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Covid-19 und die Automobilindustrie

  • Angelika Huber-Straßer, Partner |

Keyfacts

  • Unsere Head of Automotive Angelika Huber-Straßer beschreibt im Interview, wie die Covid-19-Pandemie die Automobilindustrie erschüttert.

  • Konsequenzen: Von Absatzeinbrüchen bis Produktionsstillständen: Die Pandemie hat für Unternehmen gravierende Auswirkungen – insbesondere da die Branche sich in einer umfassenden Transformation befindet.

  • Maßnahmen: Firmen sollten sich auf eine Marktbereinigung einstellen und an Kundenbedürfnissen ausrichten.

  • Ausblick: Die langfristigen technologischen Herausforderungen werden die Akteure des Sektors nur meistern können, wenn sie miteinander kooperieren.

Frau Huber-Straßer, wie betrifft Covid-19 die Automobilindustrie?

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich in einer umfassenden Transformation – vom Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität und zu Wasserstoff. In dieser sehr verletzlichen Phase hat die Pandemie die Branche besonders hart getroffen. Im April führte das zu Umsatzeinbrüchen zwischen 50 und 60 Prozent. Weltweit kam es in allen Märkten zu Produktionsstillständen. Ungefähr seit Juni läuft die Produktion wieder an, wenn auch teilweise mit niedrigeren Taktzahlen und weniger Schichten. Insgesamt hat die Krise bei vielen Unternehmen zu ernsten Liquiditätsengpässen geführt.

Wie gehen Unternehmen mit dieser Situation um?

Das kommt sehr auf das Segment der Automobilbranche an. Automobilhändler etwa sehen sich damit konfrontiert, dass viele Verbraucher im Lockdown verstärkt dazu übergegangen sind, sich im Internet nach neuen Fahrzeugen umzusehen. Deshalb stellt sich für Händler die Frage, wie sie in Zukunft mit ihren Käufern kommunizieren und in Aktion treten.

Die Fahrzeughersteller haben in der Krise Produktions- und  Absatzschwierigkeiten. Viele potenzielle Kunden sind immer noch unschlüssig, ob sie sich derzeit ein Auto kaufen sollen oder auf mögliche Konjunkturprogramme der Politik warten sollen. Immerhin wirkt auch eine Entwicklung zugunsten der Autobauer. Der langjährige Trend vom Autobesitz zum Sharing erlebt einen Umschwung. In der Pandemie wollen viele Menschen aufgrund von Sicherheits- und Hygienebedenken wieder ein eigenes Fahrzeug besitzen.

Der Rückgang der verkauften Stückzahlen und die Produktionsausfälle haben sich besonders deutlich auf die Zulieferindustrie ausgewirkt. Das Segment wies schon lange vor dem Coronavirus nur geringe Gewinnmargen aus. In der Krise drängen die Fahrzeughersteller die Lieferanten nun zunehmend zur Effizienz. Zusammen mit der Unterauslastung im ersten Halbjahr und den Werksschließungen führt das zu einem extremen Kostendruck, der für einige Unternehmen bedrohlich ist.

Die Lkw-Branche ist besonders von der Unterbrechung der Lieferketten und dem Nachfragerückgang betroffen. 

Bei ganzheitlicher Betrachtung kann auch der Autoverleih zur Branche gezählt werden. Wie steht es um dieses Segment?

Der Autoverleih erlebt einen drastischen Einbruch seines Geschäftsmodells, da aufgrund des Lockdowns der Umsatz mit Geschäftsreisen und Urlaubsreisen komplett zusammengebrochen ist. Das führt zu einem Nachfrageeinbruch bei den Fahrzeugherstellern. Denn Vermietungsfirmen sind wichtige Kunden der OEMs.

Welche Maßnahmen können Firmen nun helfen?

Zunächst einmal sollten Unternehmen sich darauf einstellen, dass es im Markt voraussichtlich zu einer Konsolidierung kommen wird. Eine Reihe von strukturellen Problemen der Automobilindustrie bestehen schon lange, etwa Überkapazitäten, niedrige Margen im Zuliefererbereich sowie mangelnde Investitionen und Fortschritte auf dem Weg zur E-Mobilität und bei der Digitalisierung. Diese Probleme werden nun – wie bei einem Eisberg, wenn man das Wasser absenkt – viel stärker sichtbar.  

Eine Marktbereinigung drohte schon während der Finanzkrise 2008/2009. Damals rettete der Aufschwung im chinesischen Markt die Branche. Diesmal wird es einen solchen Retter wohl nicht geben. Deshalb sollten Unternehmen nun auf Kosten-Effizienz setzen, sich an geänderten Kundenbedürfnissen ausrichten und Kooperation bei Entwicklungsthemen suchen. Kurzfristig gilt es, die eigene Liquidität zu sichern und Kosteneinsparungen aus dem Lockdown nachhaltig zu sichern.

Kurzfristige Maßnahmen
Mittelfristige Maßnahmen
Langfristige Maßnahmen

Was macht Hoffnung?

Der chinesische Markt zieht wieder an. Im Juli waren die Absatzzahlen sogar teilweise wieder auf Vorjahresniveau. Die Lücke, die die Pandemie verursacht hat, kann das zwar nicht ausgleichen. Doch es ist zumindest ein Hoffnungsschimmer, dass das zweite Halbjahr besser läuft – vorausgesetzt, es kommt keine zweite Corona-Welle. 

Was glauben Sie, wie wird die Automobilindustrie in einem Jahr aussehen?

Sie wird sich immer noch in der Krise befinden. In einer Industrie-Umfrage, die wir kürzlich vorgenommen haben, gehen die Hersteller sogar davon aus, dass sie das Produktionsniveau von 2019 erst im Jahr 2022 oder 2023 wieder erreichen werden.

Ist abzusehen, dass sich die Branche durch die Krise nachhaltig ändern wird?

Davon gehe ich aus. Es werden Marktteilnehmer  verschwinden. Gleichzeitig wird der Sektor vor dem Hintergrund der Krise weiterhin seine großen technologischen Herausforderungen zu meistern haben. Die deutsche Automobilindustrie liegt etwa in der E-Mobilität hinter Unternehmen aus den USA und China. Diesen Vorsprung gilt es einzuholen. Meines Erachtens geht das nur in enger Zusammenarbeit mit Start-ups und IT-Unternehmen. Zudem ist es sinnvoll, bei Bereichen wie Konnektivität im Auto oder Batterietechnologie branchenintern mit Konkurrenten zusammenzuarbeiten. Co-Competition lautet hier das Stichwort.