Reagenzflaschen

Covid-19 und die Life-Sciences- & Chemicals-Branche

  • Thomas Hillek, Partner |

Keyfacts

  • Unser Head of Life Sciences & Chemicals, Thomas Hillek, beschreibt im Interview die Lage von Pharma-, Biotechnologie- und Chemieunternehmen sowie den Medizingeräteherstellern.

  • Konsequenzen: Nach Pharmaprodukten sowie Notfallmedizingeräten ist die Nachfrage enorm gestiegen, nach Chemieprodukten für Automobil- sowie Flugzeugindustrie beträchtlich gesunken.

  • Maßnahmen: Je nach Lage: Kapazitätspotenziale heben oder Liquidität sichern.

  • Ausblick: Der Digitalisierungsschub sowie der Änderungsdruck in der Wertschöpfungskette kommen den deutschen Unternehmen sehr entgegen.

Herr Hillek, alle Konzentration gilt dem Kampf gegen das Coronavirus. Daran sind aber natürlich nicht alle Unternehmen der Life-Sciences- & Chemicals-Branche beteiligt. Vor welchen Herausforderungen steht dabei die eine wie die andere Seite?

Momentan haben wir eine sehr unterschiedliche Lage, auch innerhalb der Marktsegmente. Pharmaunternehmen, die Originalpräparate, Generika und Over-the-Counter-Produkte herstellen, verzeichneten in den vergangenen drei, vier Monaten einen erhöhten Bedarf. Grund ist die kurzfristig starke Nachfrage sowie die Bevorratung in Krankenhäusern, Altenheimen und Apotheken.

Medizingerätehersteller, deren Produkte im Zuge von Covid-19 benötigt werden, haben ebenfalls Sonderkonjunktur. Ihr Problem liegt eher in Kapazitätsengpässen, Personalmangel und Genehmigungen für Sonn- und Feiertagsarbeit.

Biotechnologie-Unternehmen bekommen gerade besondere Aufmerksamkeit, wenn sie an Covid-19-Impfstoffen forschen. Für sie geht es darum, die bereitgestellten Mittel sowie Fördergelder von Weltgesundheitsorganisation und Stiftungen zu erhalten und erfolgreich zu managen. Zudem intensivieren sie die Zusammenarbeit mit den großen Pharmakonzernen in Forschungsallianzen zur schnellen Wirkstofffindung. Biotechs, die in anderen Bereichen tätig sind, leiden allerdings momentan unter dem Rückzug von US-Investoren und haben unter anderem die Herausforderung, ihre Anschlussfinanzierung zu sichern.

Im Chemiebereich kommt es darauf an, für wen man produziert. Wer hauptsätzlich die Auto- und Flugzeugindustrie zu seinen Kunden zählt, setzt erheblich weniger um. Hier geht es nun vor allem darum, die Kosten zu reduzieren und die Liquidität zu sichern. Wer hingegen unter anderem auf Nahrungsmittel und Landwirtschaft spezialisiert ist, profitiert von der stark erhöhten Lebensmittelnachfrage sowie von der startenden Landwirtschaftssituation.

Welche Maßnahmen ergreifen die jeweiligen Unternehmen?

Bei allen ist das oberste Ziel, die Gesundheit und Sicherheit der Belegschaft zu wahren. Im Bereich Verwaltung und Vertrieb haben nahezu alle auf Homeworking umgestellt. In Forschung und Produktion wird alles dafür getan, die Belegschaft zu schützen, so dass niemand erkrankt.

Für die außergewöhnliche Situation, in der wir uns gerade befinden, sind gerade die großen, weltweiten Pharmahersteller gut aufgestellt. Diese sind ausgesprochen systemrelevant, aber auch anfällig für Liefer- und Produktionsschwierigkeiten. Die Großunternehmen der Branche haben über die Jahre ein ausgeklügeltes Krisenmanagement aufgesetzt. Dieses kann unter anderem folgende Kernfragen beinhalten: Wie stelle ich die Versorgungssicherheit her? Welche Ersatzstoffe gibt es? Wie finde ich Alternativen im Fall von Handelsrestriktionen? Auf welche Transportmittel kann ich ausweichen, wenn wie jetzt kaum Flugzeuge eilige Waren transportieren?

Dabei nutzen sie ein Vier-Phasen-Modell, auch 4R genannt, um mit den einzelnen Phasen der Krise besser umgehen zu können:

  • Durch die erste Phase „React“ sind die meisten Pharmaunternehmen mittlerweile durch. In der werden durch operative Maßnahmen kurzfristige Lieferantenausfälle und Produktion gesteuert.
  • Jetzt befinden sich viele Pharmaunternehmen in der Phase der Resilienz. Durch ihre Krisenszenarien bereiten sich große Pharma- und auch Chemieunternehmen auf dramatische Vorfälle, in denen Belegschaft oder wichtige Lieferanten ausfallen, vor. Sie erarbeiten Alternativpläne, die im Bedarfsfall aktiviert werden.
  • In der Regenerationsphase wird der Betrieb wieder hochgefahren. Angebotsmaßnahmen werden mit strukturellen Kostensenkungsmaßnahmen kombiniert.
  • Die letzte Phase ist die neue Realität, an die es sich anzupassen gilt. Dabei spielen radikale Digitalisierung und der Umbau von Geschäftsmodellen eine bedeutende Rolle.  

Von diesem Modell können Mittelstand und andere Branchen, natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sehr gut lernen.

Insgesamt hat der Pharma-Bereich allerdings in dieser Krise den Vorteil der „systemrelevanten“ Produkte und Dienstleistungen. In der Chemie sieht das wie gesagt schon anders aus. Da ist Kurzarbeit ein Thema. Insbesondere in der Spezialchemie mit der durch die Krise betroffenen Abnehmergruppen wird die Liquidität gesichert, Kreditlinien werden angepasst, Kosten gesenkt. Teilweise müssen massiv Kapazitäten reduziert werden. Die Unternehmen versuchen sich, soweit möglich, auch auf andere Abnehmerbereiche und Wachstumsbereich zu verlagern, die es momentan auch gibt. 

Bei Medizingeräteherstellern sind die Maßnahmen je nach Nachfrageentwicklung sehr unterschiedlich. Die einen versuchen dringend Personal aufzubauen, die anderen sind dabei ihren Cash-out zu minimieren.

Was verändert die Corona-Krise auf längere Sicht?

Im Pharmabereich zählt eine verstärkte Digitalisierung zu den neuen Gegebenheiten, insbesondere im Marketing und Vertrieb. Ärzte wollen in der aktuellen Lage möglichst wenig Kontakt zu anderen Personen. Darauf müssen sich die Pharmareferenten plötzlich einstellen. Dieser Digitalisierungsdruck und -schub wird bleiben. Gerade die Pharma- und Chemieunternehmen waren da bisher sehr konservativ aufgrund ihrer eingespielten und erfolgreichen Geschäftsmodelle. Sie stellen nun fest, dass es nicht anders geht, als digital mit Geschäftspartnern und innerhalb der Firma zu interagieren.

Die durch die Krise beschleunigte Digitalisierung wird neue Geschäftsmodelle entstehen lassen und beispielsweise das Direktmarketing stärken – teilweise zu Lasten der Zwischenhändler. Zugleich wird sich die geopolitische Landschaft und die Regulatorik verändern, was die Wertschöpfungsstrukturen beeinflusst. Die Produktions- und Beschaffungsstrukturen werden regionaler, um die Versorgungssicherheit zu steigern. Nachhaltigkeit im Sinne von Klimaschutz, Biodiversität und Gesundheit wird an Bedeutung gewinnen, auch getrieben durch Investoren, die darauf zunehmend Wert legen.

Kurzfristige Maßnahmen für Life Sciences
Mittelfristige Maßnahmen für Life Sciences
Langfristige Maßnahmen für Life Sciences

So düster ist das Bild in Ihrer Branche nicht. Aber was macht Ihnen besonders Hoffnung in dieser Krise?

Nach meiner Beobachtung sind Belegschaften wie auch unsere Gesellschaft insgesamt stark zusammengewachsen. Ich sehe eine hohe Solidarität. Zudem ist bemerkenswert, wie global und zügig zusammengearbeitet wird, um einen Impfstoff zu entwickeln. Das umfasst auch die Behörden, die mit ungeahnter Flexibilität ihren Teil dazu beitragen. Da sieht man, welche Vorteile die Globalisierung hat. Normalerweise dauert die Impfstoffentwicklung drei bis fünf Jahre. Das wird jetzt deutlich schneller gehen.

Für Deutschland bin ich sehr optimistisch, sowohl was den Umgang mit dem Virus selbst betrifft als auch mit Blick auf den Wirtschaftsstandort. Wir haben die erste Welle gut überstanden. Dies gibt mir gute Hoffnung, dass wir auch für eine eventuelle zweite und dritte Welle gut aufgestellt sind. Durch den Digitalisierungsschub sowie den Änderungsdruck in der Supply Chain und durch die geopolitischen Veränderungen wird die Branche Life Sciences & Chemicals in Deutschland deutlich gestärkt aus der Krise kommen, da bin ich mir sicher.