Blauer Hintergrund mit Containerschiff

Covid-19 und das internationale Business

  • Andreas Glunz, Partner |

Keyfacts

  • Unser Bereichsvorstand International Business, Andreas Glunz, beschreibt im Interview, wie sich die Corona-Krise auf die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen auswirken könnte.

  • Konsequenzen: Durch die Corona-Krise werden die globalen Lieferketten auf Robustheit geprüft.

  • Maßnahmen: Abhängigkeiten von wenigen Zulieferern und Produktionsstätten im Ausland sollten reduziert und die Flexibilität durch Regionalisierung erhöht werden.

  • Ausblick: Profitieren könnten Südostasien, Osteuropa und die arabische Halbinsel.

Herr Glunz, die Corona-Pandemie hat den grenzüberschreitenden Warenverkehr massiv behindert. Welche Schlüsse ziehen Unternehmen daraus?

Andreas Glunz: Für nahezu alle Unternehmen hat die Corona-Krise die Lieferketten auf die Probe gestellt. Diese Probe haben einige bestanden, aber viele andere nicht. Somit stehen Managerinnen und Manager vor einer Neubewertung ihrer Produktionsstandorte und ihrer Lieferbeziehungen. Die Frage ist: Wie kann ich meine Lieferkette robuster, d.h. weniger krisenanfällig und damit resilienter gestalten? 

Wie verändert die Krise die globale Arbeitsteilung?

Andreas Glunz: Ich sehe da große Bewegungen. Denn zugleich haben geopolitische, soziale und ökologische Faktoren in den letzten Monaten und Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Unternehmen sollten und wollen diese bei der Neuordnung ihrer Lieferketten mitbedenken, um für die Zukunft wirklich robust aufgestellt zu sein.

Die Abhängigkeit von China insbesondere während der Corona-Krise wurde häufig negativ erwähnt. Wird diese Abhängigkeit nun reduziert?

Andreas Glunz: China ist nach wie vor ein ungeheuer wichtiger Wirtschaftspartner. Mit seinem riesigen Binnenmarkt und der wachsenden Innovationskraft führt kein Weg an China vorbei. Aber dennoch werden wir eine Diversifizierung sehen, gerade aus Importsicht. Eine zielführende Strategie heißt „China+1“. Dadurch sichern sich Unternehmen, die Produkte aus China beziehen, über einen zusätzlichen Handelspartner in einem anderen Land ab. Doch vermutlich werden die Anpassungen in den globalen Lieferketten noch viel weitreichender sein. Ein weiterer großer Trend wird die Regionalisierung der Lieferketten sein, d.h. Produktion in der Region für die Region. Die Lieferketten werden verkürzt. Zugleich kann man durch zusätzliche Standorte Produktionskapazitäten im Krisenfall kurzfristiger verlagern. Das erhöht die Flexibilität.

Welche Länder und Regionen könnten davon profitieren? Welche werden zu wichtigen Investitionszielen?

Andreas Glunz: Aus meiner Sicht gibt es drei wesentliche Cluster. Der erste ist der ASEAN-Raum. Die Länder dort sind aber sehr unterschiedlich, und nicht jedes Land passt zu jedem Unternehmen bzw. jeder Industrie. Da bedarf es einer genauen Analyse. Für Unternehmen mit hoher Wertschöpfung und hohem Technologieanteil könnte ggf. Singapur interessant sein, für Unternehmen mit geringerer Wertschöpfung Indien, Thailand, Vietnam oder Indonesien. Diese Länder eignen sich besonders, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren. Sie sind über Handelsabkommen mit der EU angebunden. Allerdings sollte die Einhaltung der ESG-Kriterien hier besonders überwacht werden.

Zweitens wird es zum Nearshoring kommen, also dem Verlagern asiatischer Produktionsstandorte nach Europa und die Peripherieländer. Wenig bekannt ist, dass Deutschland bereits heute aus Polen und Tschechien zusammen so viel importiert wie aus China. Gut möglich, dass deren Anteil weiterwächst. Auch die Türkei ist wirtschaftlich hochattraktiv und besitzt mit der EU sehr vorteilhafte Handelsbedingungen; wenngleich die politischen Rahmenbedingungen dort im Auge zu behalten sind.

Drittens werden ganz neue Länder an Bedeutung gewinnen. Aus meiner Sicht ist die arabische Halbinsel unter anderem mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien vielversprechend. Die bisher stark Erdöl-abhängigen Länder sehen in der Corona-Krise, wie krisenanfällig ihr Wirtschaftsmodell ist. Die Staaten haben in den letzten Jahren stark investiert in zusätzliche Standbeine, insbesondere den Tourismus. Nur ist hierdurch ein neues Klumpenrisiko entstanden, wie sich jetzt während der Corona-Krise deutlich zeigt. Diese Länder erwägen, künftig Produktion ins Land zu holen, auch um nachhaltig Arbeitsplätze für die eigene Bevölkerung zu schaffen. Zudem ist die Region nur wenige Stunden entfernt und es gibt massive Steueranreize und Subventionen. 

Auch der nordafrikanische Raum mit Tunesien, Marokko und Ägypten könnte profitieren. Schon jetzt werden dort zum Beispiel Kabelbäume für die Autoindustrie produziert. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn das ein oder andere zentralafrikanische Land demnächst vermehrt deutsche Investitionen anlockt. Man darf dabei keinesfalls die Vielfalt Afrikas übersehen, das immerhin aus 54 Ländern besteht, die wirtschaftlich und politisch alle ihre eigenen Besonderheiten aufweisen.