close
Share with your friends

Stromeinkauf wird zum Thema für das Treasury

Stromeinkauf wird zum Thema für das Treasury

Risikomanagement von Power Purchase Agreements

Verwandte Inhalte

FTM

Im Zuge der Energiewende tauchen insbesondere bei energieintensiven Unternehmen neue Vertragsformen für den Strombezug auf. Sowohl aufgrund der Gestaltung der Verträge als auch der Absicherung der damit verbundenen Risiken können sich derivative Finanzinstrumente ergeben. Soweit die Zuständigkeiten für den Abschluss, die Bewertung oder Bilanzierung von Commodity-Derivaten im Treasury liegen, muss sich der Treasurer mit diesen neuen Sachverhalten befassen – und zunächst einmal mit seinem Einkauf klären, ob solche Verträge abgeschlossen werden.

Durch das Wegfallen der staatlich garantierten Einspeisevergütungen im Grünstrombereich in den nächsten Jahren müssen immer mehr Erzeuger neue Wege finden, ihre Windkraftanlagen zu finanzieren. Die volatilen Einnahmen aus dem Trading und schwankende - da stark wetterabhängige - Erzeugungsmengen zwingen Betreiber und Abnehmer, ihre Preis- und Mengenrisiken zu reduzieren. Diese Umstände machen bilaterale Verträge zwischen Erzeugern und Verbrauchern immer beliebter. Die sogenannten Power Purchase Agreements, kurz PPA genannt, sind mittel- und langfristige Stromlieferverträge zwischen Erzeugern und Abnehmern, die flexibel ausgestaltet werden können. Wir beleuchten in diesem Beitrag die Ausgestaltungsformen und zeigen die Herausforderungen und Chancen auf, mit denen sich die Vertragsparteien bei der Vereinbarung und Umsetzung auseinandersetzten müssen.

PPAs werden Over-The-Counter abgeschlossen und bieten somit die Möglichkeit, alle relevanten Vertragsinhalte flexibel zu gestallten. Jedoch unterscheiden sich Verträge, die ähnliche Vertragssachverhalte beschreiben, oft stark voneinander. Dies ist eine typische Eigenschaft eines jungen Marktes, da erst mit steigender Liquidität zunehmend standarisierte Lösungen erarbeitet und angeboten werden. Im Zuge der zunehmenden Anzahl solcher Stromhandelsverträge hat daher die European Federation of Energy Traders (EFET) einen Mustervertrag erarbeitet, der alle gängigen Klauseln und Optionalitäten beinhaltet und gleichzeitig ein Rahmenwerk festlegt, das den Anspruch hat, sich als Marktstandart durchzusetzen. In den Verträgen können somit nicht nur die klassischen Parameter wie Abnahmemengen, Lieferzeiten und Preise festgelegt werden, sondern zum Beispiel auch gegenseitige Verhaltensvorschriften, Instandhaltungspflichten und Kündigungsklauseln.

Gestaltungsformen von PPAs

Grundsätzlich kristallisieren sich zwei Hauptarten von PPAs am Markt heraus. In einem physischen PPA speist der Produzent in die gleiche Preiszone ein, aus der die Gegenpartei den Strom entnimmt. Dabei findet eine direkte physische bilanzkreisrelevante Lieferung statt. Dabei ist die räumliche Nähe zwischen Erzeuger und Lieferant nicht zwingend notwendig. Besteht diese jedoch, da zum Beispiel das Kraftwerk im Industriepark steht, heißt die Form des Vertrags On-site PPA. Bei einer Off-site PPA liefert der Erzeuger den Strom durch das öffentliche Netz an den Verbraucher. Daher ist eine zusätzliche Abwicklung der Mengen über die involvierten Bilanzkreise nötig. Fungiert der Erzeuger auch als Intermediär, indem er verschiedene Prozesse übernimmt, wird die Off-Site PPA auch als Sleeved PPA bezeichnet.

Synthetische PPAs, auch virtuelle PPAs genannt, bringen Stromproduzenten und Verbraucher aus verschiedenen Preiszonen zusammen. Dabei wird der physische Stromfluss von den finanziellen Geldflüssen entkoppelt. Dies kann zum Beispiel mit Hilfe eines Contract for Differences (CfD) geschehen. Bei einem CfD wird ein Preis für den Strom vertraglich fixiert. Liegt der Spotmarktpreis unterhalb des Fixings, zahlt der Verbraucher den Differenzbetrag an den Produzenten. Übersteigt der Spotmarktpreis das Fixum laufen die Zahlungsflüsse in die entgegengesetzt Richtung. Die produzierten Mengen werden hierbei vom Erzeuger am Spotmarkt verkauft. 

Chancen und Risiken

Die Vorteile eines Power Purchase Agreements für Akteure am Energiemarkt sind unter anderem: Möglichkeiten zur Finanzierung von Investitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten, langfristige Preissicherheit, Sicherstellung des Erhalters grüner Energie oder Reduzierung von Risiken bei Stromverkauf und -einkauf. 

Die Bewertung für PPAs stellt die Vertragsparteien aufgrund mehrerer Faktoren vor größere Herausforderungen. Einerseits müssen Fluktuationen der erzeugten Mengen prognostiziert werden und andererseits die Entwicklung der Strompreise über einen längeren Zeitraum antizipiert werden. Die Hauptrisiken eines PPAs sollen hier nachfolgend kurz skizziert werden. 

Das Abschätzen des zukünftigen Preisniveaus stellt dabei das größte Problem dar. Die längerfristige Natur der Verträge macht es oft schwer, belastbare Werte am langen Ende der Forwardkurve für Strom zu finden. Dieser sogenannte illiquide Part des Marktes muss über interne Modelle abgebildet werden oder es müssen Preisprognosen von externen Anbietern eingekauft werden. Die daraus resultierenden instrument- und modell-immanenten Preisrisiken für den Abnehmer müssen sorgfältig überwacht und abgesichert werden. Dabei eignen sind vor allem Standard-EEX-Strom-Futures als Absicherungsinstrumente. Sie ermöglichen das Preisrisiko auf einen liquiden und standarisierten Markt bis zu sechs Jahren im Voraus abzusichern. Je nach Größe der erwarteten Strommengen kommen dabei unterschiedliche Strategien zum Zuge. Üblicherweise wird bei der Bewirtschaftung großer Positionen eine dynamische sequenzielle Strategie gewählt. Im Zeitverlauf wird ein immer größerer Teil der zu beschaffenden Menge für eine näher rückende Erfüllungsperiode absichert. Je nach Ausgestaltung der Optionalitäten eines PPAs, müssen auch vielfältigere Hedging-Strategien in Betracht gezogen werden.

Des Weiteren entstehen Basisrisiken, falls ein Produzent in einer anderen Preiszone verkauft als der Verbraucher einkauft. Die Preisverläufe können sich in beiden Zonen auseinanderentwickeln und somit strukturelle Abweichungen während der Laufzeit des Vertrages auftreten, die beim Abschluss nicht berücksichtigt worden sind.

Bei langlaufenden Verträgen sind die Kontrahentenrisiken auf beiden Seiten signifikant. Deswegen ist bei Abschluss nicht nur die aktuelle Bonität des Vertragspartners, sondern auch sein langfristiger Outlook zu berücksichtigen. Bankbürgschaften wirken sich risikominimierend aus und entsprechende Klauseln, gekoppelt an das Rating der Parteien, werden immer häufiger in die Verträge aufgenommen.

Mengenrisiken stellen ebenfalls Hürden dar, die durch eine präzise Vertragsstruktur überwunden werden müssen. Als Beispiel können Lieferunterbrechungen aufgrund von exogenen Faktoren (zum Beispiel Abschaltung durch ÜNBs) genannt werden. Üblicherweise werden Engpässe durch Lieferung von Strom vom Großhandelsmarkt überbrückt. Übernahmepflichten von anfallenden Mehrkosten sollten daher vertraglich klar definiert werden. 

Auch regulatorische Entwicklungen haben Auswirkungen auf die Mengenrisiken. Dabei muss hier vor allem das Paket zur Stärkung der Bilanzkreistreue hervorgehoben werden, welches von der Bundesnetzagentur verabschiedet worden ist. Zukünftig werden Bilanzkreisverantwortliche schneller pönalisiert, sofern keine ausgeglichene Viertelstunden-Leistungsbilanz aus dem zu bewirtschaftenden Bilanzkreis sichergestellt wird. Damit nimmt die Qualität der Mengenprognose für den Day-Ahead-Markt eine noch zentralere Rolle ein. Mit Hilfe von Predictive Analytics können unter Zuhilfenahme von historischen Werten und Inputparametern (zum Beispiel Temperatur- und Winddaten) Modelle trainiert werden, die eine möglichst genaue Produktionsmenge im kurzfristigen Day-Ahead-Handel vorhersagen können. Diese Prozesse können automatisiert werden, was eine kontinuierliche Anpassung der Prognose ermöglicht. Basierend auf diesen Parametern können Regeln für automatisierte Handelsalgorithmen abgeleitet werden, die in der Lage sind die Differenzen auch untertägig direkt zu beschaffen. Diese reduzieren die Abweichungen zwischen den initialen Prognosen und der abgerechneten Energiemenge der Bilanzkreisverantwortlichen und minimieren somit sein Gesamtrisiko pönalisiert zu werden.

Aufgrund der Komplexität der Verträge steigen auch Risiken bei der systemseitigen Umsetzung der Verträge. Oft können PPAs nicht reibungslos in bestehende Softwarelandschaften integriert werden. Agile Methoden haben hierbei bei der Entwicklung von GUIs oder automatisierten Schnittstellen einen Vorteil, da anders als bei den klassischen Projektmethoden, Lösungen iterativ aufgebaut werden, was zu einer Komplexitätsreduktion in der Entwicklung führen kann.

Bilanzielle Handhabung von PPAs

Schließlich stellt sich auch die Frage, wie PPAs in den Jahresabschlüssen aller involvierten Parteien bilanziell abzubilden sind. Vor allem für kapitalmarktorientierte Unternehmen, die nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) bilanzieren, ist die Spanne der Ansätze groß. Je nach Vertragsgestaltung und Zweck können zum Beispiel folgende Bilanzierungsmöglichkeiten in Frage kommen:

  • Bilanzierung als schwebender Vertrag (IAS37)
  • (eingebettetes) Derivat (IFRS 9)
  • (eingebettetes) Leasing (IFRS16)

Aus der Wahl resultierende fortfolgende Fragestellungen, zum Beispiel rund um das Thema Hedge Accounting, sollten beim Abschluss eines PPAs ebenfalls erörtert werden.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass PPAs das Potenzial haben, eine wichtige Rolle im Stromhandel einzunehmen. Sie erlauben es nicht nur Strommengen, sondern auch Risiken zwischen den Parteien zu transferieren und somit den Markt neben einer verbesserten Versorgung eine effizientere Risikoallokation zu ermöglichen. Ihre hohe Flexibilität macht sie somit auf lange Sicht nicht nur für die Betreiber von Windparks und Solarfarmen interessant. Dabei gilt aber, dass mit der Flexibilität auch Komplexität für alle Beteiligten steigt und jederzeit Fragestellungen rund um das Risikomanagement, das Accounting und die systemseitige Abbildung von PPAs im Auge behalten werden müssen. 

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 95, Oktober 2019

KPMG Corporate Treasury News

© 2020 KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, ein Mitglied des KPMG-Netzwerks unabhängiger Mitgliedsfirmen, die KPMG International Cooperative (“KPMG International”), einer juristischen Person schweizerischen Rechts, angeschlossen sind. Alle Rechte vorbehalten.

So kontaktieren Sie uns

 

Angebotsanfrage (RFP) einreichen

 

loading image Zum Angebotsformular