Auto-Cockpit mit Lenkrad

MwSt-Senkung: Automobil-Branche

  • Peter Schalk, Partner |

Keyfacts

  • Aufgrund der Steuersatzänderung in Deutschland besteht dringender Handlungsbedarf

  • Der Handlungsbedarf umfasst neben der systemseitigen Umsetzung auch die prozessuale Abbildung

  • Es bestehen branchenspezifische Themen, deren Abbildung zu weiterer Komplexität führt

  • Um diese branchenspezifischen Themen zu identifizieren und rechtssicher abzubilden verbleibt wenig Zeit

  • Betroffen sind neben den Herstellern insbesondere auch Zulieferer, Leasingunternehmen, Autobanken und Händler

Die deutsche Automobilindustrie befindet sich mitten in der tiefgreifendsten und aufwendigsten Transformation ihrer Geschichte. Die Änderungen betreffen nicht nur die Automobilhersteller, sondern ebenso die gesamte Zulieferindustrie, Leasingunternehmen sowie Autobanken und KFZ-Händler. Mit dem Konjunkturpaket hat die Bundesregierung die auf den Zeitraum 1. Juli 2020 bis 31. Dezember 2020 zeitlich begrenzte Absenkung der Umsatzsteuersätze von 19% auf 16% sowie von 7% auf 5% beschlossen. Diese temporäre Absenkung stellt viele Unternehmen zusätzlich vor große Herausforderungen, da entsprechende Maßnahmen definiert und kurzfristig umgesetzt werden müssen.  

Was bedeutet dies für die Automobilbranche?

Neben den Anpassungen der ERP-Systeme, Steuerkennzeichen und Rechnungslayouts gilt es insbesondere Automotive-spezifischen Themen zu betrachten, von denen einige im Folgenden näher dargestellt werden.  

Am Beispiel der umsatzsteuerlichen Gutschrift, z. B. im EDI-Verfahren, wird schnell deutlich, dass der überwiegende Anteil der Lieferungen von Produktionsmaterial der sogenannten Tier1- und Tier2-Zulieferer an die Hersteller über diesen Prozess abgebildet wird. Das Umsatzsteuer- und Vorsteuervolumen ist daher signifikant. Hier gilt es, die einzelnen Prozessschritte des EDI-Verfahrens, insbesondere den Zeitpunkt der Steuerentstehung sowie die Umsatzsteuer-Findung selbst, d. h. Ermittlung des zutreffenden Umsatzsteuerkennzeichens und -satzes, im Detail zu analysieren. Dies gilt gerade dann, wenn bei in Deutschland steuerpflichtigen Lieferungen (Direktgeschäft oder ruhend im Reihengeschäft) oder bei Konsignationslager-Entnahmen der Beginn der Beförderung im Juni 2020 und der Erhalt bzw. die Entnahme der Ware ab Juli 2020 erfolgt. Die ertragsteuerliche Abbildung für sogenannte „goods in transit“ sollte in diesem Zusammenhang ebenfalls betrachtet werden. Daneben scheint eine Kommunikation zwischen Zulieferer und Hersteller - als Aussteller der elektronischen umsatzsteuerlichen Gutschrift - empfehlenswert, um umsatzsteuerliche Risiken zu minimieren. Die in diesem Zusammenhang erfolgten Umstellungen der Prozesse aufgrund der sogenannten „Quick Fixes“ zum 1. Januar 2020 sowie die daraus resultierenden Auswirkungen werfen zudem nach wie vor Umsetzungsfragen in der Branche auf.  

Wie ist mit Automotive-spezifischen Vertragsthemen umzugehen?

Daneben lohnt sich ein Blick auf weitere Automotive-spezifische Vertragsthemen wie Garantieverlängerungen, Full-Service-Packages, „function-on-demand- / connectivity“-Verträge, Leasing- vs. Finanzierungsverträge, um nur einige zu nennen. Dabei werden teilweise monatliche Pauschalen in Rechnung gestellt bzw. Verträge über Dauer-/Teilleistungen geschlossen. Hierbei sollten ebenfalls die Prozesse sowie die vertraglichen Grundlagen geprüft werden, um auch ab dem 1. Juli 2020 die zutreffende Besteuerung von Dauer- und Teilleistungen sowie auf der Eingangsseite das Vorliegen aller erforderlichen Voraussetzungen für den Vorsteuerabzug sicherzustellen.  

Woran sollte zudem gedacht werden?

Häufig unterstützen die Automobilhersteller Verkaufsförderaktionen der Händler bzw. der angeschlossenen Leasingunternehmen und Autobanken. Das können z. B. Verkaufszahlen-abhängige Intensivierungen, Zinssubventionen, Gutschein-/Treue-Aktionen bei Fahrzeugkäufen durch Kunden beim Händler und vieles mehr sein. Neben den schon immer dagewesenen Abgrenzungsfragen stellen sich jetzt weitere Fragen zur Anwendung des zutreffenden Steuersatzes. Damit ergibt sich eine zusätzliche Komplexität, die es durch entsprechende systemische Vorkehrungen zu antizipieren gilt. 

Auch alle prozessualen Auswirkungen rund um das Thema der Elektromobilität inklusive der höheren Prämien für Elektroautos sind zu betrachten. Es stellen sich zudem Abgrenzungsfragen im Zusammenhang mit dem Laden von e-Autos mit Strom, z. B. ob eine Lieferung von Strom oder eine sonstige Leistung eigener Art vorliegt, ob Dauer- oder Teilleistungen vorliegen, welche Steuersätze Anwendung finden oder ob ggf. auf einzelnen Stufen der Übergang der Steuerschuldnerschaft auf den Leistungsempfänger zu 16% aufgrund von Stromlieferungen greifen könnte.  

Weitere Auswirkungen auf Prozesse

Darüber hinaus ist es unbedingt zu empfehlen die erforderlichen Schulungen der operativen Fachabteilungen sowie Shared Service Centern zeitnah zu planen und durchzuführen. 

Auch die Dokumentation der Änderungen und Anpassungen für eine künftige Betriebsprüfung und im Rahmen eines Tax Compliance Management Systems ist nicht zu unterschätzen. 

Diesem Aufwand, der aufgrund der gesetzlichen Änderungen unweigerlich anfällt, steht die Frage gegenüber, ob die Absenkung des Umsatzsteuersatzes tatsächlich einen positiven Impuls für die Automobilindustrie geben wird. 

Die Branche sollte hierbei bereits die zum 1. Januar 2021 wiederum erforderliche Anpassung auf die höheren Umsatzsteuersätze im Blick behalten.  

Es bleibt zu hoffen, dass das finale BMF-Schreiben - im Nachgang zu dem neuen Entwurf (verfügbarer Entwurf Stand: 23. Juni 2020) - weitergehende Erleichterungen / Nichtbeanstandungsregelungen vorsieht. Diese werden von der Wirtschaft und den Verbänden gefordert, um den Umstellungsaufwand in der Praxis kurzfristig bewältigen zu können.  Der o. g. Entwurf besagt aktuell lediglich (geknüpft an weitere Voraussetzungen), dass in der Unternehmerkette für den Zeitraum 1. Juli bis 31. Juli 2020 eine Nichtbeanstandungsregelung vorgesehen ist (neuer 3.12 des BMF Schreibens), die im Wesentlichen eine faktische Nichtanwendung von §14c UStG beinhaltet.  

So können wir helfen

Die Auswirkungen der temporären Absenkung der Umsatzsteuersätze sind vielfältig. Durch zielgerichtete prozessuale und systemseitige Anpassungen kann die rechtzeitige Umsetzung der gesetzlichen Änderungen sichergestellt werden, sodass die betroffenen Transaktionen rechtzeitig identifiziert und zutreffend abgebildet werden können. Gerne unterstützen wir Sie mit unserem branchenerfahrenen Team bei der Identifikation des konkreten Handlungsbedarfs sowie bei erforderlichen Abstimmungen mit der Finanzverwaltung, der Definition neuer Prozesse oder weiteren denkbaren Schritten, die sich aus der temporären Absenkung der Umsatzsteuersätze ergeben.