• Dr. Sylvia Trage, Director |
  • Goran Mazar, Partner |

Keyfacts

  • Viele Produkte in der Automobilindustrie sind momentan nur mit großen Lieferverzögerungen zu erhalten.

  • Der Krieg in der Ukraine und die Folgen der Corona-Pandemie belasten die Lieferketten stark.

  • Die gestiegenen Preise treffen dabei auch die Produktion von Elektroautos.

Gerade als sich die Welt darauf vorbereitet hat, zur Normalität zurückzukehren, belastet Russlands Krieg gegen die Ukraine die empfindlichen Lieferketten. 

Dabei erforderten bereits die durch die Corona-Pandemie entstandenen Lieferkettenprobleme von Führungskräften weltweit und in allen Branchen, auch in der Automobilindustrie, viel Aufmerksamkeit und Steuerungsaufwand. Laut dem Global Automotive Executive Survey, eine Umfrage von KPMG unter globalen Automobilherstellern und -zulieferern, waren schon vor dem Krieg 7 von 10 Führungskräften sehr besorgt über die negativen Auswirkungen der volatilen Rohstoffpreise und die unzureichende Versorgung mit Halbleitern. 

Weitere Preissteigerungen und Lieferverzögerungen durch den Ukraine-Krieg

Als direkte Folge des russisch-ukrainischen Kriegs sehen wir beschleunigte Preissteigerungen in nahezu allen Lieferketten der europäischen Volkswirtschaften. Zudem sind Störungen in den Handelsströmen vieler Sektoren vorprogrammiert oder bereits spürbar, was die BIPs weiter drückt und die Erholung von der Pandemie dämpft. Mehrere deutsche Unternehmen haben zudem bereits lokale Aktivitäten in der Ukraine und in Russland eingestellt, während der Konsumentenboykott an Bedeutung gewinnt und wächst.

Jüngste Preistrends bei den wichtigsten Rohstoffen für den Automobilsektor

Jüngste Preistrends bei den wichtigsten Rohstoffen für den Automobilsektor

Weniger Autoverkäufe für die kommenden Jahre erwartet

Der Automotive-Datenspezialist LMC Automotive hat in der jüngsten Veröffentlichung seine Prognosen für die europäischen Fahrzeugverkäufe nach unten korrigiert, die nun im Zeitraum 2022-2024 bei durchschnittlich 2 Millionen Einheiten pro Jahr weniger liegen werden als zuvor prognostiziert. Dies ist vor allem auf die Rohstoffknappheit aufgrund des anhaltenden Russland-Ukraine-Kriegs zurückzuführen.1

Im Automobilsektor sind insbesondere Engpässe und Preisexplosionen bei wichtigen Rohstoffen relevant wie Palladium, Nickel (dessen Hauptlieferant Russland ist), Neongas (das in der Halbleiterherstellung verwendet wird) und bei Kabelbäumen, für die die Ukraine der Hauptlieferant ist. 

Unterversorgung mit Schlüsselkomponenten durch gestörte Lieferketten

Die Produktionsengpässe werden dabei nicht durch den Wegfall Russlands als Absatzmarkt kompensiert werden können. Zwar kann ein Großteil, der für den russischen Markt geplanten Produktion zur Deckung der Nachfrage in Westeuropa verwendet werden. Aufgrund der geringen Marktgröße lindert das jedoch die Lieferschwierigkeiten kaum. 

So werden die Automobilhersteller trotz wegbrechender Absatzmärkte aufgrund niedriger Lagerbestände und unzureichender Versorgung mit Schlüsselkomponenten nicht in der Lage sein, die weiterhin bestehende Nachfrage vollständig zu decken.

Mehr Nachfrage für Elektro-Autos - bei steigenden Kosten

Der Krieg und die Verwerfungen in den Lieferketten wirken sich auch auf die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen aus. Wir erwarten, dass die aktuelle Situation der Einführung von Elektrofahrzeugen in Europa den dringend benötigten Auftrieb geben wird  - insbesondere angesichts der steigenden Preise für Rohöl. Andererseits bestehen weiterhin Risiken in Form höherer Preise für Elektrofahrzeuge (aufgrund höherer Preise für Batterierohstoffe wie Nickel und Kobalt) und höherer Stromkosten für das Aufladen von Elektrofahrzeugen.2

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Abwärtsrisiken für die Automobilzulieferkette daher nach wie vor sehr groß. Während die Automobilhersteller eine Reihe kurzfristiger Maßnahmen ergreifen könnten, um die Situation teilweise zu lösen, ist eine langfristige strategische Lösung der Probleme, die die Automobilzulieferkette betreffen, zwingend notwendig. Wir empfehlen mehrere Strategien, mit denen Automobilhersteller (und Zulieferer) auf die Verwerfungen reagieren könnten:

  • Regionalisierung und Optimierung der Lieferkette: Die Regionalisierung sorgt dafür, dass die Automobilhersteller in der Produktion und Beschaffung weniger anfällig sind, da die Nähe zum Absatzmarkt bereits gegeben ist. Digitale Technologien (wie Blockchain) können für mehr Transparenz und Sichtbarkeit in der Lieferkette sorgen. Um den Erfolg dieser Initiativen zu gewährleisten, müssen jedoch detaillierte Machbarkeitsstudien durchgeführt werden.
  • Vielfältigere Lieferketten: Automobilhersteller und Tier-I-Zulieferer sollten Strategien ergreifen, die den Trend von Single-Sourcing, bei dem ein Unternehmen von einem einzigen Lieferanten abhängig ist, hin zum Dual-Sourcing umkehren. Neben dem Dual-Sourcing ist auch das Near-Shoring von kritischen Materialien bei gleichzeitiger Rückverlagerung von risikobehafteten Lieferanten von entscheidender Bedeutung.
  • Einrichtung einer Task Force für das Management kritischer Rohstoffe: Die Einrichtung einer Task Force und die Implementierung eines Engpassmanagementsystems zur Verwaltung knapper Ressourcen und zur Vermeidung von Werksschließungen kann Unternehmen helfen, Krisen der Lieferkette zu überbrücken. 
  • Eingehen von strategischen Partnerschaften oder Joint Ventures: Langfristige Partnerschaften sind für den künftigen Erfolg äußerst wichtig, wie einige der aktuellen Kooperationen zwischen der Automobil- und der Halbleiterindustrie zeigen. Aber es geht nicht nur darum, die Verfügbarkeit von wichtigen Rohstoffen und Komponenten zu sichern. Partnerschaften sind auch entscheidend, wenn es darum geht, die immer strengeren ESG-Vorschriften einzuhalten.
  • Einhaltung von Handelsbeschränkungen und Sanktionen und Gewährleistung von Transparenz: Die Einhaltung der Vorschriften ist nicht nur für die Kunden und die Umwelt im Allgemeinen wichtig, sondern auch für die Gewährung von Darlehen im Rahmen des Europäischen Green Deal. Auf dem Markt sind bereits viele neue Lösungen verfügbar, die dabei helfen, Emissionen in der gesamten Lieferkette eines Unternehmens in allen ESG-Bereichen zu verfolgen, zu identifizieren, zu handeln und auszugleichen.

Geopolitik auf der Vorstandsagenda

Die deutsche Energiewende und insbesondere die voranschreitende E-Mobilität brauchen knappe Mineralien. Sowohl China als auch Russland sind wichtige Lieferanten von Industrie- und Technologiemetallen, die für Elektrofahrzeuge und andere umweltfreundliche Fertigung benötigt werden.

Ganz allgemein steuern wir wahrscheinlich auf eine Zeit zu, in der Geopolitik zu einem normalen Teil der Diskussionen in den Vorstandsetagen wird. Die Welt läuft Gefahr, in separate wirtschaftliche Sicherheitszonen mit ihren eigenen Technologie-Stacks und -Standards zu zersplittern, wobei sich die bestehenden Trends rund um Onshoring und Reshoring beschleunigen werden. Geschäfts- und Investitionsstrategien sollten eine zunehmend multipolare Welt berücksichtigen.

1 LMC Automotive, “European market outlook worsens”, March 2022

2 LMC Automotive, “Will war in Europe accelerate the shift to e-mobility?”, March 2022