Roter Bulle und gelbes Schwein aus Papier

Covid-19 und das Bankwesen

Covid-19 und das Bankwesen

Covid-19 und das Bankwesen

Dr. Matthias Mayer | Partner,

Keyfacts

  • Europas Banken haben ihren Geschäftsbetrieb erfolgreich in virtuelle Strukturen verlagert und ihre Veränderungsbereitschaft bewiesen.

  • Neben der aktuellen Krisenbewältigung stellen die zukünftigen Ertragsausfälle die wohl größte Herausforderung für die Branche dar.

  • Zukünftig sollten die prozyklischen Effekte in der Bilanzierung und den Kapitalanforderungen besser verstanden und bewertet werden.

  • Die aktuelle Krise bietet die Chance, die Automatisierung und Digitalisierung in der Branche nachhaltig voranzutreiben.

Herr Mayer, vielen Finanzinstituten steckt noch die letzte Finanzkrise in den Knochen. Nun fordert Covid-19 die Branche heraus. Wie steht es um Deutschlands Banken?

Als Rückgrat und Hauptfinancier der deutschen Wirtschaft ist die Finanzbranche von der Corona-Pandemie umfassend betroffen. Denn: Bankergebnisse sind ein Spiegel der realwirtschaftlichen Entwicklung und die mit der Pandemie einhergehende Rezession ist nach Meinung vieler Ökonomen in ihrer Schwere vergleichbar mit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Sie wird vermutlich die Finanzkrise von 2008 übertreffen. 

Als die Krise begann, zeigte sich dies vor allem risikoseitig, zunächst in der Liquidität. Viele Unternehmen nutzten ihre Liquiditätslinien bei den Banken, auch wenn das Geld dann oft wieder bei Banken eingelegt wurde. 

Danach wurde schnell klar, dass sich die Kreditrisiken verstärken, ein Effekt, der bis ins Jahr 2021 oder sogar darüber hinaus spürbar sein wird.  Dies zeigt sich dann unmittelbar in der Bilanz, bei der Gewinn- und Verlustrechnung und dem Kapital, denn die Impairment-Regeln des IFRS 9, die Bewertungsabschläge und das risikoorientierte aufsichtliche Regime, wirken durch ihren prozyklischen Charakter unmittelbar.

Im Fortgang der aktuellen Krise rücken nun die Ertragsthemen in den Fokus. Im positiven wirtschaftlichen Umfeld der letzten Jahre wurden vielfach Wertberichtigungen aufgelöst; nun müssen neue gebildet werden. Das Geschäft leidet darunter, dass profitable Kunden teilweise in der aktuellen Situation die Gelegenheit staatlich geförderter Kredite nutzen. Auch die Diskussion um öffentliche und private Moratorien wird genau verfolgt. Und natürlich herrscht bei Investitionen aufgrund der allgemeinen ökonomischen Situation insgesamt eine ausgeprägte Zurückhaltung. 

Profitieren können die Banken zurzeit immerhin von der negativ verzinsten Refinanzierung durch die EZB im Rahmen der sogenannten „Targeted longer-term refinancing operations“ (TLTROs) oder des „Pandemic Emergency Purchase Programme“ (PEPP).

Wie haben die Banken auf die sich abzeichnende Krise reagiert?

Viele Finanzinstitute haben schnell und erfolgreich ihren Geschäftsbetrieb auf digital umgestellt. Hierbei hat geholfen, dass bereits in den letzten Jahren digitale Abläufe geschaffen wurden. Die jetzige Pandemie ist in gewisser Weise ein Härtetest, ob die Prozesse stabil laufen, was sie bislang tun. Insbesondere der aktuell stark erhöhte Arbeitsanfall im Zusammenhang mit den Finanzierungsbedürfnissen der Realwirtschaft wird erfolgreich von der Branche bewältigt. 

Viele Banken nutzen die Lage jetzt zur aktiven Kundenansprache, um zu zeigen, dass man in schwierigen Zeiten für die Kunden da ist. Für die eigene Unternehmenssteuerung und Planung entwickeln die Banken eine Vielzahl von Szenarien, die makroökonomische sowie Instituts-spezifische Effekte berücksichtigen.

Herausfordernd ist weiterhin das aufwendige Management der regulatorischen Anforderungen und die Vielzahl der Rückfragen der Aufsicht. 

Können Kreditinstitute ihre eigene Situation aktiv beeinflussen?

Viele Häuser haben sich seit 12 Jahren mit vielen Maßnahmen auf die nächste Finanzkrise vorbereitet. Auch die regulatorischen Vorgaben sind strikter und konservativer. Das hat für eine stabilere Kapitalbasis und mehr Liquidität bei den Banken gesorgt, was sich in der aktuellen Situation bewährt. 

Jetzt aber haben wir eine Krise, die alle Bereiche der Gesellschaft und deren Funktionieren umfassend betrifft. Auch wenn die Banken aufgrund der Lehren aus der letzten Finanzkrise nicht schlecht vorbereitet waren, sind die Herausforderungen nun komplett andere. Neue Themen stehen im Fokus, wie z.B. Operational Resilience, die aktuell so wichtige Widerstandsfähigkeit der Betriebsstrukturen. 

Auch klassische Themenfelder wie ein aktives Risiko- und Kapitalmanagement, vor allem im Kreditbereich, sind weiterhin von sehr hoher Bedeutung. Zudem sollten Finanzinstitute jetzt verstärkt eine umfassende Transparenz über ihre (zukünftigen) Erträge anstreben. Dies kann z.B. durch Szenarien geschehen, aus denen zudem Effizienzmaßnahmen abgeleitet werden können.

Wichtig ist und bleibt natürlich ein aktives Investorenmanagement. Selbst wenn die Aufsicht die Anforderungen senkt, was sie rasch getan hat  - Investoren nehmen verschlechterte Kennzahlen immer negativ auf.

Denken Sie, dass die Krise die Bankenbranche nachhaltig verändern wird?

Der bereits seit Jahren zunehmende Ertragsdruck wird weiter steigen. Allein deshalb werden sich Geschäftsmodelle und -prozesse nachhaltig ändern müssen.

Die aktuelle durch Covid-19 bedingte Krise zeigt die Potenziale der Digitalisierung für die Umgestaltung von innerbetrieblichen Abläufen genauso wie für die Kundenansprache auf. Eine Abhängigkeit von physischer Lokalität ist nicht mehr gegeben. Dies und die Effizienzanforderungen werden die Automatisierung sämtlicher Prozesse zur wichtigsten Aufgabe des Infrastrukturmanagements bei Banken machen. Damit verändern sich auch Zusammenarbeitsmodelle und die Anforderungen an die Mitarbeiter. Der Bedarf an Innovationskraft, Intrapreneurship, Datenaffinität, Systemkompetenz und Flexibilität wird weiter steigen und kann sehr gut remote bedient werden. Das klassische Büro-Arbeitsmodel wird wohl abnehmen; das gilt vermutlich für viele Bereiche der Wirtschaft.

Durch die zunehmende Automatisierung werden auch Outsourcing-Modelle in ferne Länder an Attraktivität einbüßen, eine Entwicklung, die sich bereits in den letzten Jahren abzeichnete. Zudem: Viele dieser Länder können aufgrund einer oft anfälligen Infrastruktur insbesondere in Krisenzeiten für die eigenen Unternehmensabläufe problematisch werden. Das haben wir in dieser Krise und den Lockdowns sofort gesehen. 

Auch die Effekte der Prozyklizität müssen zukünftig stärker berücksichtigt werden  - von den Banken selbst, den Investoren aber auch von den Regelgebern, der Aufsicht. Desweiten werden Resilience-Themen an Bedeutung gewinnen. Andere Themen werden bleiben: Nachhaltigkeit zum Beispiel wird ein Top-Thema sein.

Gibt es positive Entwicklungen, die sich in der Pandemie ergeben haben?

In der aktuellen Krise können Banken beweisen, wie sie die Gesellschaft unterstützen und ihr immer noch angegriffenes Image aus der Finanzkrise von 2008 verbessern. Viele Häuser zeigen ja auch echtes gesellschaftliches Engagement. Banken sind Teil der Lösung  - und nicht Teil des Problems. Das sollten sie deutlich machen.

Positiv zu sehen ist sicherlich auch die Wandlungsfähigkeit der Branche. Die schnelle Herstellung der Remotefähigkeit, der Nachweis der Digitalisier- und Automatisierbarkeit der Abläufe oder die effiziente Organisation der hohen Aufwände aus der gestiegenen Finanzierungsnachfrage zeigen, dass die Branche sich schneller und umfassender auf Herausforderungen einstellen kann, als mancher es ihr zugetraut hatte.

Hinzu kommt ein verbessertes Kapital- und Liquiditätsmanagement, welches bislang größere Verwerfungen erfolgreich verhindert hat.

Was stimmt Sie hoffnungsvoll?

In der umfassenden Automatisierungsbereitschaft und auch -fähigkeit liegt eine Riesenchance für die Zukunft, denn damit werden relevante interne Ressourcen frei  - für wichtige innovative, digitale und analytische Aufgaben zur Modernisierung der Geschäftsmodelle der Banken. Das kann den Standort Deutschland und ganz Europa längerfristig stärken.

Gerade in Deutschland, das bislang die Krise im weltweiten Vergleich recht gut gemeistert hat, und wo deshalb die Hoffnung auf einen geringeren Einbruch der Wirtschaft besteht, bieten sich gute Chancen für Finanzinstitute. Denn schließlich ist das Bankgeschäft essenziell für Wachstum und den Wirtschaftsaufbau nach der Krise. 

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