In diesem Artikel wollen wir die Fragestellung beleuchten, wie stark sich das Treasury in einer übergreifenden Finanztransformation integrieren sollte. 

Das Thema Finanztransformation oder Digitalisierung des Finanzbereichs steht bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Hierbei werden in der Regel alle Finanzbereiche oder -prozesse unter die Lupe genommen, um das Potenzial einer runderneuerten Finanzorganisation auszuschöpfen. Hiermit geht auch eine Anpassung der ERP-Systemlandschaft einher.

Während die Kernprozesse wie „Quote-to-Cash“ oder „Procure-to-Pay“ regelmäßig in einem integrierten ERP-System abgebildet werden sollen, verfügt die Treasury-Systemlandschaft häufig über spezialisierte (Zusatz)systeme, um die einzelnen Prozesse abzubilden. Hier sind die üblichen Handelsplattformen oder Multibankingsysteme nur zwei Beispiele. Hinzu kommt, dass viele Prozesse inhaltlich abgegrenzt sind, wie beispielsweise das Bankkontenmanagement oder das Finanzrisikomangement.

Daher wird schlussendlich die Diskussion geführt, ob die Transformation des Treasury aufgrund der abgrenzbaren Prozesse und speziellen Systemlandschaft von der Gesamttransformation herausgelöst werden soll oder integriert betrachtet werden soll.

Links oder Rechts? - Welche Strategie macht für das Treasury den meisten Sinn

Während die Finanzinfrastruktur ganzheitlich den neuen Standards angepasst wird, denken viele Treasury Abteilungen über eine Abkopplung der Treasury Funktionen von diesem Prozess im Zuge des „Treasury First“-Ansatzes nach. Hierbei werden die Treasury Systeme unabhängig und vorlaufend vor der globalen Systemtransformation auf eine neue Systemlandschaft gesetzt, beispielsweise SAP S4/HANA.

Im Gegensatz zur ganzheitlichen Systemumstellung bietet diese Strategie nicht nur die Möglichkeit, frühzeitig von Innovationen und Performance Verbesserungen zu profitieren – und damit Prozesse unabhängig von anderen Finanzfunktionen zu optimieren. Zu diesen Innovationen zählen nicht nur neue Funktionen und Fähigkeiten der System-Umgebung, die damit ganz neue Möglichkeiten für Treasury Tätigkeiten schaffen. Die Optimierung von Benutzeroberflächen und Prozessabläufen generiert bereits ab der Anbindung operationelle Vorteile.

Die Koordination und die Abhängigkeiten zu anderen Funktionen sind damit weitaus geringer als dies bei einer ganzheitlichen Transformation und Migration der Fall wäre. Eine vorlaufende Migration der Treasury Prozesse hin zu einer angekoppelten Treasury Workstation lässt die Treasury Bereiche zudem auch als Innovationstreiber für die Financial Transformation agieren. So kann beispielsweise das Treasury mit Digitalen Use Cases, wie Cash Forecasting mit Predictive Analytics zur Sammlung von Erfahrungen beitragen. Ein zweiter Aspekt ist, dass Erfahrungen bei der technischen Migration gesammelt werden, die bei einer späteren Transformation des restlichen Finanzbereichs genutzt werden können.

Neben den übergreifenden Aspekten kann eine Entkopplung für das Treasury im eigenen Sinne durchaus Sinn machen. Eine Transformation birgt selbstredend substanzielle Risiken. Beispielsweise das Risiko einer fehlerhaften Migration der Finanzgeschäfte, die zu falschen Bewertungen führen oder bei der Migration der Zahlungsverkehrslösungen, dass im schlimmsten Falle Zahlungen im neuen System nicht mehr ausgeführt werden.

Da bei diesen und anderen Themen eine starke Interaktion zwischen dem Finanzsystem und dem Treasury-System besteht, reduziert es das Risiko, wenn die Transformation schrittweise erfolgt. 

Besonders häufig wird diese Fragestellung bei den derzeit häufigen SAP S/4HANA Transformationen gestellt. Bei der Abwägung, ob ein solcher „Sidecar Approach“ in Frage kommt, muss natürlich die bestehende Umgebung der Maßstab sein. Durch die zeitweilige Auslagerung der Treasury Funktionen hin zu einer Treasury Workstation müssen zwangsläufig Schnittstellen zu den alten Systemen geschaffen werden, die im Zuge der gesamten Systemumstellung gegebenenfalls wieder redundant werden. Hinzu kommt, dass ein paralleler Systembetrieb zu Mehrkosten, bei Lizenzen und Systemwartung führt. Daher ist diese Strategie meist mit einem finanziellen Mehraufwand gegenüber der integrierten Strategie verbunden.

Auch hybride Ansätze sind denkbar, beispielsweise werden lediglich die Risikomanagement-Anwendungen oder die Inhouse-Bank in einem eigenen System abgebildet wird, während das Cash Management in dem ERP-System integriert bleibt. In der Regel ist diese Option wegen zu vermeidenden Systembrüchen innerhalb des Treasury keine belastbare Option.

Fazit

Im Ergebnis bleibt im Einzelfall abzuwägen, ob die Systemoptimierung und Innovationsvorteile die erwarteten Mehrkosten im Vergleich zu einer ganzheitlichen Transformation überwiegen Grundsätzlich lässt sich ableiten, dass sich die Fachbereiche eher für einen „Treasury First“-Ansatz aussprechen während die IT in der Regel einen integrierten Ansatz präferiert.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 115, Oktober 2021
Autoren: Börries Többens, Partner, Finanz- und Treasury-Management, KPMG AG; Daniel Müller, Senior Manager, Finanz- und Treasury-Management, KPMG AG