Schwarzer Hintergrund mit Wellen

Jetzt neue Anforderungen an Mobilität antizipieren

  • Bernd Oppold, Partner |

Keyfacts

  • Automotive Financial Services sollten neben der kurzfristigen Krisenbewältigung jetzt untersuchen, welche Chancen die aktuelle Krise bietet: u. a. die Einführung neuer Mobilitätsservices und eine Umgestaltung bestehender Beziehungen (insbesondere die Rolle der Händler).

  • Die Post-Corona-Mobilität wird anders aussehen: Eine frühzeitige Antizipation der neuen Mobilitätsanforderungen und der Aufbau notwendiger Kompetenzen verschaffen strategische „First mover“-Vorteile.

  • Flotten entwickeln sich zur Basis für die persönliche Mobilität der Zukunft.

Auch für Automotive Financial Services liegt die oberste Priorität zurzeit darin, die durch Covid-19 bedingte Krise und ihre Auswirkungen zu managen. Der Fokus liegt hierbei neben der Sicherung der Geschäftsaktivitäten darauf, die Vertriebsaktivitäten für die Post-Shutdown-Phase anzukurbeln. Die ersten Wochen nach der schrittweisen Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zeigen, dass die Konsumenten zurückhaltender agieren und der Vertrieb nur langsam wieder an Fahrt gewinnt. Ein Blick nach China gibt aber Grund zur Hoffnung. 

Aus diesem Grund gilt es jetzt, neue Produkte und Services zu entwickeln. Kundenbedürfnisse und -anforderungen verändern sich aufgrund der unsicheren Zukunft: Auf der einen Seite existieren wirtschaftliche Verlustängste durch die drohende Rezession sowie die Sorge vor einer möglichen zweiten Pandemie-Welle, auf der anderen Seite ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Gesundheit gestiegen.

Für Unternehmen, die Mut zu einer schnellen Reaktion auf die veränderten Rahmenbedingungen haben, bieten sich neben der Krisenbewältigung deshalb auch Chancen. So können Veränderungen im Unternehmen umgesetzt werden, die früher undenkbar gewesen sind. Denn eins gilt auch während und nach der Krise: Wer den Kunden und seine Bedürfnisse versteht und hierauf schnell und flexibel reagieren kann, wird langfristig und nachhaltig im Markt bestehen. Ein Ausbau der Kundenschnittstelle und eine weitere Digitalisierung der Kundeninteraktion sowie der Ausbau des Direktvertriebs sind daher unerlässlich.

Unmittelbare Chancen nutzen

Unternehmen mit starken Bilanzen und einer soliden GuV sollten jetzt Wachstumsmöglichkeiten ergreifen und neue Produkte und Services anbieten. Zusätzlich können Automotive Financial Services die Chance nutzen, Beziehungen zu bestehenden Geschäftspartnern umzugestalten.

Insbesondere das bestehende Händlernetz ist derzeit anfällig. Die Gründe dafür sind der potenzielle Trend zu Homeworking, Unsicherheiten im Markt aufgrund der CO2-Diskussionen und damit die mögliche Verbannung von Verbrennungsmotoren aus Städten, geringe Margen sowie ein Trend zu digitalem Kauf und Konsum. Dadurch wird eine Neujustierung der Zusammenarbeit zwischen Captive, Händler und OEM möglich: der Wandel von einem händlerfokussierten Verkaufskanal hin zu einem online-/mobil-orientierten Verkaufskanal, der von physischen Kundenstationen für Service und Kundenerlebnisse unterstützt wird  - beispielsweise Show Rooms, in denen Kundinnen und Kunden das Produkt vor Ort testen können. Zusätzlich wird dem Händlernetzwerk mit seinen Werkstätten weiterhin eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung von flächendeckenden Service- und Wartungsdienstleistungen zukommen.

Zeiten von verringerter Geschäftsaktivität können auch genutzt werden, um interne Prozesse zu verbessern, neue KPIs, Software-Updates einzuführen oder Effizienzsteigerungen anzugehen oder sogar Restrukturierungen vorzunehmen. Auch die Notwendigkeit, die IT-Architektur weiter zu verbessern und die digitalen Fähigkeiten auszubauen, ist für die meisten Unternehmen offensichtlich geworden. 

Neue Mobilitätsanforderungen antizipieren

Längerfristig wird die Post-Corona-Mobilität anders aussehen als unser Mobilitätsverhalten vor der Krise. Insbesondere das erhöhte Bedürfnis nach Sicherheit und Gesundheit wird nachhaltig die Kundenbedürfnisse verändern und dazu führen, dass der öffentliche Nahverkehr weniger stark genutzt wird. „Mobility as a Service“ (MaaS) wird kurzfristig als risikoreicher im Vergleich zur privaten Pkw-Nutzung angesehen werden.

Ein vermehrtes Arbeiten von Zuhause und reduzierte Pendelstrecken machen den eigenen Pkw aber mittel- bis langfristig für bestimmte Bevölkerungsschichten wirtschaftlich unattraktiver. Zusätzliche Unsicherheiten für viele Konsumenten wie Kurzarbeit, Jobverlust, etc. fördern den Bedarf nach flexiblen und kostengünstigen „Car as a Service“-Angeboten (CaaS) ohne langfristige Verpflichtungen für den Kunden. Solche CaaS-Konzepte können z. B. Kurzzeitleasing (Neu- oder Gebrauchtwagen), Angebote von 2./3.-Leasing-Zyklen oder Auto-Abos darstellen. Neue Angebote mit einem Fokus auf Gebrauchtwagen-Leasing (2./3.-Leasing-Zyklus) und Auto-Abos spielen die Restwertkurve aus, können so den Lifetime-Value des Assets steigern und reagieren gleichzeitig auf die veränderten Kundenbedürfnisse.

Es ist zwingend erforderlich, die neuen Mobilitätsanforderungen frühzeitig zu antizipieren und damit einhergehend die notwendigen Kompetenzen (IT-Infrastruktur, Data & Analytics, Assetmanagement etc.) aufzubauen. Die traditionellen und inflexiblen Mobilitätslösungen der Vergangenheit  - eigener Besitz des Fahrzeugs sowie ÖPNV  - werden zunehmend durch neue Mobilitätslösungen ergänzt. Fahrzeugflotten und deren Betrieb nehmen im Rahmen dieser Entwicklung eine immer wichtigere Rolle ein und werden durch die Bereitstellung von persönlicher Mobilität zum Erfolgsfaktor. Neue Mobilitätsmodelle wie Carsharing und Auto-Abos basieren auf der Fähigkeit, eine große Fahrzeugflotte zu managen. Konzerne mit Captive- und Flottenmanagement-Gesellschaften haben bereits hier im Vergleich zum Wettbewerb einen strategischen Vorteil. Diesen gilt es jetzt auszuspielen, um sich für die Mobilität der Zukunft aufzustellen. 

Fazit

Die aktuelle Krise beschleunigt den Wandel in der Mobilität und wird den Mobilitätsmarkt sowie Automotive Financial Services tiefgreifend verändern und erfordert somit Anpassungen an der Geschäftsstrategie, bietet aber gleichzeitig auch neue Chancen: Wachstum durch Aktivität in zurzeit noch schwachen Märkten, Neudefinition der Rollen zwischen Captive, Händler und OEM und den Aufbau neuer Geschäftsmodelle mit einem stärkeren Fokus auf den Kunden inkl. Ausbau des Direktvertriebes. Eine frühzeitige Antizipation der neuen Mobilitätsanforderungen (u. a. MaaS und CaaS) und der damit einhergehende Aufbau von notwendigen Kompetenzen insbesondere im Flottenmanagement bieten die Chance, langfristig gestärkt aus der Krise zu kommen.