Der globale Zahlungsverkehr durchläuft derzeit einen signifikanten und disruptiven Wandel. Neue Technologien, Produkte und Kommunikationswege, aber auch vermehrter Wettbewerb zwischen Banken, FinTechs und Service Providern eröffnen einerseits für Unternehmen stets neue Möglichkeiten, Zahlungen durchzuführen und zu orchestrieren, sie zwingen andererseits aber auch die Regulatoren und Regierungen mit diesem schnellen Wandel Schritt zu halten und entsprechende Regelwerke und Gesetze zu verabschieden.

Interessant ist, wie die einzelnen Länder und Regionen damit umgehen, welche Initiativen es derzeit gibt und wo die Unterschiede liegen.

Wir möchten heute einen Blick über den großen Teich nach Kanada wagen und die dortigen, aktuellen Entwicklungen des Zahlungsverkehrs betrachten und gleichzeitig den Vergleich zum europäischen Raum und den Bestrebungen der EU-Kommission ziehen.

Der Vergleich mit Kanada ist interessant, da auch dort die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit des Zahlungsverkehrs ein zentrales und essenzielles Anliegen ist, um im internationalen Vergleich nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Die Initiative der Modernisierung des Zahlungsverkehrs in Kanada1

Die Idee, den kanadischen Zahlungsverkehr landesweit zu modernisieren, entstand bereits 2015 und führte 2016 zu einer konkreten Vision, nämlich ein nationales System zu etablieren, das schnell, flexibel uns sicher die Innovation des Zahlungsverkehrs vorantreibt, um die Wettbewerbsfähigkeit des Landes international zu stärken.

Die Vision umfasste dabei acht Säulen, die das künftige System stützen sollten:

  1. Schnellere Zahlungsoptionen
  2. Datenreiche Zahlungen
  3. Transparenz der Transaktionen
  4. Vereinfachte Zahlungsvorgänge
  5. Länderübergreifende Nutzung von Vorteilen
  6. Aktivitätsgesteuerte Aufsicht
  7. Offener und risikobasierter System-Zugang
  8. Innovationsplattform

Der Grund für diese nationale Initiative war es, den Bedürfnissen von Unternehmen und Kunden nach schnelleren Zahlungen mit mehr Sicherheit und einem Straight-Through Processing nachzukommen und mithilfe einer adäquaten Aufsicht und Regulierung seitens der Regierung zu unterstützen. Hierzu mussten jedoch Infrastruktur, Regeln und Standards modernisiert und angepasst werden, um technische Innovationen von Anbietern und ihrer Dienste im Markt zu ermöglichen.

Timeline 2016 bis heute

Den Kernpunkt der Initiative bildete seit 2016 ein neues Regelwerk, das den aktuellen Entwicklungen und Fortschritten Rechnung trägt und eine Balance zwischen Flexibilität und Compliance ermöglicht. Das Regelwerk soll dabei die Interoperabilität der am Zahlungsprozess beteiligten Partien vereinfachen und die Entwicklung neuer Zahlungsmethoden ermöglichen. Klare Ziele der neuen Regeln sind die Förderung von Innovationen, die Vereinbarkeit mit unterschiedlichen Clearing- und Settlement-Systemen, sowie die rechtliche Grundlage für eine breite Palette an angebotenen Dienstleistungen bereitzustellen, jedoch immer unter der Maßgabe von gewährleisteter Sicherheit und Zuverlässigkeit entlang der Wertschöpfungskette. 

Ein weiterer Baustein ist seit Beginn der Initiative auch die Modernisierung des kanadischen Retail-Zahlungssystems, um Geld schneller und tagesaktuell transferieren zu können, sowie die Angleichung an internationale Best Practices und Standards des Risikomanagements.

2018 wurde in diesem Zuge ein neues Kreditrisikomodell eingeführt, das die Automatisierung und schnellere Verfügbarkeit der Transfers möglich machte. Auch der ISO20022-Standard für AFT (Automated Funds Transfer) – Zahlungen wurde diesbezüglich eingeführt. 

Natürlich spielt die Vereinheitlichung der Zahlungsformate mithilfe von ISO20022 eine zentrale Rolle, wie dies auch international der Fall ist. Kanada beschäftigt sich im Rahmen der AFT-Zahlungen seit 2019 mit der sukzessiven Umsetzung dieses Standards. 

Eine weitere Ausbaustufe des Retail-Systems, das sogenannte „Real-Time Rail“, soll ab 2022 das Kontonummer-basierte Routing von ISO20022-Zahlungen in Echtzeit (24/7/365) ermöglichen. Die geplanten Instant-Payments sollen dabei final und unwiderruflich versendet und empfangen werden können. Im Einzelhandel sollen damit auch Social-Media- sowie QR-Code Zahlungen verwirklicht werden.

Auch im Bereich der „High-Value“ Payments will Kanada noch im Jahr 2021 durch die Einführung des neuen Systems „Lynx“ ein Echtzeitsystem zur Abwicklung schaffen, das mit den nationalen, aber auch globalen Risiko- und Messaging-Standards mithalten kann. Dies soll sowohl die notwendige Flexibilität hinsichtlich Schnittstellen und APIs bieten, aber auch Sicherheit, Stabilität und Schutz vor Cyber-Kriminalität bieten.

Die Vorteile

Wie schon erwähnt liegen die grundsätzlichen Vorteile dieser Initiative in einer gesteigerten Effizienz der Zahlungsabwicklung durch Echtzeitzahlungen und erhöhter Transparenz, einem einheitlichen Format (ISO20022), einer verbesserten Interoperabilität zwischen den am Zahlungsprozess beteiligten Parteien und auch international durch kompatible Protokolle und nicht zuletzt auch erhöhter Sicherheit anhand moderner Risiko- und Privacy-Management-Methoden.

Dabei hat die Initiative nicht nur Unternehmen, Banken, Finanzinstitute und Service-Provider oder die Regierung im Blick sondern auch die Verbraucher, die sich mittels dieser Vision auf schnellere und sichere Zahlungen, aber auch auf ein signifikant verbessertes „Zahlungserlebnis“ beim Einkauf im alltäglichen Leben freuen dürfen.

Vergleich mit der EU

Was tut sich derzeit in Europa und der EU? Wo stehen wir im Vergleich? Was können wir von der kanadischen Vorgehensweise lernen?

Auch die EU-Kommission beschäftigt sich mit einer neuen Strategie für die Regulierung, Modernisierung und Digitalisierung des Finanzsektors und des Massenzahlungsverkehrs in Europa.2

Nach dem aktuellen Stand innerhalb der EU, gibt es zwar den einheitlichen SEPA-Standard für Zahlungen, aber darüber hinaus auch zahlreiche separate Initiativen, wie zum Beispiel die „Europäische Zahlungsverkehrsinitiative (EPI)“, bei der 16 Großbanken eine gesamteuropäische Zahlungslösung anstreben, oder auch das „European Payments Council“3 mit dem Ziel, gemeinsame Regelungen und Vorschriften für den Zahlungsverkehr zu definieren.

Dennoch gibt es auch Jahre nach der SEPA-Einführung nur wenige digitale Lösungen, die tatsächlich europaweit und einheitlich im elektronischen Handel und Retail-Bereich eingesetzt werden können, da immer noch nationale Besonderheiten und länderübergreifende Hindernisse auch innerhalb der EU bestehen (Stichwort „IBAN-Diskriminierung“).

Eine neue EU-Strategie

Aus diesem Grund hat die EU-Kommission eine neue Strategie auf den Weg gebracht, die der schnellen technologischen Entwicklung gerecht werden soll und künftige Zahlungen auf ein neues Level an Sicherheit bei reduzierten Risiken auf Basis adäquater Regelungen und Gesetze heben soll.

Ziel ist es also auch hier, wie in Kanada, die schnell voranschreitenden Innovationen bei Zahlungslösungen europaweit zu ermöglichen, zu unterstützen und auf sichere Beine zu stellen, um die wirtschaftliche und finanzielle Souveränität Europas zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.

Dabei ist eine modernisierte Infrastruktur, um digitale Lösungen und Echtzeitzahlungen, sowie internationale Interoperabilität zu ermöglichen genau so entscheidend, wie die Aktualisierung von geltenden Richtlinien und Gesetzen.

Ein wesentlicher Baustein soll die breite und einheitliche Nutzung von Sofortzahlungen sein, die von der EU-Kommission als „neue Normalität“ bezeichnet wird.

Im Bereich der Instant Payments, die bis dato eher schleppend bei europäischen Unternehmen Einzug halten, soll noch bis Ende diesen Jahres ein allgemeines System eingeführt werden, um Sofortzahlungen besser zugänglich und kostengünstiger zu machen.

Natürlich muss im Zuge dessen auch eine Aktualisierung der derzeit geltenden PSD2-Richtline stattfinden. Vor allem das Recht auf Rückerstattungen und Gebühren (Verbraucherschutz) bei den Instant-Payments muss eingearbeitet, sowie beispielsweise weitere Möglichkeiten bei der elektronischen Authentifizierung in die Richtline aufgenommen werden4. Auch eine Verpflichtung zur Umsetzung des „SEPA Instant Credit Transfer (SCT Inst.) Scheme“ für Zahlungsdienstleister wird geprüft. Ein verpflichtender Beitritt könnte dann schon bis Ende 2021 initiiert werden.

Da jedoch eine umfassende Überprüfung und Überarbeitung von PSD2 erst gegen Ende 2021 vorgesehen ist und ein neues gesetzliches Rahmenwerk wohl erst bis Mitte 2022 entwickelt werden wird, hinkt die Erstellung von Richtlinien und Rahmenbedingungen, die ein schnelleres und gesichertes Umsetzen der bereits vorhandenen technischen Innovationen und Services ermöglichen sollen, weiterhin hinterher.

Positive Bestrebungen und geplante Maßnahmen seitens der EU-Kommission im Rahmen eines neuen effizienten Zahlungssystems gibt es jedoch einige. Zu erwähnen wären hier die konsequente Umsetzung des ISO20022-Standards in der EU bis Ende 2022, sowie die Nutzung von SWIFT GPI für den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Ferner sollen europäische Systeme wie TARGET2 besser mit anderen Ländern verknüpft werden können, sowie die nationale Vereinheitlichung zum Beispiel anhand der flächendeckenden Nutzung des SCT Inst. Schemas vorangetrieben werden. Somit sollen die Interoperabilität zwischen Clearingssystemen verbessert und Ineffizienzen vermieden werden. Auch die Förderung von E-Geld Instituten und deren direkter Zugang zu Zahlungssystemen ist angedacht, um den indirekten Weg über Banken zukünftig zu vermeiden.

Fazit und Ausblick

Betrachtet man die kanadische Initiative zur Modernisierung des Zahlungsverkehrs im Vergleich zu aktuellen Bestrebungen der EU-Kommission für eine Neuregelung des europäischen Pendants, so lässt sich feststellen, dass Motivation und Ziele von entsprechenden Initiativen beider Regionen sehr ähnlich sind. Durch neue technologische Entwicklungen und der rasanten Veränderung des globalen Zahlungsverkehrs entsteht die Notwendigkeit diesen Innovationen durch neue Infrastrukturen, aber vor allem auch durch adäquate Gesetze und Regelungen gerecht zu werden und sie flächendeckend auf eine solide und sichere Basis zu stellen – und zwar sowohl hinsichtlich der Sicherheit der Transaktionen (Payment Fraud) als auch der rechtlichen Sicherheit in der Umsetzung neuer Lösungen für Unternehmen, Finanzinstitute und Service Provider.

Für den europäischen Raum gibt es allerdings zusätzliche Herausforderungen, nämlich die bestehende Fragmentierung innerhalb der EU zu beseitigen, drohende Inkonsistenzen zwischen den Ländern zu vermeiden und anhand der politischen Marschrichtung „künftige Maßnahmen in einen einheitlichen, kohärenten und übergreifenden politischen Rahmen zu stellen.“5

Kernelemente sind dabei – neben einer einheitlichen Verwendung von Formaten und Standards wie ISO20022 oder SEPA – beispielsweise die Bereitstellung und allgemeine Akzeptanz von Instant Payments, E-Geld und QR-Code-Zahlungen samt ihren Standards und möglichst einheitlichen APIs.

Bezüglich einer Neufassung der PSD2-Richtlinie oder einer Anpassung der SEPA-Regulierung (unter anderem für die verpflichtende Aufnahme des SCT Inst. Schemas oder „Request to pay“) ist offensichtlich, dass derartige Änderungsprozesse immer auch geraume Zeit in Anspruch nehmen, von der Evaluierung, über die Präsentation und Abstimmung von Vorschlägen aller Vertreter bis hin zur Verabschiedung und anschließenden Umsetzung. Dies gilt insbesondere, da die PSD2-Richtlinie ja nur eine europaweit gültige Richtline darstellt, die nachfolgend immer noch in nationales Recht umgesetzt werden muss, bevor Unternehmen darauf aufbauend verlässliche Projekt-Entscheidungen fällen können.

Dennoch zeigen diese Initiativen auf, dass technische Innovationen und neue Lösungen zwar immer wieder eine (Nach-)Adjustierung von Regulierungen, Richtlinien und Gesetzen benötigen, um bestehende Hindernisse auszuräumen und Missbrauch vorzubeugen, aber unaufhaltsam weiter Taktgeber für den Wandel im nationalen und internationalen Zahlungsverkehr sein werden.

Was wir von der kanadischen Initiative lernen können, ist das Thema ganzheitlich anzugehen und es übersichtlich, prägnant und klar auf einer separaten Website für jeden verständlich darzustellen und zu erläutern. So hat man jederzeit aktuelle Informationen und Entwicklungen zentral im Blick und ein mühsames Zusammensuchen von Informationen, mit dem Risiko wesentliche Inhalte eventuell zu verpassen, entfällt.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 110, April 2021

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1 https://modernization.payments.ca/
2 https://ec.europa.eu/germany/news/20200924-digitalisierung-finanzsektor_de; https://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2020/DE/COM-2020-592-F1-DE-MAIN-PART-1.PDF (September 2020)
3 https://www.europeanpaymentscouncil.eu/
4 EU-Strategie für den Massenzahlungsverkehr, Abschnitt III, A, 2. (https://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2020/DE/COM-2020-592-F1-DE-MAIN-PART-1.PDF)
5 EU-Strategie für den Massenzahlungsverkehr, Abschnitt I, Seite 4 (https://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2020/DE/COM-2020-592-F1-DE-MAIN-PART-1.PDF)