Mann balanciert auf Seil

Zahlungsmoratorien beeinflussen Bank-Risikoprofile

  • Prof. Dr. Thomas Kaiser, Director |

Keyfacts

  • Zahlungsmoratorien im Kontext von Covid-19 bergen Rechts- und Reputationsrisiken

  • Die Rahmenbedingungen bestimmen die konkrete Vorgehensweise

  • Klar definierte Strategien und Prozesse helfen bei der Steuerung der Risiken

Während der aktuellen Covid-19-Krise ist das Moratorium zur Zahlung von Kreditverpflichtungen eine der am häufigsten angewandten wirtschaftlichen Maßnahmen. Die gesetzgeberischen und / oder privatwirtschaftlichen Moratorien bieten Unternehmen und Einzelpersonen eine Zahlungserleichterung, indem sie die Aussetzung oder Stundung von Zahlungen für Kredite innerhalb eines bestimmten Zeitraums erlauben. Hiermit sollen kurzfristig Liquiditätsprobleme von Bankkunden verringert werden.

Da sich jedoch die vertragliche Ausgestaltung der Zahlungsmoratorien aufgrund nationaler Gesetzgebung von Land zu Land unterscheidet, stehen die Risikomanagementsysteme und -prozesse von Banken vor enormen Herausforderungen. Denn obwohl die EBA am 2. April Richtlinien zu Moratorien für die Rückzahlung von Krediten während der Covid-19-Krise vorgelegt hat, bleiben Fragen offen. Spezifische rechtliche Leitlinien für die praktische Anwendung von Covid-19-Moratorien fehlen generell. Dies setzt Banken bei der Entscheidung, welchen Kunden und in welchem Umfang Zahlungsmoratorien gewährt werden sollen, gleich mehreren nicht-finanziellen Risiken aus  - insbesondere Rechts- und Reputationsrisiken.

Zahlungsmoratorien wirken sich auf das Risikoprofil von Banken aus

Die Gewährung von Zahlungsmoratorien an Kunden, deren wirtschaftliche Zukunft nach der Covid-19-Krise unklar ist, hat einen direkten Einfluss auf das Risikoprofil einer Bank. Denn das Kreditrisiko erhöht sich, insbesondere aufgrund eines Anstiegs der Ausfallverlustquote (Loss Given Default | LGD). Einerseits kann dies dazu führen, dass Vorstandsmitgliedern nach der Krise von Aktionären die Verringerung des Shareholder Value aufgrund grober Fahrlässigkeit vorgeworfen wird, was zu rechtlichen Konsequenzen führen kann. Andererseits kann die Nichtgewährung von Moratorien zu juristischen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Kunden und / oder zu einer Erhöhung des Reputationsrisikos führen, wenn die Erwartungen der Stakeholder nicht ausreichend erfüllt werden. Die Bewältigung einer großen Anzahl von Zahlungsmoratorien könnte daher die Risikomanagementsysteme der Banken vor echte Herausforderungen stellen.

Unserer Ansicht nach sollten deshalb insbesondere die spezifischen Einflussfaktoren auf nicht-finanziellen Risiken, die sich aus den Covid-19-Zahlungsmoratorien ergeben, berücksichtigt werden: 

  • Die Risikostrategie / der Risikoappetit, welche/r unter anderem die Toleranz einer Bank für Rechts- und sonstige operationelle Risiken bestimmt und einen umfassenden Rahmen für deren Überwachung und Begrenzung bietet.
  • Das rechtliche Umfeld, z.B. in Form von rechtlicher Durchsetzbarkeit von Zahlungsmoratorien, die Anwesenheit aktivistischer Aktionäre oder Fragen der Beweislast
  • Die Struktur und Art des Kundenstamms, da einige Kunden stärker von Covid-19 betroffen sind. Dies führt insbesondere dazu, dass einige Banken im Vergleich zu anderen mehr Zahlungsmoratorien gewähren.
  • Die Wettbewerbsintensität, welche zu mehr Zahlungsmoratorien für Kunden beiträgt, um die Abwanderung von Kunden und damit einen Verlust des zukünftigen Geschäfts zu vermeiden.

Unsere Empfehlungen zum Umgang mit diesen Faktoren und den Herausforderungen durch Covid-19-Zahlungsmoratorien lauten daher:

  • Banken sollten ihre spezifische Situation bezüglich der oben genannten Faktoren analysieren, um dann eine klare Strategie und einen transparenten Prozess für den Umgang mit Covid-19-Zahlungsmoratorien zu entwickeln, welche auf objektiven Kriterien basieren.
  • Die durch den Prozess geleitete Entscheidungsfindung sollte sich an einer angemessen definierten Risikostrategie / dem Risikoappetit für alle involvierten Risikoarten orientieren. Diese Betrachtung sollte mindestens das Kredit-, das operationelle und das Reputationsrisiko beinhalten.
  • Banken sollten in Betracht ziehen, die Genehmigung des Aufsichtsrats oder ähnlicher Gremien einzuholen, da dies die persönliche Haftung (und damit das Rechtsrisiko) der Vorstandsmitglieder zu einem gewissen Grad mindern kann.
  • Banken sollten den Prozess transparent kommunizieren. Proaktive Kommunikation mit allen relevanten Stakeholdern (einschließlich, aber nicht ausschließlich ihrer Kunden), kann das Reputationsrisiko verringern; und
  • ausreichende Ressourcen (finanziell und mitarbeiterbezogen) sollten zur Verfügung gestellt werden, um die sich aus den Zahlungsmoratorien (über das gesamte Spektrum der finanziellen und nicht-finanziellen Risiken) ergebenden Risiken zu bewältigen.

Zusammenfassend halten wir die Entwicklung eines maßgeschneiderten Ansatzes unter Einbeziehung aller beteiligten Stakeholder für notwendig, um die Covid-19-Zahlungsmoratorien zu meistern. Ein rein ad-hoc-gesteuerter Ansatz dürfte sich stattdessen nach der Krise als nachteilig erweisen, da so die nicht-finanziellen Risiken deutlich erhöht werden.

Für weitere Informationen zu diesem Thema wenden Sie sich bitte an Prof. Dr. Thomas Kaiser.

Weitere Informationen zu Covid-19 sind auch auf der Seite des KPMG ECB Office verfügbar.