Kompass vor blauem Hintergrund

COVID-19 und die Familien-Unternehmen

COVID-19 und die Familien-Unternehmen

COVID-19 und die Familien-Unternehmen

Dr. Vera-Carina Elter | Partner,

Keyfacts

  • Unser Vorstand für Personal & Familienunternehmen Dr. Vera-Carina Elter beschreibt im Interview, wie sich Umsatzausfälle, Kurzarbeit und andere Folgen der Pandemie auf Familienunternehmen in Deutschland auswirken.

  • Familienunternehmen haben aufgrund ihres auf Nachhaltigkeit und Generationenverantwortung ausgerichteten Wertekompasses gute Voraussetzungen, die Krise gestärkt zu überstehen.

  • Die Beschränkungen werden die Wirtschaft noch eine Weile begleiten. Manche Veränderungen, etwa im Kundenverhalten oder bei Arbeitsweisen, werden dauerhaft bleiben.

Frau Elter, wie trifft COVID-19 die Familienunternehmen in Deutschland?

Die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Pandemie ergriffen wurden, haben zu einem weitgehenden Herunterfahren der Wirtschaft geführt, so auch in Familienunternehmen. Der Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat neben der Sicherung des Geschäfts höchste Priorität. Darum war es richtig, entsprechende Schritte zu unternehmen. Der neue Arbeitsschutzstandard und insbesondere die Abstandsregelungen wirken sich weitreichend auf Produktionsprozesse und die Gestaltung von Abläufen in Unternehmen aus. Dies hinterlässt deutliche wirtschaftliche Spuren. In einer Umfrage des Verbandes DIE FAMILIENUNTERNEHMER e.V. gaben zwei Drittel der befragten Verbandsmitglieder Umsatzausfälle an, mehr als die Hälfte hat Kurzarbeitergeld beantragt.

Wie machen sich die Folgen der Pandemie bemerkbar?

Grundsätzlich lässt sich sagen: Im Vergleich zu früheren Krisen, z. B. der Finanzmarktkrise 2008/2009, kam die jetzige abrupter, sodass die wirtschaftlichen Auswirkungen diesmal deutlich schneller sichtbar wurden. Dies liegt auch daran, dass die Krise nicht aus der Wirtschaft selbst heraus entstanden ist. Die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich, denn Familienunternehmen sind in allen erdenklichen Branchen aktiv. In diesen sind teils ganz verschiedene Auswirkungen zu spüren: Auf der einen Seite ist es eine stark zurückgegangene Nachfrage oder Produktionsstillstand. Das kann selbst bei zuvor gesunden und soliden Familienunternehmen zu massiven Liquiditätsproblemen führen. Auf der anderen Seite ist aber je nach Branche sogar eine gestiegene Nachfrage nach dem hergestellten Produkt bzw. der angebotenen Dienstleistung zu verzeichnen oder Unternehmen passen ihre Geschäftsmodelle an.

Wie kommen die Familienunternehmen aus der Krise?

Die Beschränkungen – etwa die Abstandsregelungen – werden uns begleiten, solange kein Impfstoff marktreif entwickelt ist. Daher werden uns die Auswirkungen von COVID-19 noch eine ganze Weile beschäftigen. Ökonomen gehen davon aus, dass die Konjunktur beschränkungsbedingt nur ganz allmählich und langsam anziehen wird. Ich bin aber davon überzeugt, dass Familienunternehmen die Krise gut überstehen werden.

Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Dafür sprechen vor allem zwei Hauptgründe. Erstens werden Familienunternehmen gerade in Krisenzeiten durch ihren Wertekompass in besonderer Weise sowie auch durch ihre eigene Mitarbeiterschaft unterstützt. Familiengeführte Unternehmen wirtschaften tendenziell konservativer und langfristig orientierter. Viele sind beispielsweise in den Lieferketten robuster aufgestellt. Diese Form des Wirtschaftens ist begründet in dem auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Generationenverständnis der Familienunternehmen. Das kommt ihnen in solchen Krisen zugute. Dadurch genießen sie auch besonderes Vertrauen – nach außen zu ihren Kunden und Lieferanten, aber auch im Innenverhältnis. Arbeitgeber und Mitarbeiter vertrauen sich gegenseitig. In Krisenzeiten bauen Familienunternehmen Mitarbeiter oftmals viel später ab als andere Unternehmen und so behutsam wie möglich. Dies hat einen spürbaren Vorteil: Sie können, sobald sich die Wirtschaft erholt, den Aufschwung schneller nutzen.

Und der zweite Aspekt?

Auch das zweite Hauptkriterium, das für die Familienunternehmen spricht, basiert auf dem Generationenverständnis: Das Wirtschaften ist geprägt vom Willen, den Betrieb einmal in gutem Zustand an die nächste Generation zu übergeben. Das gilt insbesondere, wenn das Unternehmen bereits in einer längeren Familientradition über mehrere Generationen steht. Dafür sind Familieninhaber – auch im Hintergrund – in Krisenzeiten bereit, finanzielle Lasten zu schultern. In einer solchen besonderen Zeit hat jeder im Unternehmen seinen Beitrag zu leisten. Oftmals ist in Familienunternehmen der Zusammenhalt generell stärker, so dass in einer Krise die Erkenntnis, dass man nun als Familie zusammenstehen muss, offenkundiger ist.

Was würden Sie Unternehmen raten?

So notwendig die Lösung der plötzlich aufgetretenen Herausforderungen ist: Wichtig ist, über die akute Krisenbewältigung hinaus zu denken. Erstens das Marktumfeld analysieren: Haben sich Kundenbedürfnisse durch die Krise verändert? Sollten dementsprechend die Produkte bzw. Dienstleistungen angepasst werden? Sind die Beziehungen zu Lieferanten und anderen Stakeholdern entsprechend anzupassen? Es ist zu erwarten, dass manche Veränderungen, die durch den Ausbruch der Pandemie ausgelöst wurden, dauerhaft bleiben und sich Verhaltensweisen nachhaltig ändern werden. Dies betrifft beispielsweise Vertriebskanäle, Kundenerwartungen und -verhalten oder Arbeitsweisen. Das bedeutet: Unternehmen sollten sich darauf einstellen, dass wir vielfach nicht wieder zum Status quo ante zurückkehren werden. Zweitens: Wie könnte die „Next Generation“ mit neuen Sichtweisen dabei helfen, Geschäftsmodelle für die Zukunft nach COVID-19 neu auszurichten? Und drittens prüfen, wie robust die Family Business Governance ist: Sollte eine Familienverfassung erstellt oder ein Beirat eingerichtet werden, bzw. ist ein bestehender Beirat wirkungsvoll genug oder sollte er in bestimmten Punkten verändert werden?

Was macht in der Pandemie Hoffnung?

Manche sagen, die Corona-Krise habe wie ein Brennglas die Schwächen eines Wirtschaftssystems aufgezeigt, dem es an Resilienz fehlt, weil es wenig nachhaltig agiert. Gerade Familienunternehmen haben aber auch schon vorher bewiesen, wie man erfolgreich nachhaltig wirtschaftet und dadurch robuster ist als andere. Stabilität statt Wachstum um jeden Preis: Dieser Ansatz der Familienunternehmen bewährt sich auch in der Corona-Krise. Hinzu kommt: Als Lehre aus der aktuellen Krise ist viel davon die Rede, dass Unternehmen ihre Lieferketten überdenken und ggf. Lieferanten wieder „näher heranholen“ müssen. Davon könnte der deutsche Mittelstand profitieren. Kurze Wege zum Kunden, die schnelle Erreichbarkeit, zügige Abstimmungen – das alles sind Vorteile, die Mittelständler bieten können und die jetzt wichtiger werden. Zugleich erwächst aus der Krise ein enormer Innovationsschub. Die Digitalisierung hat in der Krise ihre großen Vorteile aufgezeigt – dies wird die Grundlage sein, noch stärker und konsequenter den Weg der Digitalisierung zu gehen.

 

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