• Axel Bindewalt, Partner |
  • Peter Heidkamp, Partner |

Keyfacts

  • Durch eine Telematikinfrastruktur (TI) werden alle an der Gesundheitsversorgung beteiligten Personen und Organisationen digital vernetzt werden.

  • Patientendaten werden zentral in der TI gespeichert.

  • KI unterstützt dabei die Gesundheitsforschung und -versorgung.

Nach einem schleppenden Start hat die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen ein wenig Fahrt aufgenommen. Grund dafür ist die Einführung der Telematikinfrastruktur (TI)  - eine Wortschöpfung aus Telekommunikation und Informatik.

Telematikinfrastruktur soll für ein vernetztes Gesundheitswesen sorgen

Die Telematikinfrastruktur bildet die Grundlage für einen sicheren Austausch medizinischer Daten und Informationen. Mithilfe dieser Struktur ist es möglich, ein leistungsfähiges, sicheres und nutzungsfreundliches System zu entwickeln, das alle an der Gesundheitsversorgung beteiligten Personen und Organisationen digital vernetzt und die Kommunikation sowie den Austausch von sensiblen Gesundheitsdaten erleichtert.

Künstliche Intelligenz in der Medizin

Gesundheitsforschung und -versorgung gehören schon heute zu wichtigen Anwendungsfeldern. Durch die Analyse tausender Krankengeschichten können Computerprogramme beispielsweise lernen, Krankheits- und Behandlungsprozesse individuell vorherzusagen. Anhand genetischer Analysen und Bilddaten können sie die Aggressivität eines Tumors berechnen und vorhersagen, ob eine Strahlen- oder Chemotherapie erfolgversprechender ist. 

Das System der künstlichen Intelligenz wird auch die Abläufe im Operationssaal optimieren. Chirurg:innen, die komplexe Eingriffe unter dem Mikroskop durchführen, können per Sprach- oder Gestensteuerung Informationen anfordern, die dann in den Okularen des Operationsmikroskops erscheinen. 

Intelligente Assistenzsysteme unterstützen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen  - etwa nach einem Schlaganfall  - bei Bedarf mit Bewegungstherapie, also so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig („on-demand-Assistance“). Dazu muss sich das System an den persönlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen der Personen orientieren. 

„Auf der Agenda aller Akteur:innen des Gesundheitswesens sollte eine konsequente Digitalisierungsstrategie ganz oben stehen. Nur so können eine vollständig digitale Vernetzung und eine personalisierte Medizin mittelfristig ermöglicht werden. Potenziale sind umfassend vorhanden und die Telematikinfrastruktur wird auf diesem Weg einen bedeutenden Beitrag leisten“, so Axel Bindewalt, Partner, Head of HealthCare.

Patient Journey

Patientendaten werden zentral in der TI gespeichert und seit Januar 2021 können Versicherte mithilfe ihrer elektronischen Patientenakte (ePA) über Inhalte und Zugriffsrechte entscheiden. Durch KI-basierte Assistenzsysteme erhalten Ärzt:innen Zugriff auf die in der ePA enthaltenen, patientenindividuellen Daten wie Behandlungsberichte, Diagnosen und Therapiemaßnahmen. Durch den einfachen und verschlüsselten Austausch der ePA mit anderen Versorgungseinrichtungen können redundante ärztliche Untersuchungen vermieden und eine nahtlose Patient Journey gestaltet werden. Zudem helfen KI und Algorithmen, die darin enthaltenen Datenmengen auszuwerten. Das führt zu besseren Behandlungsergebnissen, da Ärzt:innen seltene Krankheiten früher erkennen und schneller die richtige Diagnose treffen können. 

Informationen zu Vorerkrankungen und Medikationsplan

Hinzu kommen weitere auf der Gesundheitskarte gespeicherte Informationen: Um Fehlbehandlungen in akuten und kritischen Situationen zu verhindern, sind auf der Karte Notfalldaten zu Vorerkrankungen und Allergien gespeichert. Außerdem gibt der elektronische Medikationsplan (eMP) Aufschluss über die aktuelle medikamentöse Behandlung. 

Sind Versicherte im Laufe ihrer Krankheitsgeschichte bereits zuvor anderorts behandelt worden, können durch die Kommunikation im Medizinwesen (KIM) beispielsweise Befunde oder Informationen aus bildgebenden Verfahren untereinander ausgetauscht werden. Die Daten der Betroffenen werden verschlüsselt, Basisdaten der Leistungserbringenden im Verzeichnisdienst hinterlegt sowie Identitäten und Zugriffe innerhalb der Telematikinfrastruktur kontrolliert.

Ist die Diagnose erstellt und werden zur Therapie Arzneimittel benötigt, so greift auch hier wieder die Telematikinfrastruktur: Die medizinischen Verordnungen können digital gespeichert und anschließend von Patient:innen als E-Rezept bei Apotheken vorgelegt werden. 

Herausforderungen: Ausfallrisiko begrenzen, Akzeptanz erhöhen

Eine zentral betriebene Telematikinfrastruktur bietet viele Vorteile, birgt aber auch ein Stabilitätsrisiko. Ausfälle im System können enorme Auswirkungen auf alle dezentral angebundenen Beteiligten haben. Im vergangenen Jahr konnten zum Beispiel durch einen Verbindungsfehler zwischen Konnektoren und der Telematikinfrastruktur circa 80.000 medizinische Praxen nicht mehr auf das Stammdatenmanagement der Versicherten (VSDM) zugreifen.

Die Startschwierigkeiten auf Seite der Krankenkassen und ihrer Versicherten sind eine weitere Hürde, die es noch zu überwinden gilt. Die größten gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland berichten bisher von einer eher geringen Zahl an Personen, die aktiv die elektronische Patientenakte (ePA) nutzen. Da das System noch neu ist, überrascht das zunächst nicht. Das Ziel ist jedoch klar: Vertrauen und Akzeptanz sollten gestärkt werden. Dazu gehört auch, die Betriebsstabilität und Usability zu erhöhen und zeitgleich die Datensicherheit zu gewährleisten. 

Höhere Attraktivität durch technologischen Sprung

Zudem sind die Ansprüche an die Anwendungen in allen Bereichen gestiegen. Als Antwort darauf sollen die Apps integriert und die Dienste vermehrt auf mobilen Endgeräten verfügbar gemacht werden. „Die Verwendung von tragbaren Gesundheitsgeräten und Anwendungen im medizinischen Bereich sowie der Ausbau der elektronischen Patientenakte nimmt weiter zu. Daher wird die Telemedizin immer mehr zum Standard und eine große Menge digital gewonnener Gesundheitsdaten kann Ärzt:innen helfen, Krankheitsbilder frühzeitig zu erkennen“, so Peter Heidkamp, Partner, Head of Technology Center of Excellence.