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Auswirkungen des Brexits auf die rohstoffintensive Industrie und den Rohstoffhandel

Auswirkungen Brexit - Rohstoffhandel

Auswirkungen eines EU-Austritts des Vereinigten Königreichs ohne Abkommen in Bezug auf den Rohstoffhandel

Ralph Schilling

Partner, Financial Services, Head of Finanz- and Treasury Management

KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

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Auswirkungen Brexit auf Rohstoffhandel

Ein harter Brexit und seine Folgen für den Handel an den britischen Rohstoffbörsen

Die unmittelbaren Auswirkungen eines EU-Austritts des Vereinigten Königreichs ohne Abkommen bzw. ohne Spezifizierung der Status von UK-Marktplätzen auf die Devisenmärkte und die europäische Geldpolitik wurden in vergangenen Newslettern ausführlich diskutiert und analysiert (zum Beispiel End of IBOR). Rohstoffhändler und Unternehmen der rohstoffintensiven Industrie, die im Rahmen der EMIR1 als Non-Financial Counterparty Minus (NFC-) gelten und Warenderivate an Marktplätzen handeln, die in UK ansässig sind, müssen sich weiteren Herausforderungen im Zusammenhang mit geltenden EMIR-Anforderungen stellen.

Bleibt der Status von UK-Börsen für EU-Parteien ungeklärt, werden bisherige Börsengeschäfte der ICE2, LME3 und LCH4 (und weiteren) ab dem 01. Januar 2021 als „OTC-Derivate“ im Sinne der Verordnung gelten und müssen ab diesem Zeitpunkt grundsätzlich in die Schwellenwert-Berechnung einbezogen werden. Dies könnte zur Folge haben, dass bisher als NFC- kategorisierte Unternehmen Clearing-Schwellen überschreiten und somit als NFC+5 nach EMIR gelten. Dies hat dann insbesondere Auswirkungen auf die Melde-, Berichts- sowie Clearing- und Margining-Pflicht und den Einsatz von weiteren Risikominderungstechniken und mündet letztlich in einem erheblichen Mehraufwand, verbunden mit einem gegebenenfalls schlechteren Rating. 

Marktteilnehmer erhoffen sich nun, dass die EU-Kommission in Zusammenarbeit mit der ESMA6 den Status von UK-Börsen nach dem Brexit unverändert lässt so eine Klassifizierung der entsprechenden Derivate als OTC-Transaktionen verhindert. Ob und wann dies geschieht ist allerdings noch ungewiss.

Drei Handlungsalternativen für NFC- Unternehmen

Im Regelfall berechnen Unternehmen, die Finanzderivate abschließen und als NFC- im Sinne der EMIR gelten, ob der Nominalwert an abgeschlossenen OTC-Derivaten, die keine messbare risikoreduzierende Wirkung haben, den vorgegebenen Clearing-Schwellenwert7 in einer Assetklasse überschreiten. Im Fall eines „hard Brexit“ sollte eine Überprüfung der Berechnungsmethode durchgeführt werden, um die korrekte Zuordnung der „neuen“ OTC-Derivate zu gewährleisten und zu überprüfen, ob gegebenenfalls eine Überschreitung der Clearing-Schwellenwerte vorliegt. 

Nachfolgend wollen wir auf zwei Handlungsalternativen hinweisen, die gegebenenfalls dabei helfen ein potenzielles Überschreiten der Clearing-Schwellenwerte zu vermeiden:

  1. Inkaufnahme einer Schwellenwert-Überschreitung
    Sollten die nachfolgenden beiden Handlungsalternativen aufgrund regulatorischer Gründe oder einer Kosten-Nutzen-Analyse nicht umgesetzt werden können, müssen die zusätzlichen regulatorischen Anforderungen gemäß EMIR als NFC+ identifiziert, bestehende Umsetzungen überprüft und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Die dadurch entstehende Pflicht zum Clearing- und Margining und die damit verbundenen Implementierungs- und laufende Kosten für Clearinggebühren, Liquiditätsvorhaltung, Prozesse und IT, können zu einem signifikanten Mehraufwand für die betroffenen Unternehmen führen. 
  2. Reduktion der gehandelten OTC-Derivate
    Die wohl „pragmatischste“ Lösung für eine Vermeidung der Überschreitung des Clearing-Schwellenwerts ist die Anzahl an Warenderivaten, die an britischen Handelsplätzen gehandelt werden, zu reduzieren bzw. zu überprüfen, in wieweit der Abschluss von Derivaten an der ICE, LME, etc., LCH notwendig ist und gegebenenfalls durch den Handel über EU ansässige Börsen ersetzt werden kann. Gesetzt dem Fall, dass weitere Marktteilnehmer für den Abschluss von Sicherungsgeschäften auf alternative Handelsplätze ausweichen, ist mit einer abnehmenden Liquidität für Rohstoffderivate an den britischen Börsen zu rechnen, was gleichzeitig nachteilige Auswirkungen auf die mit dem Handel von Derivaten verbundenen Kosten hätte.
  3. Reduktion relevanter Derivatekontrakte bei objektiv messbarer Reduktion der Risiken
    Weitere Handlungsmöglichkeiten lassen sich von den Anwendungshilfen8 des BDEW9 ableiten. Derivate, die im Rahmen einer „Portfoliobetrachtung“ Risiken in Bezug auf die Geschäftstätigkeit oder dem Liquiditäts- und Finanzmanagement des Unternehmens oder der Gruppe absichern (vgl. Del. VO 149/2013 Erwägungsgrund 18 Satz 3), können aus der Berechnung der Clearing-Schwellenwerte ausgeschlossen werden. Um diesen Nachweis zu erbringen sollten Unternehmen überprüfen, ob die an den Börsen gehandelten Derivate eines der folgenden Kriterien gemäß Del. VO (EU) 149/2013 Kapitel VII Art. 10 Abs. 1 erfüllt:

    a) Abdeckung der Risiken einer potenziellen Veränderung des Werts der Vermögenswerte, Dienstleistungen, Einsatzgüter, Produkte, Rohstoffe oder Verbindlichkeiten.
    b) Abdeckung der Risiken einer potenziellen indirekten Auswirkung einer Schwankung der Zinssätze, Inflationsraten, Devisenkurse oder Kreditrisiken auf die unter a) genannten Werte.
    c) Als Sicherungsgeschäft klassifiziert.

Sollten OTC-Derivatekontrakte keines dieser Kriterien erfüllen, können die dennoch als objektiv messbar risikoreduzierend im Zusammenhang mit Geschäftstätigkeit, Liquiditäts- und Finanzmanagement des Unternehmens oder seiner Gruppe anerkannt werden, wenn sie Risiken im Rahmen eines Proxy- oder Portfolio-Hedges absichern (vgl. Del. VO (EU) 149/2013 Erwägungsgrund 18 Satz 2 und 3), oder weil Sie abgeschlossen werden müssen, da sie aufgrund von veränderten Umständen überflüssig geworden sind (vgl. Del. VO (EU) 149/2013 Erwägungsgrund 19). Generell ist zu empfehlen, die Erfüllung der vorgenannten Kriterien zu überprüfen und sich hierzu auch mit dem Abschlussprüfer bzw. dem EMIR-Prüfer abzustimmen.

Ein Wermutstropfen sollte nicht unerwähnt bleiben: Aufgrund des Berechnungsverfahrens gemäß Art. 10 Abs. 1 a) der Verordnung 648/2012 (EMIR), welches durch Verordnung Nr. 2019/834 (EMIR-REFIT) geändert wurde, wird die Clearingschwelle durch die aggregierten durchschnittlichen Monatsendpositionen der NFCs für die bisherigen 12 Monate in den jeweiligen Derivateklassen bestimmt. Des Weiteren wird bei kurzzeitiger Überschreitung der Clearingschwelle eine viermonatige Übergangsfrist für die Anpassung der Positionen eingeräumt. Daher bleibt noch etwas Zeit, bis die neuen OTC-Transaktionen in der Schwellwert-Berechnung Wirkung zeigen, sodass die entsprechenden Maßnahmen nicht zwangsläufig zum 01.01.2021 umgesetzt werden müssen. Inwieweit bzw. wann die neuen OTC-Transaktionen in der Schwellwert-Berechnung tragend werden ist vom jeweiligen Handelsumfang abhängig und muss individuell beantwortet werden.

Quelle: KPMG Corporate Treasury News, Ausgabe 107, Dezember 2020

_______________________________________________________

1 European Market Infrastructure Regulation
2 Intercontinental Exchange
3 London Metal Exchange
4 London Clearing House
5 Non-Financial Counterparty Plus (NFC+): Unternehmen, die unter diese Kategorie fallen, unterliegen den Regulierungen gem. EMIR
6 Europäische Wertpapier- Marktaufsichtsbehörde
7 gem. Del. VO (EU) 149/2013 Art. 11 
BDEW-Anwendungshilfe zur Umsetzung der EU-Verordnung „EMIR“ zur Regulierung des außerbörslichen Handels mit Derivatprodukten, BDEW, 10.02.2014.
9 Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft

 

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