To Brexit or not to Brexit: - KPMG Deutschland
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To Brexit or not to Brexit:

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Wie geht es jetzt weiter?

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Stellen Sie sich folgende Szenarien vor:

5-10% Wechselkursverlust für das britische Pfund, mehrere Zinserhöhungen durch die englische Zentralbank, Änderung des Reporting-Prozesses für Derivate, eine abrupte Änderung der Kernbankstrategie, und mehr. Alle diese Szenarien können Realität werden, da der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union bisher keineswegs ein reibungsloser Prozess war und insbesondere in den letzten Monaten der Verhandlungen von größter Unsicherheit geprägt war. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels ist noch immer völlig unklar, ob, wie und wann der Brexit durchgeführt wird und welche Konsequenzen dies im Einzelnen haben wird. Es gibt zwei mögliche Szenarien: entweder ein harter Brexit am 29. März oder eine mögliche Fristverlängerung mit der Hoffnung, alle offenen Punkte zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich ausräumen zu können.

Doch was bedeutet der Brexit speziell für Treasurer? Welche Folgen hat er hinsichtlich der Art und Weise wie Treasurer Geschäfte durchführen? Wie sind die Beziehungen zu Geschäftspartnern betroffen? 

Dies sind sicherlich keine einfachen Fragen, aber es sind einige der Fragen, die Treasurer berücksichtigen müssen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Mit diesem Artikel möchten wir einige der Fragen diskutieren, die für Ihr Treasury relevant sind.

Fragen zur Finanzierung

Finanzierung ist eine der Kernfunktionen des Treasury. Durch ihre Komplexität hat die Finanzierung auch Auswirkungen auf viele andere Treasury-Bereiche, wie beispielweise das Cash- und Liquiditätsmanagement, das Devisen- und Zinsmanagement oder auch das Bank Relationship Management. Finanzierung wird oft zur Deckung des Liquiditätsbedarfs verwendet und von Banken oder Kapitalmärkten bereitgestellt. Beides wird durch einen No-Deal-Brexit stark beeinträchtigt. Dies kann Treasurer in eine unerwünschte Situation bringen, in der sie ein nicht abdeckbares Liquiditätsdefizit haben. Und da wir oft erlebt haben, dass profitable Unternehmen aufgrund von Liquiditätsproblemen in Konkurs gehen, sollte die Vermeidung dieser Situation für alle Treasurer oberste Priorität haben. Folgende Fragen können dabei zur Vermeidung dieser Situation beitragen:

  • Wie wird sich ein No-Deal-Brexit auf die Gesamtfinanzierungsstrategie auswirken? Ist eine Änderung der Kapitalstruktur (Fremdkapital vs. Eigenkapital) notwendig? 
  • Wurden Szenario- und Gap-Analysen sowie ein Benchmarking für relevante Zinssätze und Währungskurse durchgeführt, um die Auswirkungen einer Änderung der Finanzierungskosten durch Umbewertung und veränderte Spreads auf den Cashflow zu überprüfen?
  • Wird mit weniger Spielraum bei den Kreditlinien und/oder bei Covenant-Kriterien gerechnet? Wie wahrscheinlich ist es, dass Kreditlinien gekündigt werden?
  • Sind alternative Finanzierungsquellen vor dem Hintergrund einer möglichen „Kreditklemme“ in Großbritannien in Erwägung gezogen worden? 

Obwohl es nicht möglich ist diese Fragen einheitlich und umfassend zu beantworten, sollten dennoch die folgenden Punkte bei einer Lösungsfindung beachtet werden:

  • Struktur des Kreditportfolios   
    • Wie sind die Anteile der mittel- und langfristigen Schulden?
    • Gibt es verbindliche und nicht festgeschriebene Schulden?
    • Welches ist die Basiswährung der Kredite?
  • Die aktuell niedrigen Zinssätze können sich ändern und dementsprechend können sich die Finanzierungskosten ändern. Dies muss mit einer gründlichen Sensitivitätsanalyse genau überwacht werden, um die Auswirkungen auf die Cashflows zu überprüfen.
  • Eine genaue Überwachung und Durchführung mehrerer Szenarioanalysen muss für alle Covenant-Kriterien durchgeführt werden, um eine Covenant-Verletzung zu vermeiden.

Eine angemessene Analyse der Kapitalstruktur des Unternehmens in Bezug auf Fremd-, Eigenkapital und Kreditportfolien sowie der zugrunde liegenden Währungen muss vorgenommen werden. Es könnte eine Situation eintreten, in der die Zentralbank von England und die Europäische Zentralbank zwei gegensätzliche Ansätze bei den Zinssätzen einschlagen, die dann einen erheblichen Einfluss auf die Liquidität, die Zinsaufwendungen und die Kreditpreise haben könnten.

Neben der Bewertung der Finanzierung und ihrer Quellen sollte auch eine gründliche Bewertung der üblichen externen Anbieter von Finanzierungen erfolgen: der Banken. Genau hier setzt das Bank Relationship Management an.

Fragen zum Bank Relationship Management

Der Brexit betrifft Banken in sehr ähnlicher Weise wie Unternehmen, was bedeutet, dass Banken Änderungen in ihrer strategischen Ausrichtung und Risikobereitschaft haben könnten. In einer solchen Situation neigen sie dazu, ihren aktuellen Kundenstamm neu zu bewerten, ähnlich wie Treasurer auch ihre Banken neu bewerten könnten.

Mögliche Fragen die sich Treasurer in dieser Situation stellen sollten:

  • Wie sind die Auswirkungen einer Änderung der Unternehmensstrategie auf bestehende Bankbeziehungen?
  • Erfüllen die Banken auch nach einer Änderung des Kredit-Ratings weiterhin die Investitionskriterien?
  • Wie sind die Auswirkungen hinsichtlich Änderungen der Bankenstrategie und der Risikoneigung der Banken?
  • Was sind die Auswirkungen auf den Bankensektor in Großbritannien? 

Wichtig dabei sind auch die folgenden beiden extern getriebenen Fragestellungen im Zuge einer geänderten Bankenstrategie:

  • Was passiert, wenn eine Bank beschließt, sich aus einigen Ländern zurückzuziehen? 
  • Und was passiert, wenn eine Bank ihre Risikobereitschaft ändert und sich dazu entscheidet sich nur auf einige Kernbranchen und Kunden zu konzentrieren? 

Für Treasurer kann dies unerwünschte Veränderungen in der Geschäftstätigkeit bedeuten und Auswirkungen auf die Kernbankstrategie des Unternehmens haben.

Treasurer können versuchen, dem entgegenzuwirken, indem sie Geschäfte von UK-Banken auf Kontinentalbanken aufgrund der Rechtsunsicherheit und Unklarheit verlagern. Aber es gibt auch Punkte, die Treasurer noch zuvor berücksichtigen sollten:

  • Berücksichtigung von möglichen Wechseln von Bankpartnern und Überarbeitung der genehmigten Bankliste
  • Kommunikation mit Relationship Managern zur frühzeitigen Beratung, wenn sich eine Bank aus einem bestimmten Geschäftsbereich zurückzieht
  • Ausarbeitung einer Strategie für die Bewältigung der Unterschiede bei der Form der Bankentrennung innerhalb und außerhalb der EU sowie im Euroraum
  • Beobachtung der Kredit-Ratings von Banken, da eine Änderung des Kredit-Ratings dazu führen könnte, dass die bestehenden Anlagekriterien nicht erfüllt werden

Und nicht zuletzt können sich aus einer Verlagerung bestehender Derivategeschäfte aus UK auf Kontinentalbanken unerwünschte Bilanzierungswirkungen ergeben. Der Wechsel einer Bank bedeutet gem. IFRS 9 eine wesentliche Änderung der Geschäftsparameter und damit die Ausbuchung des bisherigen und die Erfassung eines neuen Geschäftes. Das bestehende Hedge Accounting ist damit zu beenden und eine neue Sicherungsbeziehung zu designieren. Dies kann nur bei Verlagerung auf eine Niederlassung der UK-Bank vermieden werden, welche dasselbe Kreditrisiko aufweist, wie die Londoner Zentrale.

Fragen zum Kontrahenten-Risiko

Ähnlich wie Banken ihre Kundenbasis und Risikobereitschaft bewerten, müssen auch Unternehmen und Treasurer ihr Kontrahentenrisiko bewerten. Denn ein sich veränderndes wirtschaftliches Umfeld kann sich auf die Kreditwürdigkeit auswirken. Manche der bisher als attraktiv eingestuften Anlagen werden nun risikoreicher und sind möglicherweise nicht mehr mit der Risikopolitik des Unternehmens vereinbar. Die Hauptfragen, die hier gestellt werden müssen, sind also:

  • Wie wird sich das Risikoprofil der Geschäftspartner ändern, falls sich die Kreditratings ändern?
  • Gibt es Szenarien für eine mögliche Änderung der Absicherungskosten?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie Treasurer dem entgegenwirken können. Folgende Überprüfungen sollten bei der Beurteilung der Herangehensweise berücksichtigt werden:

  • Überprüfung ob zusätzliche Sicherheiten von Kontrahenten erforderlich sind
  • Überwachung der Auswirkungen von Änderungen des Kredit-Ratings auf Tochtergesellschaften

Fragen zu Derivaten und den regulatorischen Anforderungen

Durch den Brexit werden sich auch Änderungen im regulatorischen Umfeld ergeben, wie zum  Beispiel im Meldeprozess für Derivate. Das europäische Handelsregister Regis-TR hat bereits die Einführung eines neuen UK Handelsregisters angekündigt, das auch britische Unternehmen bedienen soll.

Stand heute ist davon auszugehen, dass ab dem 01. April 2019 ein separates „UK-Register“ existieren wird. Für Selbstmelder bedeutet das zunächst aber nur, dass die Counterparty als „Non-EU“ anzugeben ist, damit das Register keinen Abgleich versucht.

Es gilt also folgendes zu beachten:

  • Voraussichtlich müssen UK-Unternehmen ab dem 01. April 2019 ihre Derivate nicht mehr unter EMIR an Regis-TR berichten, sondern nach UK-Recht an ein von den UK-Aufsichtsbehörden anerkanntes Trade Repository
  • Regis-TR hat hierfür ein separates Trade Repository geschaffen
  • Die Meldungen sind voraussichtlich sehr ähnlich, aber nicht identisch
  • Ein on-behalf Reporting ist möglich, muss aber an das UK-TR erfolgen – ein Verweis auf EU-TR ist nicht möglich

Mit einer Vielzahl von Instrumenten, die zur Absicherung Ihres Risikos eingesetzt werden können, sollte die Hauptfrage hier sein:

  • Welche Instrumente sollten zur Absicherung erwarteter Währungs-/Zinsschwankungen eingesetzt werden? Optionen oder Forwards?

Wir sehen oft, dass viele Unternehmen Forwards nutzen, da sie keine Prämienzahlung verlangen. Optionen sind ein gutes Mittel, um sich gegen den Abwärtstrend zu schützen, aber angesichts der höheren Volatilität könnten ihre Kosten erheblich sein. Eine Strategie könnte darin bestehen, den schlechtesten Wechselkurs zu bestimmen, den Ihr Unternehmen bereit ist zu akzeptieren, und dann den Ausübungspreis entsprechend festzulegen.

Fragen für Cash Manager

Cash Manager müssen untersuchen, wie sich der Brexit auf ihre Geschäftstätigkeit auswirkt. Da viele Unternehmen länderübergreifende Aktivitäten haben, setzt hier das internationale Cash Management an. Eine der Hauptfragen, die sich Cash Manager in diesem Zusammenhang stellen müssen, ist:

  • Wie wirkt sich der Brexit auf meine Cash-Management-Gesamtstrategie aus?

Einige Punkte, um diese Fragen zu beantworten, sind unter anderem: 

  • Berücksichtigung der Vor- und Nachteile der verschiedenen Arten von Cash Pools (zum Beispiel Notional Pools vs. ZBA-Vereinbarungen).
  • In Zeiten der Unsicherheit besteht in der Regel die Tendenz, mehr Liquidität zu akkumulieren, um zum Beispiel das Kontrahenten-Risiko zu verringern, die benötigte betriebliche Flexibilität zu haben oder auch Puffer für ungeplante Krisen oder Akquisitionsmöglichkeiten zu schaffen. Treasurer müssen die Auswirkungen eines Überschusses an Cash berücksichtigen, bis sich die Bedingungen wieder normalisieren.

Wie geht es weiter?

Ob nun ein harter Brexit kommt, oder ob eine Verschiebung stattfindet, Sie sollten auf jeden Fall vorbereitet sein. Haben Sie mit den Vorbereitungen auf die möglichen Szenarien, einschließlich eines „Brexit ohne Austrittsabkommen“ begonnen und idealerweise auch bereits abgeschlossen? Sind Sie bereit, sich einem No-Deal Brexit-Szenario zu stellen? Der Brexit ist am 29. März nicht zu Ende. Sie sollten sich weiterhin auf einen langen und komplexen Prozess einstellen.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 89, März 2019

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