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Digitalisierung im Treasury

Digitalisierung im Treasury

Es „ripplet“ im Payments-Karton

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In unserer Artikelreihe zur Digitalisierung im Treasury analysierten wir in Ausgabe 79 vom April 2018 die Relevanz der Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie für das Corporate Treasury sowie den möglichen Einfluss auf das etablierte Geldsystem. Wie damals bereits festgestellt, entwickelt sich der Markt der Kryptowährungen und der dahinterliegenden Technologien rasant. Zwar brachen die Krypto-Kurse, allen voran der Bitcoin, in 2018 mehrheitlich ein, dennoch stand das vergangene Jahr insbesondere im Zeichen der dahinterliegenden Technologie – der Blockchain. Während im Finanzsektor in einzelnen Pilotprojekten verschiedener Konsortien und Joined Ventures die Anwendbarkeit der Blockchain getestet wird, scheint insbesondere in einem Feld auf breiter Front ein Veränderungsprozess durch den Einsatz der Blockchain in Gang gekommen zu sein – dem internationalen Zahlungsverkehr. Hier zeichnet sich derzeit ein Wettlauf zwischen etablierten Platzhirschen (insbesondere dem SWIFT-Konsortium) und innovativen Branchenneulingen ab.

Gerne laden wir Sie dazu ein diese und andere Fragestellungen neuer digitaler Lösungen auf unserem Digital Treasury Summit (#DTRS) am 21. März gemeinsam mit uns zu diskutieren.

Grenzüberschreitender Zahlungsverkehr – Status Quo:

In der Abwicklung des grenzüberschreitenden Zahlungsverkehrs dominiert nun seit mehr als 40 Jahren SWIFT mit seinem SWIFTNet das Geschehen. Genauso „alt“ wie das Netzwerk selbst sind auch die Rahmenbedingungen und Limitierungen, unter denen internationale Zahlungen über das Netzwerk verarbeitet und transferiert werden. Im Zeitalter der digitalen Revolution und Instant-Kommunikation treten diese Nachteile umso mehr in den Vordergrund und es stellt sich die berechtigte Frage, inwiefern der bisherige SWIFT-Übertragungsstandard auf Basis des etablierten Korrespondenzbankensystems noch zeitgemäß ist.
Im heutigen traditionellen Zahlungsverkehrsumfeld dauert die Abwicklung einer internationalen Zahlung über Swift zwischen zwei bis fünf oder gar mehr Tagen1, da der Weg der Zahlung über mehrere fixe Stationen (meist vier bis sechs) im Korrespondenzbankennetzwerk2 erfolgt. Der Ablauf soll an folgendem vereinfachten Beispiel erläutert werden:

Im Fall einer grenzüberschreitenden Zahlung möchte beispielsweise eine regionale englische Bank, wir nennen sie „Reg.-EN“, eine USD-Zahlung an eine regionale amerikanische Bank „Reg.-US“ überweisen. Dabei unterhalten die beiden Banken „Reg.-EN“ und „Reg.-US“ keine direkte Geschäftsbeziehung zu ausländischen Kreditinstituten in anderen Währungsräumen. Aus diesem Grund überweist Bank „Reg.-EN“ die Zahlung zuerst an eine international und entsprechend als Korrespondenzbank agierende englische Bank „Int.-EN“. Bank „Int.-EN“ wiederum überweist nun die Zahlung an seine US-amerikanische, ebenfalls als Korrespondenzbank agierende, Partnerbank „Int.-US“. Letztlich überweist Bank „Int.-US“ in letzter Instanz die Zahlung an die Empfängerbank „Reg.-US“. Damit die beiden Korrespondenzbanken „Int.-EN“ und „Int.-US“ den beschriebenen Geschäftsvorfall ausführen können, unterhält die Bank „Int.-EN“ ein USD-Nostro-Konto bei Bank „Int.-US“. Damit „Int.-US“ die geforderte USD-Zahlung auch durchführt, ist die Bank „Int.-EN“ in der Regel verpflichtet das Nostro-Konto mit USD-Devisen einzudecken. Erst bei vorhandener Deckung bzw. bei Einhaltung einer bilateralen Kreditlinie wird die Zahlung auch ausgeführt.

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1 https://www.business.hsbc.co.uk/1/2/!ut/p/c5/04_SB8K8xLLM9MSSzPy8xBz9CP0os3gDC-NASzc3b38LA3_PYD9Lg0AjAwgAykeaxTu7O3qYmPsA-WGergaeJk4mBqa-boYGnsYEdPt55Oem6oeDbMVU5-oGV1eQG1Hh6aioCAButEGo/dl3/d3/L2dJQSEvUUt3QS9ZQnZ3LzZfMEczVU5VMTBTRDBNSFRJN0hEMzAwMDAwMDA!/

2 Eine Korrespondenzbank bezeichnet ein Kreditinstitut, das insbesondere Zahlungsverkehr für eine andere Bank grenz- bzw. währungsraumüberschreitend erbringt. Es wird eine gegenseitige Kontoverbindung (Nostro/Loro Konto) erstellt, welche es ermöglicht, Geschäftsvorfälle in den jeweiligen Währungen der beteiligten Banken direkt miteinander zu verrechnen.

Nachteile des Zahlungsabwicklungssystems über SWIFT und dem etablierten Korrespondenzbankenmodell:

Wie das oben stehende Beispiel zur Abwicklung einer internationalen Zahlung verdeutlicht, handelt es sich um eine komplexe Prozessabfolge. Diese führt unter anderem zu den nachstehenden (exemplarischen) Problemen und Ineffizienzen, welche auch im tagtäglichen Geschäft eines Treasurers zu Tage treten. Diese werden zudem durch das enorme Wachstum der grenzüberschreitenden Zahlungen (von 9 Mio. Zahlungen täglich in 2005 auf über 25 Mio täglichen Zahlungen in 2015) noch verstärkt:

  1. Durchlaufzeit der Überweisung:
    Die Dauer zur Durchführung einer grenzüberschreitenden Zahlung kann, je nach Währung, bis zu einer Woche betragen. Die lange Zeitspanne ergibt sich aus vielerlei Gründen. Beispielsweise existiert kein fixer Pfad des Routings einer Zahlung. Je nach Währungsraum und Zielland muss die ausführende Korrespondenzbank eine entsprechende Partnerbank identifizieren. Oft werden Zahlungen auch über mehrere Korrespondenzbankstationen geroutet, da für die ausführende Bank kein direkter Zugang zum Zielwährungsraum besteht. Weiterhin spielt die technische Verfügbarkeit eine wesentliche Rolle. Die Zahlungsabwicklungssysteme der Banken sind nicht rund um die Uhr bzw. an Wochenenden verfügbar und es existieren tägliche Cut-Off Zeiten, zu denen eingereichte Überweisungen ausgeführt werden. Beispielsweise werden aufgrund unterschiedlicher Zeitzonen Zahlungen dann erst am Folgetag verarbeitet und weitergeleitet. Hinzu kommen je Korrespondenzbank eigene KYC- und AML-Prozesse, welche insbesondere bei Verwendung des US-Dollars als Brückenwährung für das Clearing zwischen zwei Währungen zu Zeitverzögerungen im Abwicklungsprozess führen kann.
    Schließlich ist auch die ausreichende Deckung mit Liquidität in der Zielwährung auf dem Nostro-Konto erforderlich bzw. eine ausreichende Kreditlinie, welche die den Auftrag initiierende Korrespondenzbank bei der Korrespondenzbank unterhält. Ist keine ausreichende Liquidität gegeben, ist die ausführende Bank erst angehalten, für ausreichend Deckung zu sorgen. Dieser Vorgang kann wiederum zu weiteren Zeitverzögerungen im Überweisungsprozess sorgen.
  2. Robustheit des Prozesses:
    Das Routing der Zahlung ist nichts anderes als eine Aneinanderreihung von internen „Buchüberträgen“ in der Kette der beteiligten Korrespondenzbanken, sowie die Verrechnung über bankeigene Zahlungsabwicklungssysteme. Mehrere Vermittler im beschriebenen Routingsystem bilden gleichzeitig potenzielle Ausfallpunkte, da unter anderem jede Bank über ihre eigene individuelle IT-Landschaft und damit auch Verarbeitungs- und Interpretationsroutinen (zum Beispiel Behandlung von Ausnahmebedingungen, Mapping von regionalspezifischen Datensätzen etc.) zur Abwicklung von Zahlungen verfügt (die offizielle Fehlerquote von SWIFT liegt bei ca. 6% der durchgeführten Zahlungen).
  3. Kosten der Überweisung:
    Schätzungsweise fallen jährlich über eine Billion US-Dollar an Kosten für die Abwicklung für internationale, grenzüberschreitende Transaktionen an3. Laut einer Studie der Weltbank berechnen Banken für die Durchführung von Überweisungen durchschnittliche 7-12%4. Insbesondere für niedrige Beträge werden verhältnismäßig hohe Gebühren fällig bzw. steigen die Gebühren zudem bei Überweisungen in Währungen mit geringerem Marktzugang und entsprechend niedriger Liquidität. Die Gebührenspanne setzt sich dabei aus verschiedenen Kostenpositionen der Banken zusammen. Ein wesentlicher Kostenfaktor ergibt sich daraus, dass nur eine gewisse Anzahl an internationalen Großbanken als Korrespondenzbanken agiert und sich dementsprechend nur beschränkte Zugänge in bestimmte Währungskorridore ergeben. Dies führt wiederum zu eingeschränktem Wettbewerb und je nach Währung zu begrenzter Liquidität, höheren Spreads für Devisentransaktionen und Bearbeitungsgebühren. Weiterhin generieren die Banken erhebliche Kosten im Zusammenhang mit Treasury-Operationen zur Disposition und Bereitstellung von Liquidität (zum Beispiel durch Repo-Geschäfte) und Devisen als Grundlage für die Zahlungsabwicklung. Nicht zu vernachlässigen sind zudem indirekte Kosten zur Erfüllung von regulatorischen und Compliance-Anforderungen (insbesondere nach Basel III), welche vor allem durch die Komplexität des Systems begründet und verpflichtend anzuwenden sind.

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3 https://de.wikipedia.org/wiki/SWIFT, World Trade Organization, International Trade Statistics 2014; Institute of International Finance, Aggregate Capital Flows 2014; Federal Reserve Financial Services, Cross-Border Payments 2015.

4 World Bank Remittance Prices Worldwide

Schnellere, integrierte und sichere Zahlungsabwicklung durch innovative Blockchain-Ansätze?

Innovative Start up- Unternehmen wie Ripple aber auch etablierte Technologiekonzerne wie IBM haben sich zum Ziel gesetzt, durch neue Konzepte auf Basis der Blockchain-Technologie die Zahlungsverkehrslandschaft zu revolutionieren und die aufgezeigten Schwachstellen des etablierten Systems zu eliminieren. Im Mittelpunkt der Bestrebungen steht insbesondere die Minimierung der Anzahl an beteiligten Intermediären oder gar deren gänzliche Abschaffung, welche in den traditionellen internationalen Zahlungssystemen nach Aussage der neuen Wettbewerber, Intransparenz, Komplexität und den Großteil der anfallenden Kosten verursachen. 
Ehe wir auf die einzelnen innovativen Lösungsansätze eingehen, vorab ein Exkurs zur Einordnung des Begriffs der Blockchain. Eine nähere Erläuterung zur technischen Funktionsweise der Blockchain kann unter anderem unserem Newsletter- Artikel 79 vom April 2018 entnommen werden.

Exkurs:
Der Kerngedanke, welcher der Blockchain-Technologie zugrunde liegt, ist die Entmaterialisierung von Werten (Schaffung sogenannter digitaler Assets) bei gleichzeitigem Abbau von Informationsasymmetrien zwischen Transaktionspartnern. Wie beispielsweise eine Whatsapp-Nachricht eine traditionelle Postkarte ersetzt und innerhalb von Sekundenbruchteilen digital und kostengünstig international transferiert werden kann, ist dieses Prinzip mit Hilfe der Blockchain übertragbar auf Wertgegenstände. 
Nach heutigem Stand ist im Bereich der Wertübertragung in aller Regel ein physisches Medium, wie etwa Bargeld oder eine Wertpapierurkunde, erforderlich. Hier ermöglicht nun die Blockchain eine Entmaterialisierung und somit die digitale Abwicklung einer Transaktion und eliminiert gleichzeitig den Einsatz einer dritten Partei als Intermediär bzw. Treuhänder bei vollumfänglicher, unveränderlicher Informationstransparenz für die Beteiligten.

Auf Basis der neuen Technologie sollen kostengünstige und sichere (internationale) Finanztransaktionen in Echtzeit wesentlich schneller als über das SWIFT-Netzwerk und über bisherige Bruttoabwicklungssysteme durchgeführt werden (laut Angabe von Ripple durchschnittlich vier Sekunden je Transaktion). Somit sehen sich IBM und Ripple in direkter Konkurrenz zu SWIFT. Bei Ripple sind bereits Branchengrößen wie Santander und SEB Teil der Plattform sowie ­ neben Tech-Größen wie Google ­ auch als Investoren beteiligt. IBM kooperiert mit seinem Produkt „Blockchain World Wire“ ebenfalls mit innovativen Technologie-Unternehmen aus dem Payments-Bereich wie MBanq und KlickEx.
Am Beispiel von Ripple gestaltet sich das Blockchain-basierte Zahlungsabwicklungssystem wie folgt: 
Ripple beruht auf einer sogenannten internen Blockchain, welche als “Enterprise Blockchain”-Ledger bezeichnet wird, und nicht wie bei anderen Kryptowährungen üblich auf einer öffentlich zugänglichen Blockchain. Weiterhin handelt es sich um eine Art Blockchain für Schuldverschreibungen (sogenannte „IOUs – I owe you“), welche Transaktionen für eine Vielzahl von Währungen unterstützt. Es sind zudem weder ein Mining von Coins wie bei Bitcoin noch komplexe, energieintensive Rechenoperationen zur Validierung der durchgeführten Transaktionen erforderlich.
Sobald sich über das RippleNet zwei Vertragsparteien gegenseitig Schuldscheine ausstellen, wird dies in der Ripple-Blockchain gespeichert. Von besonderer Bedeutung ist hierbei, dass ein ständiger Konsens zwischen allen an einer Transaktion beteiligten Teilnehmern im Netzwerk gefunden werden muss. Daher ist es notwendig, dass Ripple-Nutzer angeben, welchem anderen Benutzer sie bis zu welcher Höhe das Vertrauen entgegenbringen, die gespeicherten IOUs auf Verlangen einzulösen. Gibt es keine direkte Vertrauensbeziehung zwischen Sender und Empfänger, sucht das Netzwerk einen Pfad von Nutzern, auf dem jeder dem nächsten in ausreichender Höhe vertraut, um die Zahlung durchzuleiten. Auf diese Weise sickern („to ripple“) Zahlungen durch den sozialen Graph von Vertrauensbeziehungen. Das Register verrechnet all diese Zahlungen miteinander.
Bei Ripple basiert die Sicherheit des Zahlungssystems auf dem Vertrauen der Teilnehmer untereinander auf Grundlage von KYC- und AML-Prozessen. Ripple bietet jedoch den Vorteil, dass bei Initiierung einer Zahlung die beteiligten Banken die notwendigen KYC/AML-Informationen direkt über RippleNet austauschen. Das Screening wird in Sekunden durch das bidirektionale Messaging via RippleNet abgeschlossen. Dadurch wird ein Engpass des traditionellen Zahlungsabwicklungssystems via SWIFT beseitigt, bei dem Korrespondenzbanken (über deren Beteiligung im Rahmen der Abwicklung der Zahlung die zahlungsinitiierende Bank am Startpunkt des Überweisungsprozesses nicht Bescheid weiß) zusätzliche Informationen im Rahmen von KYC/AML-Prozessen benötigen und den Abwicklungsprozess so zusätzlich verlangsamen.
Die von Anfang an erschaffene Menge an Ripple-Coins (XRP) dient letztlich für die Plattformnutzer als Brückenwährung für den Tausch und Settlement in Fiat-Währungen sowie zur Zahlung von Transaktionsgebühren. Zur Berechnung kompetitiver FX-Kurse (sowohl zwischen konventionellen Währungen als auch zwischen XRP und konventioneller Währung) wird seitens Ripple ein zusätzliches Modul eingesetzt (FX Ticker), über welches Liquiditätsanbieter bzw. Devisenmarktplätze als Teilnehmer des RippleNets aktuelle Kurse veröffentlichen können und ein wettbewerbsfähiger Kurs über ein Auktionssystem ermittelt wird. Das FX-Ticker Modul verfolgt weiterhin die Konto-, Währungs- und Authentifizierungsnachweise und koordiniert die Wertübertragung für die letztendliche Konvertierung und Abrechnung der Zahlung. Alle durchgeführten Transaktionen werden schließlich in der Ripple-Blockchain unveränderlich gespeichert.
Laut eigener Aussage von Ripple reduziert das Zahlungssystem via XRP die Kosten zur Ausführung von grenzüberschreitenden Zahlungen für Banken und entsprechend auch für den Kunden zwischen 40-70%. Die wesentlichen Faktoren für die Kostenreduzierung ergeben sich unter anderem daraus, dass die beteiligten Banken lediglich ihre Landeswährung und ein Konto in XRP unterhalten und somit die Anzahl an währungsspezifischen Nostro-Konten reduziert werden kann. Damit einhergehend reduzieren sich ebenfalls die Treasury-Aktivitäten rund um die Liquiditäts- und Devisenbeschaffung sowie entsprechende Sicherung von Devisenpositionen. Insgesamt verringert sich aufgrund der minimierten Prozessdurchlaufzeit und des Fremdwährungsbedarfs die regulatorisch vorzuhaltende Gesamtliquidität bzw. hoch fungibler Collaterals der Banken, was wiederum die Kosten zur Erfüllung regulatorischer Anforderungen senkt.
IBM geht mit seinem ebenfalls auf der Blockchain basierten Zahlungssystems „World Wire“ einen ganz ähnlichen Weg wie Ripple. Geldtransaktionen sollen über ein weltweites Netzwerk mittels digitalen Assets als Brückenvermögenswerte in Sekunden übertragen werden. Noch ist nicht allzu viel über die Funktionsweise von World Wire bekannt. IBM setzt für sein System auf eine Partnerschaft mit Stellar. Stellar ist ein Open Source Blockchain-Projekt, welches ursprünglich auf dem Ripple-Blockchain-Protokoll aufsetzte. Seit 2015 setzt Stellar jedoch auf eine eigene Weiterentwicklung seiner Blockchain. Eine wesentliche Herausforderung, welche sich sowohl Ripple als auch IBM ausgesetzt sieht, ist die Volatilität der Wertentwicklung von digitalen Assets (wie im vergangen Jahr am Markt für Kryptowährungen zu beobachten). Die Werte der digitalen Assets sind weder von einer Zentralbank herausgegeben noch an die Entwicklung eines stabilen Vermögenswertes gekoppelt. Ripple argumentiert, dass sein XRP-Coin anfangs aufgrund der steigenden Nachfrage und Wachstums des Ökosystems einer gewissen Volatilität ausgesetzt gewesen sei, welche sich jedoch nach einer gewissen Zeit aufgrund konstanter Nachfrage nach XRP als Brückenwährung einpendeln soll. IBM versucht einen Schritt weiterzugehen und ein stabiles digitales Asset (sogenannte Stable Coins) zu etablieren. Dabei wird die Kursentwicklung zum Beispiel an eine führende Währung (wie USD, EUR oder GBP) bzw. an den Goldpreis gekoppelt. Darüber hinaus versucht IBM neben der Abwicklung von Finanztransaktionen in Fiat-Währung Transaktionen in jeder digitalen Währung abzuwickeln bzw. diese ebenfalls als Brückenwährungen zuzulassen. Dies würde wiederum einen großen kommerziellen Durchbruch für die Nachfrage nach Kryptowährungen darstellen.

Marktadaption und Herausforderungen der Blockchain-Technologie im Zahlungsverkehr

Weltweit sind derzeit mehr als 200 Finanzinstitute Teilnehmer am RippleNet, darunter Branchengrößen wie Santander, SEB, Western Union und Moneygram, die bereits Zahlungslösungen auf Basis der Ripple-Blockchain anbieten oder zumindest testen.
Über die Nutzergemeinschaft von IBMs World Wire ist bisher nicht viel bekannt. Nach Aussage von IBM gehören grundsätzlich 97% der weltweit größten Banken zu den Kunden für Hard- und Softwarelösungen des Konzerns. Zudem werden ca. 90% aller weltweiten Kreditkartentransaktionen über die Systeme von IBM abgewickelt. Diese Kundenbasis und der enorme Marktanteil können sicherlich hilfreich sein, um neue innovative Lösungen wie World Wire im Markt zu platzieren und das Vertrauen der potenziellen Kunden zu gewinnen.
SWIFT mit seinen mehr als 11.000 teilnehmenden Finanzinstituten und der entsprechend marktbeherrschenden Stellung hat sich im Angesicht der aufstrebenden Konkurrenz bis vor kurzem noch zurückhaltend mit dem Thema Blockchain auseinandergesetzt. Vielmehr setzte SWIFT auf seine Initiative SWIFT GPI (Global Payment Initiative). GPI ist keine technische Revolution, sondern basiert auf dem herkömmlichen SWIFT-Netzwerk. Der Unterschied zum bisherigen Netzwerk ist die Schaffung einheitlicher Standards und die Möglichkeit eines permanenten Nachverfolgens (Trackings) von Zahlungen. Zum Beispiel sollen Remittance-Informationen beim Transfer durch das Netzwerk über verschiedene Korrespondenzbanken unverändert entlang des Pfades übertragen werden, um so das Abgleichen und Verbuchen der Zahlungen zu erleichtern und die Prozessierungsdauer zu verkürzen. Aufgrund der hohen Standardisierungsanforderungen sind Banken, welche an GPI teilnehmen wollen, gezwungen, weitreichende Anpassungen an ihren internen Zahlungsabwicklungssystemen durchzuführen. Dies vermag auch einer der Gründe dafür sein, warum bisher nur ein Bruchteil (ca. 160 Finanzinstitute) der weltweit 11.000 teilnehmenden Banken SWIFT GPI adaptiert hat.
Wenn auch mit Zurückhaltung wurde seitens SWIFT erkannt, dass der Markt für Zahlungsabwicklung stark in Bewegung gekommen ist, und dass es sich bei der Blockchain um eine Technologie handelt, welche mit einem hinreichenden Reifegrad die Marktbedingungen im Zahlungsverkehr grundlegend verändern kann. SWIFT versucht daher einerseits seinen GPI-Ansatz bis 2020 als den neuen einheitlichen Übertragungsstandard unter seinen Teilnehmerbanken zu etablieren. Dies soll unter anderem mit verpflichtenden Standards als Grundlage für die Teilnahme am SWIFT-Zahlungsverkehr durchgesetzt werden. Auch testet SWIFT seit 2017 mit Technologiedienstleistern und Partnerbanken die Umsetzbarkeit der Blockchain als neue Technologiebasis für die Durchführung von internationalen Zahlungen. So gab SWIFT kürzlich eine Partnerschaft mit dem Blockchain-Konsortium R3 bekannt.
Aller Innovationseuphorie und Effizienzgewinne zum Trotz werden die neuen Lösungen wie die von IBM und Ripple einige Akzeptanz- und regulatorische Hindernisse zu überwinden haben, zum Beispiel:

  • ­Wie werden die digitalen Assets zukünftig klassifiziert, als Wertpapiere, Commoditys oder gar doch als eine eigene Währung? Wird es hier abweichende Meinungen von verschiedenen Regulatoren geben?
  • ­Wie werden digitale Vermögenswerte bilanziert und bewertet und was sind geeignete Methoden zur Risikomessung, um beispielsweise Kapitalvorschriften zu erfüllen?
  • ­Werden Banken digitale Assets halten und auf diese vertrauen, um sie für die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen zu verwenden?
  • ­Sofern Banken die digitalen Assets nicht selbst halten, sondern diese über digitale Liquiditätsanbieter beziehen, wie werden diese Anbieter in Zukunft reguliert bzw. wie kann Liquidität in Stresssituationen sichergestellt werden?
  • ­Wie wird sich der globale Geld- und Collateral-Markt entwickeln und wie reagieren zentrale Player dieser Märkte, sofern sich die beschriebenen Lösungen etablieren? Entsprechend würden Liquiditätsbedarfe in verschiedenen Fiat-Leitwährungen gegebenenfalls sinken, heute noch illiquidere Währungen zugänglicher und dementsprechend die Spreads und Risikoaufschläge der gehandelten Währungen enger.

Welche Bedeutung und Relevanz ergibt sich für das Corporate Treasury?

Die Vorteile der neuen Technologie für das Corporate Treasury liegen auf der Hand. Die Abwicklung von Zahlungstransaktionen in nahezu Echtzeit sind ein Flexibilitätsgewinn für jedes Unternehmen und jede Treasury-Abteilung. Durch die Prozessstraffung und Effizienzsteigerung ergeben sich zudem aus Risiko und Kostengesichtspunkten die folgenden Vorteile:

  • ­Weniger Gebühren und Aufschläge für Überweisungen, FX-Umrechnung sowie Führung von Fremdwährungskonten im Ausland durch Reduzierung der Finanzintermediäre und Brückenwährungen in der Übertragungskette sowie Schaffung von kompetitiven Marktplätzen.
  • ­Das Settlementrisiko ist aufgrund der gleichzeitigen Ausführung aller beteiligten Teilnehmer fast vollständig eliminiert (das Risiko bleibt bestehen, wenn die Geschäftspartner nicht zur gleichen Zeit interagieren).
  • ­Senkung der Kosten für bestimmte Treasury-Aktivitäten zur Devisenbeschaffung und Disposition sowie zusätzliche Sicherung dieser Bestände

Wie sollte man sich nun in der derzeitigen Marktlage als Treasurer verhalten, lohnt es sich bereits auf den Zug aufzuspringen? Der Markt für die beschriebenen neuen Lösungen ist noch in einer Frühphase, wächst jedoch rasant. Es sind daher in erster Linie die Regulatoren und Standardsetter angehalten schnellstmöglich die wesentlichen offenen Fragestellungen zu klären. Sofern ein hinreichender rechtlicher Rahmen geschaffen wurde, ist die Frage der Anwendung für das Treasury sicherlich eng mit dem Geschäftsmodell und der Bankenlandschaft jedes einzelnen Unternehmens verknüpft:

  • ­Sind grenzüberschreitende Zahlungen (womöglich auch in exotischeren Währungen) ein wesentlicher Bestandteil des Treasury-Geschäfts?
  • ­Ergeben sich aufgrund des Geschäftsmodells wesentliche Gebühren- und Kostenpositionen im Zahlungsverkehr und den damit verbundenen Treasury-Aktivitäten?
  • ­Sind die Hauptbankpartner des eigenen Unternehmens bereits Mitglieder der innovativen Zahlungsabwicklungsnetzwerke?

Je nachdem wie die Antworten auf diese Fragen ausfallen, kann es sich unter Umständen lohnen sich mit den Hausbanken zumindest über mögliche Umsetzungsszenarien zu unterhalten.

In jedem Fall lässt sich konstatieren, dass der Markt durch die neuen Technologien belebt wurde und vor allem etablierte Player wie SWIFT zum Handeln aufgefordert sind. Letztendlich wird sich aller Voraussicht nach ein kompetitiveres Wettbewerbsumfeld einstellen, in dem die Kosten für den Zahlungsverkehr sinken und die Transparenz des Zahlungsprozesses steigen.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 88, Januar-Februar 2019

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