Containerschiff mit geladenen Containern fährt unter Brücke hindurch übers Meer

Krisenfeste Lieferketten: das ist wichtig

Krisenfeste Lieferketten: das ist wichtig

Krisenfeste Lieferketten: das ist wichtig

Dr. Sylvia Trage | Director,

Keyfacts

  • Bedingt durch die Globalisierung und den damit einhergehenden steigenden internationalen Handel sind viele deutsche Unternehmen aus der Fertigungsindustrie international aufgestellt. Das hat Auswirkungen auf die Lieferketten.

  • In den kommenden Jahren wird es wichtiger, Produktion und Absatz näher zusammenbringen. Regionalisierung ist aber nur ein Ansatz, Krisen zu begegnen.

  • Ergebnisse aus Szenarioanalysen und ein umfangreiches Lieferantenrisikomanagement werden an Bedeutung gewinnen.

Frau Dr. Trage, Deutschland gilt als Drehscheibe einer industriellen Produktion mit komplexen Wertschöpfungsnetzwerken. Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf die Lieferketten der Fertigungsindustrie aus?

Die Mehrheit der deutschen Fertigungsunternehmen ist bedingt durch die Globalisierung und den damit einhergehenden steigenden internationalen Handel zunehmend international aufgestellt – mit globalen Liefernetzwerken, weltumspannenden Vertriebsorganisationen und strategisch angesiedelten Produktionsstandorten. Die Branchen sind von der Covid-19-Pandemie unterschiedlich stark betroffen und die Unternehmen werden vor neue Herausforderungen gestellt. Nahrungshersteller produzieren bei vollen Kapazitäten und suchen nach alternativen Lieferanten. Pharmaunternehmen haben bei nicht-verschreibungspflichtigen Medikamenten eine erhöhte Nachfrage, kämpfen aber gleichzeitig mit Unterbrechungen der Lieferketten, weil sie viele Stoffe aus China und Indien beziehen. 

Im Zusammenhang mit der Corona-Krise wird viel über die Regionalisierung von Lieferketten gesprochen. Ist das für international aufgestellte Unternehmen ohne weiteres möglich?

Die Umstellung funktioniert nicht kurzfristig. Generell gilt, dass Schwankungen und Störungen in den Lieferketten größere Auswirkungen haben als noch vor zehn Jahren. Unternehmen sollten darüber nachdenken, die Produktion näher an den Absatzmarkt zu bringen und so Lieferwege zu verkürzen. Ein Beispiel: Einer unserer Kunden hatte sich im Zuge der Brexit-Entscheidung dazu entschlossen, die Nachfrage auf dem europäischen Festland nicht mehr aus Großbritannien zu bedienen, sondern einen Produktionsstandort auf dem Festland zu errichten. Damit kurze und flexible Lieferwege ermöglicht werden, die Reaktionsfähigkeit erhöht wird und anfallende Zollkontrollen/-zahlungen durch einen Austritt aus der Europäischen Union umgangen werden können.

Europäische Unternehmen, die bestimmte Produkte in den USA oder Asien produzieren lassen, riskieren, dass wegen einer Krise – Corona, Brexit, Strafzölle – die Lieferkette unterbrochen wird. Deswegen ist es durchaus sinnvoll, sich für strategische Komponenten und kritische Materialien einen zweiten Produzenten beziehungsweise Lieferanten zu suchen. Einige Unternehmen haben das bereits vor Covid-19 umgesetzt und sind unter anderem deswegen relativ gut durch die Krise gekommen. 

Gibt es neben der Regionalisierung weitere Entwicklungen und Herausforderungen, die durch die Corona-Krise verstärkt werden?

Ja, vor allem die Digitalisierung. Es wird immer wichtiger, Entscheidungen auf Grundlage von Daten zu treffen. Viele Unternehmen haben derzeit noch das Problem, dass sie die Daten, die tagtäglich generiert werden, nicht transparent erfassen können und nicht wissen, wie sie damit umgehen können, um das darin schlummernde Potenzial zu verwerten. Möglich ist zum Beispiel digitales Echt-Zeit-Tracking von Lieferungen und deren Visualisierung über Dashboards. Diese Plattformen können datenbasierte Entscheidungshilfen liefern, welche auf Datenanalysen basieren und Warnmeldungen ermöglichen. Durch eine frühzeitige Erkennung von Risiken können konkrete Aktionspläne erarbeitet werden. Die Covid-19-Krise sollte somit als Chance gesehen werden, die Digitalisierung flächendeckend in die Unternehmensinfrastruktur für eine transparente digitale Datenerfassung zu integrieren.

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Welche Maßnahmen sollten die Fertigungsunternehmen jetzt ergreifen?

Viele Unternehmen, die durch die Schutzmaßnahmen ihre Produktion und Fertigung eingeschränkt oder sogar vollständig gestoppt haben, stehen nun vor der Frage, wie sie zum Alltag zurückkehren können. Aus China kommen schon wieder Schiffe und liefern Waren an. In vielen Unternehmen in Deutschland gibt es aber noch Kurzarbeit oder verringerte Produktionskapazitäten. Der normale Warenfluss muss erst wieder in Gang kommen. Ein wichtiges Thema ist daher die Bestandsoptimierung. Außerdem sollten Lieferanten auf finanzielle Stabilität, Kapazitäten und Lieferfähigkeit überprüft werden.

Mittelfristig wird das Thema Lieferantenrisikomanagement wichtiger. Um die erfassten Risiken zu dokumentieren, zu bewerten und zu managen, bedarf es der Entwicklung eines gesamtheitlichen Konzepts für ein präventives Lieferantenrisikomanagement. Schon heute wird sehr genau beobachtet, wie sich Beschaffungs- und Absatzmärkte entwickeln, wie sich Rahmenbedingungen dort ändern und welche Maßnahmen zur Minimierung von Risiken zu ergreifen sind. Ich bin überzeugt, dass den Ergebnissen der Szenarioanalysen, die regelmäßig aktualisiert werden sollten, und den Einschätzungen sowie Empfehlungen des Risikomanagements künftig mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.  Zukünftig sollten diese noch stärker in das Geschäfts- und Betriebsmodell der Unternehmen integriert werden.

Genauso wichtig wie reaktive Maßnahmen sind präventive Ansätze, welche relativ schnell und kostengünstig umgesetzt werden können. Dabei geht es zum Beispiel um Mitarbeiterschulungen, um sie etwa für das Thema Lieferantenrisikomanagement zu sensibilisieren. 

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Reden wir über Geld – die Maßnahmen klingen nach höheren Kosten. Wie sollen die Unternehmen dies bewältigen?

Um zukünftigen Krisen besser entgegnen zu können und existenzbedrohende Situationen zu vermeiden oder diese besser zu managen, sollten strategische Entscheidungen getroffen werden, die eingepreist gehören. Diese Risikodividende wird sich in der nächsten Krise auszahlen. Unternehmen sollten ihre Strategien und Zielsetzungen kontinuierlich an sich verändernde Rahmenbedingungen anpassen, um flexibler und reaktionsfähiger agieren zu können. In Anbetracht von Covid-19 rücken Themen wie Transparenz und Resilienz in den Vordergrund.

Beim Aufbau alternativer Lieferantenstrukturen sollten alle anfallenden Kosten von Investitionsgütern betrachtet und durch Kosten-Nutzen-Analysen quantifiziert werden. 

Das bedeutet natürlich, Geld in die Hand zu nehmen. Jedoch können zum Beispiel durch den Einsatz von Data Analytics, wie etwa bei der Optimierung der Zahlungsbedingungen, signifikante Beträge eingespart werden.

Wie ist ihr Eindruck: Ist die Bereitschaft für Investitionen da?

Ja, der Wille ist da, denn die Covid-19-Krise hat die Menschen sowie die Wirtschaft maßgeblich geprägt. Ich glaube, dass durch die Erfahrungen in der Krise bestimmte Entwicklungen beschleunigt werden. Das hängt aber auch stark davon ab, wie sich die Nachfrage entwickeln wird. Es ist ganz einfach: Es muss wieder Geld reinkommen, dann wird auch investiert. Unternehmen können aber auch möglicherweise Förderprogramme nutzen, um bestimmte Investitionen voranzutreiben.