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Dieser Text wurde ursprünglich für die Bundesregierung geschrieben. Steffen Wagner, Partner, Head of Transport & Leisure, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, und David Klein, Global Sector Executive for Transport & Leisure, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, schreiben regelmäßig Empfehlungen für die Bundesregierung als Teil des Gipfels der Logistikweisen. Die Logistikweisen haben sich zum Ziel gesetzt, einen unabhängigen Sachverständigenrat ins Leben zu rufen und darüber zu sprechen, wie sich die Logistik in den kommenden Jahren entwickeln wird. Der Kreis renommierter Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Branchen und Bereichen organisiert unter der Schirmherrschaft des Parlamentarischen Staatssekretärs Steffen Bilger regelmäßige Treffen.

Deutschland blickt auf internationaler Ebene in jüngster Vergangenheit auf ein angespanntes Handelsverhältnis mit dem transatlantischen Nachbarn zurück. Die US-Handels- und Außenpolitik unter Donald Trump war neben einer restriktiven und oftmals protektionistischen Haltung gegenüber der EU und Deutschland vor allem von Unberechenbarkeit sowie geringer Gesprächsbereitschaft geprägt. Nun erhoffen sich Wirtschaft und Politik von der Regierung unter Joe Biden eine Rückkehr zu einem verlässlichen und stabilen Verhältnis mit den Vereinigten Staaten.

Ausgangspunkt für die Spannungen der letzten Jahre waren in erster Linie der Stopp des Verhandlungsprozesses zum umstrittenen transatlantischen Freihandelsabkommens (TTIP), der Subventionsstreit um Boeing und Airbus, die Gas-Pipeline Nord-Stream 2 sowie ein fortwährender Schlagabtausch an Strafzöllen zwischen EU und USA. Mit der neuen US-Regierung verbinden viele Wirtschaftsforscher nun die Hoffnung auf eine Entspannung zumindest einiger dieser Konflikte und somit auch auf Lockerungen für die deutsche Exportwirtschaft.

Wunsch vs. Realität: Biden ist kein Allheilmittel für den Welthandel

Doch auch wenn Joe Biden nicht Donald Trump ist und zumindest in Sachen Luftfahrtindustrie und Freihandelsabkommen eine neue, kooperativere Haltung zu erwarten ist, wird sich die neue Administration nicht zwangsläufig als einfacher Verhandlungspartner im transatlantischen Handelskonflikt positionieren, sondern ihren wirtschaftlichen Führungsanspruch im Bündnis fortsetzen. So ist insbesondere hinsichtlich Nord-Stream 2 keine Entspannung der Verhältnisse zu erwarten. Zudem sieht sich die neue Biden-Administration mit der Mammutaufgabe konfrontiert, ein gespaltenes Amerika durch einen Balanceakt zwischen wirtschaftlichem Wachstum einerseits und dem von Biden angekündigten Fokus auf soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz andererseits im internationalen Wettbewerb zu positionieren. Durch die nur knappen Mehrheiten im Senat und dem obersten Gericht sind trotz der höheren internationalen Gesprächsbereitschaft einer Biden-Regierung demnach keine radikalen Umschwünge zu erwarten. Auch für die neue Administration wird „America first“ zur Absicherung der innenpolitischen Verhältnisse einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Ein Schritt, der kaum durch eine bloße, radikale Abkehr vom Nachlass der Trump Regierung möglich sein wird, zumal Biden in vielen Bereichen Neujustierungen adressieren muss. So steht unter anderem die Umkehrung des Austritts der USA aus dem Pariser Klimaabkommen sowie eine erneute Annäherung an internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO) auf der Agenda. Insbesondere wirtschaftspolitisch steht für die neue Regierung somit ein Drahtseilakt bevor.

Die Auswirkungen auf den Welthandel sind vielfältig

Während sich aus amerikanischer Sicht ein Wirtschaftsabkommen mit der EU als Gegengewicht zu Russland und China anbieten würde, ist ein solches Vorgehen für die EU-Mitgliedsstaaten aufgrund der Bedeutung der asiatischen Absatzmärkte wohl kaum vorstellbar. Biden ließ zudem bereits im Wahlkampf anklingen, dass ein Handelsabkommen erst dann in Frage käme, wenn die amerikanische Binnenwirtschaft dafür gerüstet sei. Weiterhin ist auch in einer Regierungszeit der Demokraten nicht mit einer maßgeblichen Abkehr von internationalen Sanktionen zu rechnen, die den Druck auf deutsche Unternehmen mit wirtschaftlichen Interessen in den USA und den betroffenen Ländern lindern würde. Auch die Besteuerung von digitalen Wirtschaftsleistungen im internationalen Kontext bleibt vorerst eine offene Frage, welche die zuletzt aus dem Dialog ausgestiegene Trump-Administration der neuen Regierung als strittiges Thema überlassen wird. Die dominante Position US-amerikanischer Digitalunternehmen hat sich in der Corona-Krise und den damit einhergehenden Auswirkungen auf digitale Wertschöpfung weiter verschärft. Den Vereinigten Staaten gelingt so vorerst die Positionierung als Exporteur von digitaler Wertschöpfung mit einer steuerlich vorteilhaften Position für US-Unternehmen, wohingegen der deutsche Markt zunehmend mit den Absatzeinbrüchen von Industrie- und High-Tech Produkten zu kämpfen hat und maßgeblich unter einer Fortsetzung oder schlimmstenfalls Eskalation des Strafzoll-Wettlaufs zwischen EU und USA leiden wird.Während sich aus amerikanischer Sicht ein Wirtschaftsabkommen mit der EU als Gegengewicht zu Russland und China anbieten würde, ist ein solches Vorgehen für die EU-Mitgliedsstaaten aufgrund der Bedeutung der asiatischen Absatzmärkte wohl kaum vorstellbar. Biden ließ zudem bereits im Wahlkampf anklingen, dass ein Handelsabkommen erst dann in Frage käme, wenn die amerikanische Binnenwirtschaft dafür gerüstet sei. Weiterhin ist auch in einer Regierungszeit der Demokraten nicht mit einer maßgeblichen Abkehr von internationalen Sanktionen zu rechnen, die den Druck auf deutsche Unternehmen mit wirtschaftlichen Interessen in den USA und den betroffenen Ländern lindern würde. Auch die Besteuerung von digitalen Wirtschaftsleistungen im internationalen Kontext bleibt vorerst eine offene Frage, welche die zuletzt aus dem Dialog ausgestiegene Trump-Administration der neuen Regierung als strittiges Thema überlassen wird. Die dominante Position US-amerikanischer Digitalunternehmen hat sich in der Corona-Krise und den damit einhergehenden Auswirkungen auf digitale Wertschöpfung weiter verschärft. Den Vereinigten Staaten gelingt so vorerst die Positionierung als Exporteur von digitaler Wertschöpfung mit einer steuerlich vorteilhaften Position für US-Unternehmen, wohingegen der deutsche Markt zunehmend mit den Absatzeinbrüchen von Industrie- und High-Tech Produkten zu kämpfen hat und maßgeblich unter einer Fortsetzung oder schlimmstenfalls Eskalation des Strafzoll-Wettlaufs zwischen EU und USA leiden wird.

Außenhandel am Scheideweg?

Allen Spannungen zum Trotz blieben die USA in den vergangen Jahren Deutschlands größter Exportpartner mit einem Exportvolumen von 118 Mrd. € im Jahr 2019, gefolgt von Frankreich (106 Mrd. €) und China (96 Mrd. €)1. Zudem war die Entwicklung der letzten Jahre von einem positiven Trend der deutschen Exporte in die USA geprägt (Zuwachs von 6% zwischen 2017 und 2019). Importe aus den USA stiegen im gleichen Zeitraum um 15%2.

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Abbildung 5: Deutscher Außenhandel mit den USA (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2021)3

Dementsprechend wies die deutsche Außenhandelsbilanz vor der Corona Krise im Jahr 2019 einen Exportüberschuss von 47,3 Mrd. Euro und ein Exportwachstum von 4,8% aus. Die wichtigsten Exportgüter waren dabei neben Erzeugnissen der Automobilindustrie insbesondere Maschinen und pharmazeutische Produkte4.

Die Corona Krise 2020 führte jedoch zu einer deutlichen Abkühlung des Außenhandels. So sanken die deutschen Exporte in die USA im Zeitraum Januar bis Oktober 2020 um 15,2%56.

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Abbildung 6: Prognose zur Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts zum Vorjahr (Quelle: Statista, 2020)7

Dementsprechend werben insbesondere VDA, Chemieindustrie und Elektronikindustrie in Deutschland nunmehr für ein Wiederaufleben des engeren Austauschs mit diesem wichtigen Handelspartner, zumal im Jahr 2021 auf ein Wiedererstarken des privaten Binnenkonsums in den USA zu hoffen ist. Erste Schätzungen gehen mithin von einem erneuten Aufschwung der BIPs der wichtigsten Wirtschaftsräume aus89:

Prognosen der World Bank und des IWF gehen für den Wirtschaftsraum USA von einem BIP Wachstum zwischen 3,1% und 3,5% aus und deuten eine Normalisierung von Preisfluktuationen in der zweiten Jahreshälfte 2021 an10. Der Ausblick auf eine Rückkehr zu wachsenden Binnenmärkten lässt somit auch auf eine Genesung des deutschen Außenhandels mit den USA hoffen.

Doch die Hoffnung könnte sich als unbegründet herausstellen, sollte es der Regierung unter Biden nicht gelingen, den Schlagabtausch mit der EU zu beenden. Zumindest die Automobilindustrie, die zu drei Vierteln auf den Export ausgerichtet ist, kann jedoch vorerst aufatmen, da die von Trump angedrohten Strafzölle nicht auf der Biden Agenda zu stehen scheinen. Deutschland wird sich demnach zwar auf eine erhöhte Gesprächsbereitschaft und einen ausgewogeneren Dialog mit mehr Planungssicherheit einstellen können. Dabei wird jedoch die Weiterentwicklung der deutschen Exportstrategie in Richtung des asiatischen Raums eine entscheidende Rolle für die deutsche Position im Welthandel sowie die Wahrnehmung durch den Handelspartner USA (und damit auch die damit verbundenen Transportaktivitäten der deutschen Exportwirtschaft) spielen.

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Abbildung 7: Außenhandel und Dienstleistung der BRD mit dem Ausland 2015 - 2019 (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2020)11

Im deutschen Außenhandel spielen Transportdienstleistungen eine entscheidende Rolle. Im Zeitraum 2015 bis 2019 waren die USA stets der mit Abstand stärkste Absatzmarkt für deutsche Transportdienstleistungen.

Durch die Corona-bedingten Rückgänge in Produktions- und Handelsvolumen sowie Kaufkrafteinbrüchen in lokalen und Export-Märkten war die Transportbranche als Bindeglied der exportlastigen Industriezweige Deutschlands daher auch vor allem reaktiv betroffen. Statistische Auswertungen zu den Dienstleistungseinnahmen des deutschen Transportsektors im Außenhandel stehen für 2020 zwar noch aus. Betrachtet man jedoch die vorläufigen Monatswerte der deutschen Exporte in die USA zum Oktober 202012, lassen sich Rückschlüsse auf die Transportwirtschaft ziehen, die einen entsprechenden Einbruch im Dienstleistungsumsatz nahelegen.

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Abbildung 8: Deutsche Exporte in die USA im Vergleich zum Vorjahr (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2020)13

Für deutsche Transportunternehmen, die nicht auf Binnen-, sondern vor allem auf Exportvolumen ausgerichtet sind, bleiben nur wenige Möglichkeiten, den makroökonomischen und politischen Einflussfaktoren entgegenzuwirken. Portfolio- sowie Netzwerk-Diversifizierung und geostrategisches Risikomanagement sind die wichtigsten Maßnahmen, mit denen sich Transportunternehmer auseinanderzusetzen haben. Der Erfolg dieser Maßnahmen ist indes in weiten Teilen abhängig von der weiteren Entwicklung des Handelskonflikts und einer baldigen Annäherung der beiden Handelspartner. Auch das spürbare Investitionsgeschehen bei den deutschen Auto- und Maschinenbauern untermauert die enge Verknüpfung des deutschen und amerikanischen Marktes. Hunderttausende Arbeitsplätze deutscher Unternehmen in den USA und umgekehrt sind Anlass genug für einen konstruktiven Dialog, den sich sowohl deutsche Politik, Industrie und Transportwirtschaft von der neuen US-Regierung erhoffen.

COVID19 und die US-Wahl: Ein beispielloser Cocktail

Das Zusammenspiel der aktuellen Krise und der zusätzlich angespannt verlaufenden Amtsübergabe des scheidenden Präsidenten Donald Trump birgt dabei jedoch einiges an Überraschungspotential. So ist es möglich, dass einige Unternehmen ihre globalen Produktionsportfolios und Lieferketten im Anschluss an die Krise resilienter aufstellen werden. Entsprechend bringen Nearshoring, Deglobalisierung und regionalisierte Supply Chains zusätzliche Komplexität in die volatile Gesamtlage. Eine wichtige Rolle im Nachklang der Corona-Krise wird dabei auch der Erholung der nationalen und europäischen Binnenmärkte zukommen, die einen Großteil der Wirtschaftsleistung des Transportsektors stützen und von tragender Bedeutung für globale Wertschöpfungsketten sind. Transportunternehmen werden sich hier im Zugzwang sehen, strategische Entwicklungen ihrer Kunden zu antizipieren und eigene Netzwerke resilienter und flexibler aufzustellen.

Fußnoten

1Quelle: https://de.statista.com/infografik/23385/wichtigste-handelspartner-deutschlands-nach-importen-und-exporten/

2Quelle: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/10/PD20_N069_51.html

3Quelle: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/10/PD20_N069_51.html

4Quelle: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/10/PD20_N069_51.html

5Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Aussenhandel/Tabellen/aussenhandel-detaildaten.pdf

6Quelle: https://www.exportmanager-online.de/themen/exporttrends/usa/

7Quelle: https://de.statista.com/infografik/17818/iwf-prognose-zur-weltwirtschaft/

8Quelle: https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2021/01/05/global-economy-to-expand-by-4-percent-in-2021-vaccine-deployment-and-investment-key-to-sustaining-the-recovery

9Quelle: https://www.gtai.de/gtai-de/trade/wirtschaftsumfeld/wirtschaftsausblick/usa/usa-kaempfen-gegen-wirtschaftskrise-und-corona-240670#toc-anchor--4

10Quelle: https://de.statista.com/infografik/17818/iwf-prognose-zur-weltwirtschaft/

11Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Aussenhandel/Publikationen/Downloads-Aussenhandel/aussenhandel-dienstleistungsverkehr-5519001197005.xlsx

12Quelle: https://www.exportmanager-online.de/themen/exporttrends/usa/

13Quelle: https://www.exportmanager-online.de/themen/exporttrends/usa/