Aufeinander gestapelte Würfel mit Symbolen, die Beschäftigungsfelder von Versicherungen symbolisieren

Covid-19 und die Versicherungsbranche

Covid-19 und die Versicherungsbranche

Covid-19 und die Versicherungsbranche

Dr. Christian Schareck | Partner,

Keyfacts

  • Unser Head of Insurance beschreibt im Interview, wie sich das Coronavirus auf die Versicherungsbranche auswirkt.

  • Konsequenzen: Das Kerngeschäft der Versicherer ist bis auf einzelne Ausnahmen zunächst eher mittelbar betroffen. Dennoch gilt es, mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen.

  • Maßnahmen: Zunächst ist den unmittelbaren Herausforderungen auch direkt zu begegnen, zum Beispiel in Vertrieb und Betrieb – strategische Weichenstellungen und Maßnahmen sollten teilweise neu bewertet und priorisiert werden.

  • Ausblick: Die Branche steht zwar recht stabil da, ist aber auch abhängig davon, welche Auswirkungen sich durch die Krise generell in der Volkswirtschaft und in Branchen ergeben.

Herr Dr. Schareck, wie betrifft Covid-19 die Versicherungsbranche?

Ich würde sagen, dass die Krise im Hinblick auf die Versicherer zunächst „gedämpfte“ Auswirkungen entfaltet. Einerseits müssen sich Versicherer natürlich wie alle anderen Marktteilnehmer und Arbeitgeber auch im operativen Modell des Tagesgeschäfts umstellen und anpassen. Stichworte sind hier Homeoffice, Remote-Arbeit und digitale Kommunikation. Dies funktioniert meiner Beobachtung nach weitgehend sehr gut. Viele Entscheidungsträger der Branche zeigen sich mit der Umstellung auf digitale Arbeits- und Kommunikationsformen sehr zufrieden. Natürlich bestehen mit zunehmender Dauer und Ausmaß größere Herausforderungen beispielsweise für den Vertrieb hinsichtlich der akquisitorischen Interaktion mit den Kunden. Das Kerngeschäft der Versicherer, die Risikoübernahme, ist mit wenigen Ausnahmen zunächst eher indirekt betroffen. Aktuell schlägt die Diskussion um Betriebsschließungen hohe Wellen. Finale Urteile und Einschätzungen werden in nächster Zeit für Klarheit sorgen.

Generell ist die Mehrheit der Versicherer aktuell in der Lage negative Effekte abzufedern. Den Auswirkungen und Kollateraleffekten, wie etwa der ggf. negativen Neugeschäftsentwicklung steht eine potenziell positive Schadensentwicklungen gegenüber. Aufgrund des Lockdowns im öffentlichen Leben passieren deutlich weniger Unfälle, es kommt zu signifikant weniger Einbruchsdelikten.

Dennoch sind die langfristigen Auswirkungen sicher spürbar und nachhaltig. In diesem Zusammenhang verstärkt sich durch adverse Entwicklungen auf der Kapitalanlageseite auch der aktuell ohnehin bestehende Druck aufgrund der Niedrigzinsphase natürlich. Insgesamt erweisen sich Versicherer hinsichtlich kurzfristiger Schwankungen allerdings als recht robust aufgestellt und nicht so stark von Volatilitäten betroffen. 

Wie gehen Unternehmen mit den Veränderungen um?

Operativ konnten die meisten schnell umdisponieren und auf Remote-Arbeit umstellen. Man musste sich quasi gezwungenermaßen auf digitale Arbeitswelten umstellen und sich hier rasch professionalisieren. Im Bereich des persönlichen Vertriebes, zum Beispiel in großen Ausschließlichkeitsorganisationen, haben zahlreiche Versicherer Unterstützungsmaßnahmen ergriffen, um die Auswirkungen für die Vermittler abzumildern, die von Provisionen im Neugeschäft leben.

Und wie gehen die Versicherungen mit Anfragen zur Regulierung von Coronaschäden um?

Hier wird gerade über bisherige Einschlüsse von Pandemieereignissen kontrovers diskutiert. Grundsätzlich sind die Versicherer sicher bereit, ihrer gesellschaftlichen Pflicht und Verantwortung nachzukommen und auch Kulanzregelungen zu finden. Dazu werden gerade Angebote gemacht – siehe das bayerische Model – und aktuell durchaus kontrovers diskutiert.

Wann ist mit juristischen Entscheidungen zu rechnen, welche Schäden reguliert werden müssen?

Das ist konkret noch schwer zu beantworten. Hinsichtlich der Betriebsschließung liegt aktuell eine erste Entscheidung des Landgerichts Mannheim vor, das sicherlich stilbildend für die weitere Diskussion sein wird. Hier wurde Eilrechtsschutz auf Versicherungsleistung zunächst aus prozessualen Gründen abgelehnt. Das Urteil zeigt, dass bereits Verfahren anhängig sind und im Eilrechtschutz auch schon Entscheidungen getroffen werden. Eine Klagewelle kann man daher nicht ausschließen. Ich denke und hoffe, dass hier in der nächsten Zeit mehr Klarheit herrschen wird. 

Wie sollten Unternehmen auf die Krise reagieren? Welche kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen bieten sich an?

Kurzfristig sollten vor allem weiterhin der Betriebsablauf und das Tagesgeschäft sichergestellt werden. Das ist bislang auch gut gelungen. Weiterhin sind kurzfristig Entscheidungen zu treffen, wieweit man Kunden entgegenkommt, beispielsweise in dem man Prämien stundet. Den Vertrieb gilt es weiterhin zu stabilisieren.

Mittelfristig wird es spannend sein, welche Spuren die Krise hinterlassen wird. Haben wir es zum Beispiel mit einer großen Rezession zu tun? Das würde auch die Versicherer treffen, da unter Umständen Firmen, die die Krise nicht überstehen, als Beitragszahler ausfallen, zunehmende Arbeitslosigkeit die Nachfrage schwächen würde und so weiter.

Im Kontext zunehmenden Marktdrucks stellen sich damit verstärkt Fragen nach strategischen Weichenstellungen und operativen Reaktionen. Auch die Versicherer werden hierbei zu strengerer Evaluierung und Prioritätensetzung gezwungen. Diese Bewertungen und Entscheidungen werden auch zunehmend Gegenstand der Kommunikation gegenüber ihren Stakeholdern und Aufsichtsgremien. Und langfristig wird die Diskussion sicherlich verstärkt werden, wie zukünftig mit Pandemieereignissen aus versicherungstechnischer Sicht umgegangen werden soll. Vielleicht wird es künftig gemeinsame Lösungen von Staat und Versicherern geben, um derartige Ereignisse abzusichern. 

Kurzfristige Maßnahmen
Mittelfristige Maßnahmen
Langfristige Maßnahmen

Was denken Sie, wie wird die Versicherungsbranche in einem Jahr aussehen?

Ich glaube nicht an eine völlig disruptive Veränderung der Branche. Was sicherlich weiter etabliert wird, ist, dass in allen Unternehmensbereichen verstärkt digitaler gearbeitet werden kann. Interaktionen erfolgen auf unterschiedlichsten Wegen, werden nachhaltiger. 

Ihr Blick auf die Situation ist recht optimistisch – was macht Ihnen denn Hoffnung?

Ich glaube, dass die Versicherer vergleichsweise stabil dastehen und ein hohes Maß an Kontinuität gewährleisten können. Dies ist auch für die das volkswirtschaftliche Gesamtsystem entscheidend, denken wir nur an Alters- und Gesundheitsvorsorge. Aber natürlich ist die Branche letztlich ebenfalls von den gesamtheitlichen Entwicklungen abhängig. 

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