Unternehmenszusammenschlüsse (im Sinne des IFRS 3), der daraus entstehende Goodwill und dessen nachfolgende potenzielle Wertberichtigung (Impairment im Sinne des IAS 36) ist immer wieder Gegenstand der öffentlichen Diskussion zur Bilanzierung nach den Grundsätzen der IFRS. Im Hinblick auf Finanzinstrumente haben wir in vergangenen Artikeln einige der Kernaspekte in unseren Newslettern beschrieben (vergleiche beispielsweise den Artikel „Besonderheiten für Finanzinstrumente bei Unternehmenszusammenschlüssen“).

Während zu Unternehmenszusammenschlüssen und deren bilanzielle Abbildung im IFRS Abschluss bereits viel geschrieben wurde, bleibt der Schritt vor diesen Zusammenschlüssen meist auf einige wenige know how Träger beschränkt. Interessanterweise gilt das auch für ein häufig verwendetes Vehikel, um einen Unternehmenszusammenschluss überhaupt erst zu ermöglichen: das Übernahmeangebot (cash tender offer). Für diese Übernahmeangebote stellt sich die Frage, ob diese Derivate darstellen oder nicht. Stellt das Übernahmeangebot ein Derivat dar, sind relevante Ergebniseffekte in der Ergebnisrechnung (statement of profit and loss) und in relevanten Kennzahlen (beispielsweise net debt ratio) möglich.

Die Werte können deshalb so bedeutsam sein, da ein einseitiges Angebot, das ein Übernahmeangebot häufig darstellt, sich auf einen hohen Bezugsbetrag beziehen kann (die noch nicht erworbenen Anteile) und die Übernahmeangebote, die wirtschaftlich in der Regel den Gehalt einer bedingten geschriebenen Option darstellen. Bei der Optionsbewertung ist, neben dem inneren Wert (Angebotspreis – Wert des Anteils) auch der Zeitwert bedeutsam (hier: das Risiko, dass der Wert des Anteils zum Ausübungszeitpunkt weiter unter den Angebotspreis fällt). Der Zeitwert hängt dabei nach der klassischen Theorie von der noch verbliebenen Zeit bis zum Fristende, von der Differenz zwischen Angebotspreis und Wert des Anteils sowie von der Volatilität der Anteile ab.

Da Altanteilseigner in der Regel erst gegen Ende einer Angebotsfrist ein Übernahmeangebot annehmen und das Thema Spekulanten anzieht, kann es, während eines vorangehenden Stichtags, zu relevanten Ausschlägen in den Bewertungsparametern kommen. In der Folge kann das Übernahmeangebot relevante Werte annehmen, die, wenn sie als Derivat einer Folgebewertung unterzogen werden müssen, auch zu relevanten Ergebniseffekten führen können.

Da die Ausgestaltung der Übernahmeangebote sehr vielseitig ist, kann an dieser Stelle kein Entscheidungsbaum angegeben werden. Dementgegen macht es Sinn, die potenziell relevanten Aspekte und Argumentationen einmal kurz darzustellen. In erster Linie betrifft die nachfolgende Überlegung nur Übernahmeangebote auf solche Anteile, deren Unternehmen nicht bereits nach IFRS 10 vollständig in den eigenen Konzernabschluss konsolidiert werden (in einem solchen Fall lägen Andienungsrechte von nicht-beherrschenden Minderheiten vor, die wir in einem eigenen Artikel: „Andienungsrechte von nicht-beherrschenden Gesellschaftern unter IFRS (non controlling interests) – das unsichtbare Risiko“ beleuchtet haben).

Fraglich ist zunächst, ob formal ein Derivat vorliegt, das im Scope des IFRS 9 bewertet werden muss. Zu diesem Zweck muss es sich bei dem Übernahmeangebot erst einmal um ein Finanzinstrument handeln. Eine finanzielle Verbindlichkeit ist dabei eine vertragliche Verpflichtung (IAS 32.11) und Verträge werden unter IAS 32.13 zwar relativ weit definiert, es muss sich allerdings um eine Vereinbarung zwischen zwei oder mehr Parteien handeln, die eine unvermeidbare Verpflichtung nach sich zieht. An dieser Stelle lassen sich bereits gesetzlich begründete Pflichtangebote, die das WpÜG beispielsweise bei einer Überschreitung der 30% Anteils-Schwelle vorsieht, aus dem Scope für Derivate herausnehmen, da die Verpflichtung auf gesetzlicher und nicht auf vertraglicher Basis fußt. Bei manchen Übernahmeangeboten, wie für die Übernahme einer GmbH ist, im Zweifel erst einmal durch ein Rechtsgutachten, zu klären, ob das WpÜG und damit gesetzliche Vorgaben gelten. Bei freiwilligen Übernahmeangeboten stellt sich die Frage, inwiefern die Altanteilseigner bei der Vereinbarung mitgewirkt haben. Während bilaterale Vereinbarungen in der Regel vertragliche Verpflichtungen begründen, ist die Frage bei einem freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebot an alle Altanteilseigner nicht so einfach zu beantworten und hängt vom Einzelfall ab. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass auch jeder Dritte Anteile erwerben könnte und dann Berechtigter eines solchen Übernahmeangebots ist. Bilaterale Vereinbarungen mit konkreter Verpflichtung sind in dieser Hinsicht auf jeden Fall vertragliche Verpflichtungen und damit auch Finanzinstrumente.

Der häufig vorgebrachte Einwand: es handele sich um ein bedingtes Andienungsrecht (das nur dann wirksam würde, wenn mindestens 50% der Anteilseigner zustimmten) und wäre daher als schwebend wirksamer Vertrag nicht zu bilanzieren, ist gegenstandlos. Auch bedingte Verträge können grundsätzlich Derivate darstellen (beispielsweise Optionen mit knock in feature) und werden auch vor Eintreten der Bedingung ergebniswirksam zum beizulegenden Zeitwert bilanziert. Dass die Mindestannahmeschwelle gleichzeitig zur Kontrolle (im Sinne des IFRS 10) führen wird, ist allerdings für die ausgeübten Optionen existentiell, wenn die Annahmefrist vor dem Stichtag erreicht, aber Kontrolle noch nicht erlangt wurde (der Unternehmenszusammenschluss also noch nicht stattgefunden hat). Zu diesem Zeitpunkt existiert ein bedingter Forward auf den Kauf eines Geschäftsbetriebes (im Sinne des IFRS 3) und dieser ist nach IFRS 9.2.1 (f) nicht über diesen Standard und mithin nicht als Derivat zu bilanzieren.

In den Fällen, in denen ein Übernahmeangebot als Derivat bilanziert werden muss, lohnt sich ein intensiver Blick in die Erstbewertungsregeln des IFRS 13.57ff.. Während bei der Erstbewertung in der Regel davon ausgegangen wird, dass der Transaktionspreis dem beizulegenden Zeitwert entspricht, ist dies bei einem einseitig und gegebenenfalls kostenlos ausgesprochenen Recht gegenüber Dritten nicht zwingend der Fall. Kurz gesagt wird das Übernahmeangebot kostenlos ausgesprochen, stellt für den Berechtigten aber immer einen Wert und für den Verpflichteten eine Verpflichtung dar. In der Regel wird der Erwerber darüber hinaus einen Zuschlag (beispielsweise das control premium) bezahlen; der Ausübungspreis ist demnach höher als der Preis der zu erwerbenden Anteile. Beide Gründe führen dazu, dass der Transaktionspreis und der finanzielle Wert des Übernahmeangebots nicht übereinstimmen.

In den Fällen, in denen die Anteile nicht auf aktiven Märkten gehandelt werden, kommt es bei der Erstbewertung (nach IFRS 9 B5.1.2A(b)) zu einer Abgrenzung des, kalkulatorisch ermittelten, beizulegenden Zeitwerts des Übernahmeangebots in der Bilanz (statement of financial position). Das Übernahmeangebot stellt in diesen Fällen eine finanzielle Schuld dar (Haben), die im Rahmen der Erstbewertung über eine Abgrenzung (im Soll) kompensiert wird. In der Kommentierung des deutschen Berufsstandes zum IFRS 13 können diese Werte in der gleichen Position ausgewiesen werden (IDW RS HFA 47.54). Die Abgrenzung ist dabei nach einem logisch begründbaren Verfahren aufzulösen, kann allerdings nicht zugeschrieben werden. Je nach Länge der Angebotsfrist und der Entwicklung des Wertes des Übernahmeangebots, wird die Abgrenzung und der beizulegende Zeitwert des Derivats aus diesem Grund noch keine wesentlich abweichende Wertentwicklung angenommen haben, was das Problem in der Ergebnisdarstellung reduziert. In den bilanzorientierten Kennzahlen ergibt sich aus dem gemeinsamen Ausweis keine oder nur eine geringe Auswirkung. An dieser Stelle sei allerdings noch kurz darauf hingewiesen, dass die Abgrenzung kein Teil des beizulegenden Zeitwerts des Derivats darstellt (IFRS 13.30, IFRS 13. BC138) und die Abgrenzung daher nicht in die Angabe des IFRS 7.25 mit aufgenommen werden darf. Darüber hinaus ist der Vorgang nach IFRS 7.28 darzustellen. Zumindest in den notes disclosures wird der Wert also offenbar werden.

Bisweilen gibt es auch eine Diskussion darüber, ob diese Instrumente bei Ausübung überhaupt einen Wert haben. Nach solchen Überlegungen wird sich der Preis der Anteile zwar nicht zu einem vorgelagerten Stichtag, aber bis zum Ende der Frist des Übernahmeangebots auf den Angebotspreis angepasst haben (der innere Wert ist demnach null, der Zeitwert existiert zum Fristende nicht mehr) oder es würden nicht mehr als 50% der Anteile angedient werden (der innere Wert wäre gegebenenfalls hoch, aber die Option verfällt aufgrund der Mindestannahmeschwelle). Für Verträge, deren Angebotspreis immer dem Wert des Anteils entspricht würde auch formal gelten, dass sie nicht als Derivate zu sehen sind, da sie keinen Basiswert (Underlying) aufweisen (IFRS 9.A, KPMG Insights into IFRS 17th 7.2.30.50). Leider ist dieser Nachweis zwar theoretisch naheliegend aber in der Literatur noch nicht geführt worden. Darüber hinaus ist es denkbar, dass der Markt für den Basiswert auf niedrigem Niveau verbleibt und es trotzdem zu einer Annahme kommt, da alle Anteilseigner ohnehin das Angebot annehmen möchten. Auf Basis der aktuellen Literatur bleibt eine solche Argumentation derzeit demnach zu unsicher, wenn sie überhaupt zwingend geführt werden kann.

Wenn Sie in diesem Zusammenhang Fragen zu Transaktionen haben, sprechen Sie uns gerne jederzeit an. Wenn Sie in der nächsten Zeit ein bedeutsames Übernahmeangebot planen, sollte Ihre Argumentation auf einer sicheren Basis stehen und die bilanziellen Konsequenzen vor einem Stichtag bekannt sein. Bitte beachten Sie bei diesen Transaktionen insbesondere, dass bereits leichte Abwandlungen in der Fallkonstellation zu einer gänzlich anderen bilanziellen Auswirkung führen können.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 114, September 2021
Autoren: Ralph Schilling, Partner, Finanz- und Treasury-Mangement, KPMG AG; Felix Wacker-Kijewski, Senior Manager, Finanz- und Treasury-Mangement, KPMG AG