieren, inwieweit die Credit Spreads ein relevanter Treiber für das periodische Ergebnis sind. Sofern hier die Risiken materiell sind, sollten die Auswirkungen des CSRBB auf die NII-Methodik evaluiert werden.

In der barwertigen Perspektive wird viel von den aufsichtlichen Vorgaben zum Scope des CSRBB abhängen. Diese sollten in den Jahren 2021 und 2022 geklärt werden. Wir empfehlen Banken, heute Auswirkungen von Scope-Änderungen zu analysieren. Banken sollten insbesondere die Konsequenzen für ihr Ergebnis verstehen, wenn sie in der ökonomischen Perspektive Credit-Spread-Risiken für alle Wertpapiere sowie für alle Kredite an kapitalmarktorientierte Unternehmen einbeziehen (müssen). Nur mit diesem Wissen kann eine zielgerichtete Diskussion mit Regulatoren und Aufsicht geführt werden. Deren Entscheidungen zum CSRBB-Scope können für manche Banken eine Änderung des Geschäftsmodells erfordern. Darauf sollten sie vorbereitet sein.

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Unsere erfahrenen Experten unterstützen Sie gerne dabei, sich optimal auf die Anforderungen an die interne Steuerung der Credit-Spread-Risiken im Bankbuch vorzubereiten.