close
Share with your friends

Digitalisierung von Schuldscheindarlehen

Digitalisierung von Schuldscheindarlehen

Chancen und Herausforderungen für das Treasury

Kontakt

Verwandte Inhalte

Schuldscheindarlehen

Annähernd 28 Milliarden Euro wurden 2019 mittels 160 Transaktionen an Schuldscheindarlehen (SSD) platziert. Dies entspricht einem Anstieg von ca. 16% gegenüber dem Vorjahr und in etwa einer Verdreifachung des Volumens im Vergleich zu 2009. Einige der größten Transaktionen wurden auf digitalem Weg platziert. Unter anderem sammelte die Deutsche Lufthansa AG 800 Millionen Euro auf rein digitalem Wege ein und die ZF Friedrichshafen AG wickelte über 85% des Schuldscheindarlehens über 2,1 Milliarden Euro digital ab. Neben einem kontinuierlichen Anstieg des Gesamtvolumens von Schuldscheindarlehen ist somit auch ein signifikantes Vordringen digitaler Plattformen erkennbar. Hieraus ergeben sich allerdings nicht nur neue Handlungsspielräume bei der Unternehmensfinanzierung, sondern auch Risiken, welche vorab berücksichtigt werden sollten. 

Der traditionelle Prozess von Schuldscheindarlehen erfordert eine Vielzahl an analogen Interaktionen zwischen den drei Hauptakteuren – Emittenten (Unternehmen), Arrangeuren (Banken) und Investoren. Um die gesetzlich erforderlichen Urkunden zu erhalten, muss das SSD vorab strukturiert und vermarktet werden. Hierfür wird traditionell auf Banken zurückgegriffen. Diese beraten einerseits den Emittenten bei der Gestaltung des Schuldscheindarlehens und andererseits übernehmen sie die Strukturierung und dessen Vermarktung. Die hierfür vom Arrangeur erbrachten Tätigkeiten, sowie die laufenden Gebühren an die Zahlstelle, werden dem Emittenten mit durchschnittlich 0,75 % bis 1,5% der aufgenommenen Summe in Rechnung gestellt. Weitere Kosten können sich versteckt in den Sollzinsen widerfinden. Da der Arrangeur die zwischen ihm und jeden Investor individuell verhandelten Sollzinsen in Form eines pauschalen Zinssatzes an den Emittenten weiterreicht, und dieser nicht an den Verhandlungen teilnimmt, ist es dem Emittenten nicht möglich, die hieraus anfallenden Kosten vorab exakt zu beziffern. 

Die intransparente Kostenstruktur ist einer der Gründe, der für digitale Plattformen bei SSD spricht. Ein weiteres Argument ist die unkomplizierte Regulatorik. Ein SSD erfüllt (sofern es eine Mindestlaufzeit von mehr als 397 Tagen aufweist) nicht die notwendigen Charakteristika eines Finanzinstruments im Sinne des Kreditwesengesetzes (KWG) und benötigt daher auch keine KWG-spezifischen Genehmigungen. Da ein SSD auch nicht als Wertpapier klassifiziert und außerdem nicht an der Börse gehandelt wird, entfällt auch die Pflicht zur Erstellung eines Emissionsprospektes gemäß EU-Prospekt-Verordnung. Allerdings erfordert die Platzierung eines SSDs neben dem Erstellen und postalischen Versenden von Urkunden auch eine Vielzahl an manuellen Einzelschritten. Vor allem diese Einzelschritte können zu einem großen Teil digital abgebildet werden.

Bei der digitalen Abbildung gibt es drei verschiedene Ansätze:

  1. Digitale Plattformen, welche von Banken selbst betrieben werden, um ihre eigenen Prozesse zu digitalisieren und damit effizienter zu gestalten. Dies ist die einzige Form ohne Einbindung von spezialisierten FinTechs in den Prozess eines Schuldscheindarlehens.
  2. Digitale Plattformen, welche von FinTechs betrieben werden, die mit Banken zusammenarbeiten. Ziel ist einerseits ein digitaler, effizienter und kostensparender Prozess und andererseits die Einbindung von Banken und deren Netzwerk, um beispielsweise eine möglichst große Reichweite an Investoren zu erreichen. Hierbei kann eine Plattform sowohl mit nur einer Bank als auch mit mehreren Banken zusammenarbeiten.
  3. Digitale Plattformen, welche von FinTechs betrieben werden, die mittels ihres disruptiven Ansatzes versuchen, Banken zu ersetzen und somit als alleiniger Arrangeur zu agieren. Hier sollen ohne Mitwirkung von Banken Emittenten und Investoren zusammengeführt werden. Ziel ist, den Wertschöpfungsprozess von Banken zu effizienteren Konditionen teilweise bzw. vollständig zu übernehmen.

Alle drei Varianten können die Strukturierung und Platzierung von Schuldscheindarlehen vollständig digital abbilden. Klassische Backend-Prozesse, wie die finale Beurkundung durch einen Notar, müssen allerdings immer noch analog erfolgen. Dieser Schritt kann theoretisch durch den Einsatz einer Blockchain ebenfalls digital abgebildet werden. Wichtigstes Argument neben der effizienten Abwicklung ist die Fälschungssicherheit der Dokumentation. Hierzu gibt es bereits erste erfolgreich abgewickelte Pilotgeschäfte auf privaten Blockchains. Die Beurkundung wird hierbei mittels qualifizierter elektronischer Signatur durchgeführt. Parallel hierzu fand allerdings auch noch ein konventioneller papierbasierter Beurkundungsprozess statt, um die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Weitere noch zu digitalisierende Prozesse sind die Abtretung und Kündigung von Schuldscheindarlehen. Auch diese können perspektivisch auf einer Blockchain abgebildet werden.

Unabhängig vom Einsatz einer Blockchain erfordert jegliche gewerbsmäßige Vergabe von Schuldscheindarlehen innerhalb Deutschlands eine schriftliche Erlaubnis der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Nur hiermit dürfen Akteure jeglicher Art (analog wie digital) Schuldscheine professionell strukturieren und vermarkten.

Der Einsatz digitaler Plattformen bietet, sofern die gesetzlichen Anforderungen erfüllt sind, mehrere Vorteile. Erstens werden Kosten durch eine effiziente Organisation reduziert, diese Ersparnis kann an den Emittenten weitergegeben werden und führt so zu einer Reduzierung seiner Finanzierungskosten. Des Weiteren können innerhalb kurzer Zeit mehr Investoren durch eine digitale Plattform zielgerichtet angesprochen werden, als auf analogem Wege. Dies kann neben dem Investorenkreis auch das Emissionsvolumen vergrößern. Die genannten Gründe führen deshalb unter anderem zu einer Verschiebung der üblichen Volumina. Während bei konventionellen Schuldscheindarlehen üblicherweise Beträge zwischen 50 und 500 Millionen Euro platziert werden, können digitale Schuldscheindarlehen bereits ab 10 Millionen Euro möglich sein und weisen keine Begrenzung nach oben hin auf.

Diese Verschiebung bietet Treasurern eine attraktive Finanzierungsalternative zu Aktienanleihen und klassischen Bankkrediten. Während letztere häufig eine restriktive Besicherung erfordern, und außerdem zu einer gewissen Abhängigkeit von Banken führen können, sind Schuldscheindarlehen unbesicherte bilaterale Darlehensverträge mit einem breiten Investorenkreis (beispielsweise Versicherungen, Pensionskassen, Family Offices, Fondsgesellschaften, Banken). Der Vorteil gegenüber klassischen Anleihen besteht einerseits in der Nicht-Erfordernis eines EU-Prospekt-konformen Emissionsprospekts und andererseits in einer relativ kurzen Durchführungsdauer (Schuldscheindarlehen ca. 6 bis 10 Wochen, Anleihe ca. 4 bis 6 Monate). Beide Faktoren führen zu einer spürbaren Kostenreduzierung von Schuldscheindarlehen gegenüber klassischen Anleihen.

Neben den genannten Chancen gibt es auch Risiken, welche bei der Einbindung digitaler Plattformen bedacht werden müssen. So besteht bei digitalen Plattformen immer ein gewisses technisches Risiko. Keine noch so absolut perfekte Plattform ist vollständig gegen technische Defekte und Probleme immun, unabhängig davon, wie exzellent ihr Aufbau und ihre Vorkehrungsmaßnahmen sind. Auch kann ein juristisches Risiko gegeben sein, sofern eine Plattform nicht über die bereits erwähnte gesetzliche Erlaubnis zur gewerbsmäßigen Vergabe von Schuldscheindarlehen berechtigt ist. Bei einer fehlenden Erlaubnis kann nicht nur das eingesammelte Geld eingefroren werden, auch kann der Ruf des Emittenten erheblichen Schaden nehmen. Dieses Risiko lässt sich durch das Einholen einer Auskunft bei den zuständigen Behörden signifikant reduzieren. Ein Risiko finanzieller Natur kann gegeben sein, wenn die digitale Plattform über keinen Zugang zu einer ausreichend großen Investorenbasis verfügt, und somit nicht das angestrebte Emissionsvolumen erreicht wird. Dies kann zum Beispiel durch das generelle Fernbleiben von potenziellen Investoren auf der Plattform gegeben sein. Der gleiche Zustand kann auch auftreten, wenn nur Investoren mit einem bestimmten Investmentfokus (zum Beispiel auf einzelne spezifische Branchen) auf der Plattform agieren. Beide Gegebenheiten reduzieren die Anzahl potenzieller Investoren und können so zu einem Nicht-Erreichen des angestrebten Emissionsziels führen.

Treasurer müssen sich aber nicht für oder gegen digitale Lösungen entscheiden. Wenn gewünscht, kann auch ein hybrider Ansatz aus konventioneller und digitaler Variante verfolgt werden. Hierbei werden beide Ansätze individuell kombiniert und können somit die Sicherheit konventioneller Herangehensweisen und die Effizienz digitaler Plattformen vereinbaren. Unabhängig davon, welcher Ansatz gewählt wird, profitieren Emittenten durch den Einzug digitaler Plattformen von flexibleren Volumina und von effizienteren Kostenstrukturen. Dies sorgt dafür, dass Schuldscheindarlehen sowohl für KMUs als auch für international agierende Konzerne eine durchaus attraktive Finanzierungsquelle darstellen.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 99, März 2020

KPMG Corporate Treasury News

© 2020 KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, ein Mitglied des KPMG-Netzwerks unabhängiger Mitgliedsfirmen, die KPMG International Cooperative (“KPMG International”), einer juristischen Person schweizerischen Rechts, angeschlossen sind. Alle Rechte vorbehalten.

So kontaktieren Sie uns

 

Angebotsanfrage (RFP) einreichen

 

loading image Zum Angebotsformular