Kreuzfahrtschiff auf See

Covid-19 und die Kreuzfahrtindustrie

  • Monique Giese, Partner |

Keyfacts

  • Fahrverbote, Quarantäne und gesunkene Börsenwerte: Die Pandemie hat die Kreuzfahrtindustrie stark getroffen.

  • Neben Veranstaltern, Reedereien & Co. hat die Krise auch vom Tourismus lebende Inselstaaten in Mitleidenschaft gezogen.

  • Um das zukünftige Geschäft intakt zu halten, begegnen Unternehmen der Herausforderung jedoch mit einer Reihe neuer Maßnahmen.

Noch vor Kurzem waren Kreuzfahrten der am schnellsten wachsende Sektor der Reisebranche. In den vergangenen fünf Jahren ist die Nachfrage um 20,5 Prozent gestiegen. Statistiken zeigen, dass sich im Jahr 2017 rund 26,7 Millionen Menschen für eine Kreuzfahrt entschieden haben – gefolgt von 28,5 Millionen im Jahr 2018 und geschätzten 32 Millionen im Jahr 20201. Im Jahr 2018 wurde der Wert der weltweiten Kreuzfahrtindustrie auf etwa 150 Milliarden Dollar geschätzt.2

Auf dem globalen Markt gibt es über 50 Kreuzfahrtlinien und mehr als 270 Schiffe. Etwa 75 Prozent des Marktes werden jedoch von drei Hauptakteuren kontrolliert. Diese Unternehmen beaufsichtigen ein Imperium von Tochter-Kreuzfahrtgesellschaften, die zusammen im Jahr 2018 einen Umsatz von 34,2 Milliarden Dollar erwirtschafteten.3 Der Wert pro Aktie der drei größten Unternehmen der Branche lag Anfang dieses Jahres bei 134,55 Dollar, 58,79 Dollar und 51,35 Dollar.4

Passagiere: Fast einen Monat lang unter Quarantäne an Bord

Als Reaktion auf Covid-19 schlossen Länder weltweit ihre Grenzen. In der Folge wurden Tausende von Passagieren auf See festgehalten, während die Schiffe einen Hafen zum Anlegen suchten. Mitte März verbot Kanada allen Schiffen mit mehr als 500 Personen, in den Häfen des Staates anzulegen. Australien, Neuseeland und die USA wiesen ausländische Schiffe an, das Land zu verlassen. Die Passagiere an Bord wurden fast einen Monat lang unter Quarantäne gestellt, bevor sie in ihre Heimatländer zurückkehren konnten.

Es gab zahlreiche Fälle wie diese. Inzwischen sind fast alle Kreuzfahrtpassagiere zurückgekehrt. Viele Besatzungsmitglieder sind hingegen immer noch an Bord – entweder, weil sie unter Quarantäne stehen oder weil sie Schiffe bemannen, bis die Industrie den Betrieb wieder aufnimmt. Viele Kreuzfahrtschiffe haben sich sehr darum bemüht, Besatzungsmitglieder in ihre Heimatländer zurückzuschicken. Infolge der strengen Vorschriften der US Centers for Disease Control and Prevention verzögerte sich die Rückführung jedoch.

Aufgrund von Covid-19 sorgen sich große Teile der Öffentlichkeit sehr um die Aufrechterhaltung von Gesundheit und Sicherheit an Bord von Kreuzfahrtschiffen. Von Betreibern werden nun eine Reihe von Maßnahmen erwartet: verlässliche Screening- und Überwachungsprotokolle, die Einführung umfassender sanitärer Praktiken mit regelmäßigen Inspektionen, erweiterte medizinische Einrichtungen an Bord und die Aufstockung des medizinischen Personals. Außerdem ist vorgesehen, dass Kreuzfahrtschiffe enger mit den Gesundheitsbehörden weltweit und der Cruise Lines International Association (CLIA) zusammenarbeiten, um die Gesundheitsvorschriften durchzusetzen.

Erhebliche Auswirkungen auf die Einnahmen aller Kreuzfahrtveranstalter

Kreuzfahrtschiffe haben zwei Haupteinnahmequellen: 62 Prozent der Gesamteinnahmen stammen aus dem Ticketverkauf. Die restlichen 38 Prozent bringen Geschäfte an Bord ein, etwa Glücksspiel, SPA-Anwendungen, Kunstauktionen, Landausflügeund der Verkauf von alkoholischen Getränken und Essen.5 Im ersten Quartal 2019 meldeten die drei größten Kreuzfahrtveranstalter Einnahmen von 4,7 Milliarden, 2,4 Milliarden und 1,4 Milliarden Dollar. Die Nettoeinnahmen lagen respektive bei 336 Millionen, 257 Millionen und 118 Millionen Dollar.6

Die Covid-19-Pandemie wird wahrscheinlich erhebliche Auswirkungen auf die Einnahmen aller Kreuzfahrtveranstalter haben. Das könnte es für viele Kreuzfahrtschiffe schwierig machen, Kunden anzuziehen – sodass auch Insolvenzen nicht auszuschließen sind. Die Aktien der drei größten Kreuzfahrtveranstalter lagen am 1. April 2020 bei 30,30 Dollar, 10,50 Dollar und 12,60 Dollar und damit etwa 70 bis 80 Prozent niedriger als zu Beginn dieses Jahres. Ende Juni 2020 lagen die Werte bei 50,30 Dollar, 16,43 Dollar und 16,42 Dollar und damit geringfügig besser.

Im Februar 2020 fand der größte Covid-19-Ausbruch außerhalb des chinesischen Festlands auf einem Kreuzfahrtschiff statt. Das hat dem Ruf der Kreuzfahrtindustrie geschadet und zu sinkenden Aktienwerten geführt. Die Kreuzfahrtreedereien haben auch eine beträchtliche Summe an Rückerstattungen für Annullierungen gezahlt – das heißt für Kosten, die durch das Aufliegen in Häfen entstanden sind, in denen Schiffe unter Quarantäne stehen. Auf der ganzen Welt werden die meisten Kreuzfahrtschiffe vorübergehend aus dem Verkehr gezogen.

Ihre Motoren werden aber weiter genutzt, um Strom für die Aufrechterhaltung der Schiffsbetriebes, der Klimaanlage, der Entsalzung und des Antriebs zu liefern – sodass die Schiffe in gutem Zustand bleiben. Diese Wartungskosten fallen auch dann an, wenn die Schiffe nicht fahren.

Neue Option: Bonusgutschriften anstelle von Bargeldrückerstattungen

Die Krise der Kreuzfahrtindustrie wirkt sich stark auf diejenigen aus, die vom Tourismus leben. So sind viele kleine Inselstaaten besonders auf die Branche angewiesen. Die Industrie sorgt etwa in der Karibik jedes Jahr für zwei Milliarden Dollar Umsätze – in einigen Ländern der Region machen die Einnahmen sogar 5,9 Prozent des gesamten BIP aus.7 Kreuzfahrtpassagiere sind bereit, höhere Preise für Aktivitäten wie Strandtouren, Off-Road-/Szenentouren oder beim zollfreien Einkaufen zu zahlen. Darüber hinaus sind viele Nahrungsmittellieferanten von den Kreuzfahrtschiffen abhängig, die sie mit Meeresfrüchten, Fleisch und Gemüse versorgen.

Um das zukünftige Geschäft intakt zu halten, bieten viele Kreuzfahrtgesellschaften den Passagieren, deren Reisen aufgrund der Pandemie storniert wurden, eine neue Option an: Bonusgutschriften mit 110 bis 125 Prozent des Buchungsbetrags anstelle von Bargeldrückerstattungen. Diese Gutschriften können für zukünftige Buchungen verwendet werden, um Flexibilität zu gewährleisten. Gemäß eines am 31. März 2020 veröffentlichten Berichts einer Bank haben sich rund 76 Prozent der Passagiere, deren Kreuzfahrten aufgrund der Pandemie storniert wurden, für eine Gutschrift für zukünftige Reisen anstelle einer Rückerstattung entschieden. Laut einer aktuellen Umfrage von CLIA werden 82 Prozent der Touristen, die regelmäßig auf Kreuzfahrten gehen, wahrscheinlich in ihrem nächsten Urlaub für eine Kreuzfahrt entscheiden.

Trotz mehrfacher Ausbrüche von Covid-19 und der Ungewissheit darüber, wann der Regelbetrieb wieder aufgenommen werden kann: In mehreren Berichten heißt es, dass die Buchungen für 2021 im Vergleich zu 2019 zugenommen haben. Das zeigt, dass Kreuzfahrten nach wie vor attraktiv sind. Es könnte jedoch schwieriger sein, erstmalige Kreuzfahrer zu überzeugen. Eine von einem Fachportal durchgeführte Umfrage unter 4600 Kreuzfahrtpassagieren ergab, dass 75 Prozent an einer Kreuzfahrt nach dem Ende von Covid-19 interessiert sind.

Kein Zeitplan für den Neubeginn des Regelbetriebs

Weltweit sind Staaten weiterhin mit einer wachsenden Zahl von Herausforderungen befasst, die sich aus Covid-19 ergeben. Die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft könnten in absehbarer Zukunft eine Reihe von Branchen verändern. Auch für die Kreuzfahrtbranche gibt es keinen klaren Zeitplan für den Neubeginn des Regelbetriebs. Ein Vorteil immerhin ergibt sich für die Industrie: Treibstoff bildet den größten Posten in den Fixkosten von Kreuzfahrtreedereien – weshalb sie von dem im Lockdown stark gesunkenen Ölpreis profitieren.

Nach der Aufhebung der Reisebeschränkungen werden die Unternehmen wahrscheinlich Werbekampagnen und Preissenkungen in Betracht ziehen, um im Wettbewerb zu bestehen und die Nachfrage wieder auf die Branche zu lenken. Kreuzfahrtreedereien haben bereits damit begonnen, auf ihren Websites Rabatte auf die Pauschalangebote für 2021 anzubieten und auch neue Konzepte für Reisen im Jahr 2020 zu entwickeln Darüber hinaus wird sich die Branche zu neuen Sicherheitsprotokollen zu verpflichten haben, die das Krankheitsrisiko drastisch senken können.