Baustelle - Brücke halb fertig gebaut

Die Corona-Krise – Ende des Baubooms?

  • Juan Carlos Klug, Partner |

Keyfacts

  • Die Folgen der Corona-Krise haben die Baubranche zunächst nicht so dramatisch getroffen wie andere Branchen, da die Auftragsbücher noch gut gefüllt waren und sich eine Abkühlung am Markt erst verzögert und nicht mit der gleichen Intensität anderer Branchen bemerkbar macht.

  • Das Niveau der vergangenen Jahre kann aber voraussichtlich nicht gehalten werden.

  • Im kommunalen Bau werden jetzt vor allem wichtige Infrastrukturprojekte umgesetzt.

Kräne drehen sich, Presslufthämmer sind auch noch weit entfernt zu hören, Arbeiter klettern auf Gerüste – Baustellen scheinen von den Auswirkungen der Corona-Krise bisher ausgenommen. Dieser Eindruck ist grundsätzlich richtig, trifft jedoch nicht ganz zu. Zwar werden aktuell viele Bauprojekte umgesetzt, die bereits vor Corona in Angriff genommen wurden. Aber trotz drehender Kräne, polternder Presslufthämmer und kletternder Arbeiter – erste Signale für eine Abkühlung der Baubranche zeichnen sich ab. Die Folgen der Krise trafen auch sie: Lieferschwierigkeiten oder Personalnot, weil viele Arbeiter in Quarantäne mussten oder ihr Land aufgrund der Reisebeschränkungen nicht verlassen konnten. Es bleibt abzuwarten, wie konstant sich diese Entwicklung, mit der Lockerung der Sicherheitsmaßnahmen, zurückdrehen lässt.

Aktuell wird in der Branche der Atem angehalten und sorgfältig analysiert, wie man am besten vorankommt. Die Auswirkungen sind bislang nicht so dramatisch wie in anderen Branchen. Ein Bauprojekt abzubrechen ist teuer und zieht vieles nach sich. Deswegen wird lieber genau beobachtet, wie es weitergeht und sich die Pandemie entwickelt. 

Neue Projekte werden kritischen Prüfungen unterzogen

Aber eines ist klar, das hohe Niveau der vergangenen Jahre kann aller Voraussicht nach so nicht gehalten werden. Der Beginn der Corona-Krise ist möglicherweise das Ende des Baubooms in Deutschland, wie wir ihn kannten. Vor einigen Monaten wurde beispielsweise noch überall dort, wo ein Stein hingeworfen wurde, ein Hotel gebaut. Jetzt ist die Situation eine ganz andere: Bauherren und -unternehmen schauen bei zukünftigen Projekten genauer hin. Vor allem die Finanzierung wird harten Prüfungen unterzogen. Vor einiger Zeit setzte man selbst im Zweifel Bauprojekte noch um – inzwischen hat sich der Wind gedreht.

Und auch im öffentlichen Sektor haben sich die Prioritäten deutlich verschoben und werden weiter angepasst. Man wird das Geld noch gezielter als bisher in wichtige Infrastrukturprojekte investieren. Bis sich der öffentliche Sektor auf die Krise und ihre Folgen eingestellt hat, wird es aber noch einige Zeit dauern. Noch befindet er sich in einer Art Aufrüstungsphase. Fragen wie diese stehen gerade im Vordergrund: Wieviel Geld steht trotz der umfangreichen Corona-Soforthilfen für welche Bauprojekte zur Verfügung? Wie digitalisiert sind die Bauaufsichtsämter? Welche Mitarbeiter stehen zur Verfügung?

Zum Teil werden neue Projekte zunächst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Gebaut wird primär, was infrastrukturell wichtig ist bzw. dringend saniert werden muss. Wenn die Projekte dann an den Markt gebracht werden, muss man hoffen, dass auch ausreichend qualifizierte Angebote eingehen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und bedarf mehr und mehr Geschick.

Unbefangenheit und Risikofreude werden weniger

Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass die Bauämter in Deutschland recht heterogen aufgestellt sind. Einige Ämter hatten wenige Probleme damit, ihre Arbeit aus dem Homeoffice zu erledigen. In anderen wiederum ist die Digitalisierung noch nicht so weit fortgeschritten. Die Krise kann hier die Triebfeder sein, um Digitalisierungsprojekte in einigen Ämtern voranzutreiben.

Die Wochen der Corona-Krise hat die Baubranche vergleichsweise gut überstanden. Aber der Bauboom ist zumindest zunächst bemerkbar abgemildert und damit auch die teils unbefangene Herangehensweise an Bauprojekte. Die Branche wird einen großen Teil der Risikofreude hinterfragen. Die war bislang ein wichtiger Bestandteil der Baubranche. Aus gutem Grund: Wenn beispielsweise in der Fertigungsindustrie das Band stillsteht, führt das sofort zu Verlusten. Bei größeren Bauprojekten fallen einige Tage Bauverzögerung oftmals nicht so dramatisch ins Gewicht, denn sie können durchaus auch mal aufgeholt werden, und gewisse Abläufe können auf dem Bau hierfür improvisiert werden.

Die Risikobereitschaft der Branche wird unter der Corona-Krise nachhaltig leiden und dies wird Veränderungen forcieren. Ein proaktives Risikomanagement wird beispielsweise. eine gewichtigere Rolle in den Bauprojekten einnehmen. Um Unterbrechungen der Lieferketten zu vermeiden, könnten Bauunternehmen zudem beispielsweise dazu übergehen, die Lieferketten zu verschlanken und zu regionalisieren oder die just-in-time-Praxis der letzten Jahre wieder mehr durch eine vorausschauende Lagerhaltung zu ersetzen.