Pflanze wächst auf Baumstumpf

Kapitalkostenstudie 2020

  • Stefan Schöniger, Partner |

Keyfacts

  • Mehr als 300 Unternehmen gaben Auskunft zu Auswirkungen eines sich zunehmend ändernden wirtschaftlichen Umfeld, einschließlich der Covid-19-Pandemie auf Geschäftsmodelle, Planungsrechnungen und langfristige Renditeerwartungen (Kapitalkosten).

  • Die durchschnittlich gewichteten Kapitalkosten sind über alle Branchen hinweg gesunken, von im Durchschnitt 6,9 Prozent im vergangenen Jahr auf durchschnittlich 6,6 Prozent im aktuellen Berichtsjahr.

  • Die Studie zeigt, dass Planungsunsicherheiten auf makroökonomischer Ebene weiterhin wachsen und dass das Thema Nachhaltigkeit nach wie vor an Bedeutung gewinnt.

Unter dem Motto „Globale Wirtschaft  - Suche nach Orientierung?“ haben wir im Oktober die 15. Ausgabe der Kapitalkostenstudie veröffentlicht. Anhand branchenspezifischer Analysen beleuchten wir unter anderem die Auswirkungen eines sich zunehmend ändernden wirtschaftlichen Umfelds, einschließlich der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Geschäftsmodelle, Planungsrechnungen und langfristige Renditeerwartungen (Kapitalkosten). Für die Studie haben wir mehr als 300 Unternehmen befragt. Die Untersuchung umfasst umfangreiche Analysen nach Branchen und Teilbranchen sowie Auswertungen nach Familien- und Nicht-Familienunternehmen. Weitergehende Ausführungen finden Sie in der (englischsprachigen) Kapitalkostenstudie, die Sie hier herunterladen können. Sie möchten individuelle Ergebnisse für Ihre Branche zusammenstellen? Maßgeschneiderte Auswertungen können Sie in der interaktiven Version der Studie vornehmen. Hier gelangen Sie direkt dorthin. 

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

  • Planungsunsicherheiten auf makroökonomischer Ebene wachsen weiter. Die aktuelle Situation zeigt, wie wichtig es ist, bei der Erstellung von Planungsrechnungen vielfältige Risiken über Szenarien zu berücksichtigen. Auf mikroökonomischer Ebene werden Risiken durch innovative Geschäftsmodelle und disruptive Entwicklungen infolge der Digitalisierung in den Finanzprognosen zunehmend erfasst.
  • Die durchschnittlich gewichteten Kapitalkosten (WACC, Weighted Average Costs of Capital) sind über alle Branchen hinweg von im Durchschnitt 6,9 Prozent im Vorjahr auf durchschnittlich 6,6 Prozent im aktuellen Berichtsjahr gesunken. Mit 7,7 Prozent bzw. 7,4 Prozent wurden in den Bereichen Technology bzw. Automotive die höchsten WACCs angesetzt. Die niedrigsten Kapitalkosten waren mit 5,0 Prozent bzw. 5,3 Prozent in den Bereichen Real Estate bzw. Energy & Natural Resources zu beobachten.
  • Wie im Vorjahr wurden in den Bereichen Technology und Automotive die höchsten unverschuldeten Betafaktoren beobachtet. Der niedrigste unverschuldete Betafaktor ergab sich im Beobachtungszeitraum in den Bereichen Real Estate und Energy & Natural Resources, gefolgt vom Bereich Transport & Leisure. 
  • Die durchschnittlich angesetzten Fremdkapitalkosten sanken gegenüber dem Vorjahr (2,9 Prozent) um 0,6 Prozentpunkte auf 2,3 Prozent. Damit lag der implizite durchschnittliche Credit Spread  - definiert als die Differenz zwischen Fremdkapitalkosten und risikolosem Basiszinssatz  - für Deutschland bei 1,9 Prozent.
  • Investitionsentscheidungen werden weiterhin von der Mehrzahl der Teilnehmer sowohl an strategischen als auch an wertorientierten Zielsetzungen ausgerichtet.
  • Der überwiegende Teil der Teilnehmer befindet ein wertorientiertes Monitoring der Investitionsentscheidungen weiterhin für wichtig und beobachtet dabei insbesondere eine Veränderung der Performance (Planung), jedoch weniger eine des Risikos (Kapitalkosten).
  • Kapitalkosten waren bei der Kapitalmarktkommunikation von geringer Relevanz und wurden hauptsächlich für Rechnungslegungszwecke und zur Berichterstattung genutzt.
  • In den vergangenen drei Jahren ist die Anzahl der Unternehmen, die eine Wertberichtigung des Goodwills oder von Vermögenswerten erfasst haben, deutlich zurückgegangen. Die Anzahl der durchgeführten Transaktionen und die Höhe der gezahlten Kaufpreise sind wesentliche Einflussfaktoren auf die Höhe beziehungsweise den anhaltenden Anstieg des Goodwill-Bestands.
  • Die Mehrheit der teilnehmenden Unternehmen schätzt die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsthemen auf ihre zukünftige Geschäftsentwicklung als positiv ein. Insbesondere die Relevanz von Umweltfragen wird in den meisten Branchen als besonders hoch bewertet.

Ausgewählte Ergebnisse im Detail

WACC 
Insgesamt ergibt sich für den WACC je Branche eine homogene Entwicklung. Fast alle Bereiche verzeichneten einen Rückgang der Kapitalkosten. Ausnahmen bilden die Bereiche Energy & Natural Resources und Transport & Leisure, welche jeweils einen geringen Anstieg des WACC von 0,1 Prozentpunkten bzw. von 0,2 Prozentpunkten verzeichneten. Rückläufige Kapitalkosten waren insbesondere in den Bereichen Automotive (- 0,8 Prozentpunkte), Chemicals & Pharmaceuticals (- 0,6 Prozentpunkte) und Media & Telecommunications (- 0,6 Prozentpunkte) zu beobachten.

Mit 7,7 Prozent bzw. 7,4 Prozent in den Bereichen Technology bzw. Automotive waren für Branchen, in denen sich derzeit politische Risiken und technologiegetriebene Veränderungen der Geschäftsmodelle grundlegend auswirken, die höchsten gewichteten Kapitalkosten beobachtbar.

Betafaktoren
Der verschuldete Betafaktor dient als Maß des systematischen Risikos der Eigenkapitalgeber unter Berücksichtigung des Kapitalstrukturrisikos aus der Fremdfinanzierung. Der von den Teilnehmern durchschnittlich verwendete verschuldete Betafaktor hat sich im Vergleich zum Vorjahr auf konstantem Niveau gehalten. Da es sich beim Betafaktor um ein relatives Risikomaß handelt, sollte der Durchschnitt über alle verschuldeten Betafaktoren des Marktes einen Wert von 1,00 annehmen. Wie bereits in den letzten Jahren wird deutlich, dass sich die erhobenen Daten innerhalb einer Bandbreite nahe des theoretisch korrekten Werts bewegen. Folglich repräsentieren die durchgeführten empirischen Erhebungen dieser Studie den Gesamtmarkt hinreichend.

Mit Blick auf die einzelnen Branchen zeigt sich ein heterogenes Bild in der Entwicklung. In den Bereichen Real Estate beziehungsweise Consumer Markets ist der verschuldete Betafaktor um 0,21 beziehungsweise 0,08 deutlich gesunken. Ein erheblicher Anstieg war dagegen in den Bereichen Health Care (+0,08) bzw. Media & Telecommunications (+0,07) beobachtbar.

In einem Vergleich der Familien- und Nicht-Familienunternehmen war ebenfalls eine unterschiedliche Entwicklung feststellbar. Nachdem im Vorjahr ein Anstieg des verschuldeten Betafaktors bei Familienunternehmen gegenüber der Vorperiode verzeichnet wurde, reduzierte sich dieser wieder von 1,08 in der Vorjahresperiode auf 1,05 im aktuellen Berichtszeitraum. Gegensätzlich entwickelte sich der verschuldete Betafaktor der Nicht-Familienunternehmen und stieg von 1,00 in der letzten Periode auf 1,02 in der aktuellen Studie an.

Relevanz von Nachhaltigkeitsfragen für die Unternehmensentwicklung
In den vergangenen Jahren hat das Thema Nachhaltigkeit für Unternehmen und die damit verbundene Berichterstattung an die Aktionäre an Bedeutung gewonnen. Nachhaltigkeit hat viele Facetten, die nicht nur ökologische beziehungsweise umweltpolitische Aspekte umfassen, sondern auch von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Faktoren beeinflusst werden. Inwieweit Nachhaltigkeitsaspekte die mittel- bis langfristige Profitabilität und sogar die Tragfähigkeit ganzer Geschäftsmodelle zukünftig beeinflussen werden, ist derzeit noch nicht abschließend beantwortbar. 

Die Mehrheit der befragten Unternehmen schätzt die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsthemen auf ihre zukünftige Geschäftsentwicklung als positiv ein. Vor allem die Relevanz von Umweltfragen wird in den meisten Branchen als besonders hoch eingeschätzt, insbesondere in den Bereichen Automotive, Consumer Markets, Energy & Natural Resources, Industrial Manufacturing, Real Estate und Transport & Leisure. In den Branchen, in denen Umweltthemen nicht zu den wichtigsten Nachhaltigkeitsthemen zählen, werden Mitarbeiterbelange als hoch bewertet (zum Beispiel im Bereich Media & Telecommunications).

Vergleicht man die Bedeutung von Nachhaltigkeitsthemen mit der Anzahl der Länder, in denen die Unternehmen operativ tätig sind, ist erkennbar, dass Themen wie Korruptionsbekämpfung oder Menschenrechte bedeutender werden, je internationaler die Unternehmen vernetzt sind.