Frau am Rechner

Steuerliche Pflichten in der Corona-Krise

Steuerliche Pflichten in der Corona-Krise

Steuerliche Pflichten in der Corona-Krise

Dr. Jens Berberich | Partner,

Keyfacts

  • Die kurzfristigen steuerlichen Maßnahmen zur Milderung der Auswirkungen der Corona-Krise sind gut und sinnvoll

  • Gleichwohl sollten betroffene Unternehmen prüfen, inwieweit sich eine dauerhafte Entlastung erreichen oder sichern lässt

  • Da steuerliche Pflichten in Krisen nicht grundsätzlich ausgesetzt sind, kommt der Digitalisierung der Steuerfunktion eine entscheidende Bedeutung für die nachhaltige Ausübung dieser Aufgabe im Unternehmen zu

Ausgangslage

Die Corona-Krise hat die Welt im Griff. Auf Basis der Einschätzungen von Ärzten und Virologen hat die Politik beherzt gehandelt und in bislang ungekannter Weise zahlreiche tiefgreifende Eingriffe in Grundfreiheiten der Bürger angeordnet. Wenngleich ein jeder von uns seine Freiheiten lieb gewonnen hat, dürfte in der Bevölkerung überwiegend Verständnis dafür herrschen, dass die volkswirtschaftliche Entwicklung zu Gunsten der Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung und zum Schutz der Allgemeinheit und des Einzelnen vor gesundheitlichen Schäden zeitweise zurücktreten muss. Wirtschaftliche Schäden werden in Kauf genommen, um Schäden an höherrangigen Gütern zu reduzieren bzw. zu vermeiden. 

So nachvollziehbar dies im Allgemeinen auch ist, so unterschiedlich betroffen sind Unternehmen, Arbeitnehmer und Selbstständige von den Maßnahmen. Wenn die betriebliche Leistungserbringung von heute auf morgen stoppt, Mieten, Personalkosten, Finanzierungszinsen und sonstige Kosten (zu diesen gehören auch die Steuerzahlungen) aber ungebremst weiterlaufen, ist die Liquiditätskrise vorprogrammiert.

Steuerliche Sofortmaßnahmen

Dies haben der Bund und die Länder erkannt, und u. a. zahlreiche liquiditätsfördernde Sofortmaßnahmen auf dem Gebiet der Steuern auf den Weg gebracht. So können nachweislich und nicht unerheblich unmittelbar betroffene Steuerpflichtige bis zum 31. Dezember 2020 unter Darlegung ihrer Verhältnisse Anträge auf Stundung der bis zu diesem Zeitpunkt fälligen oder fällig werdenden Steuern sowie Anträge auf Anpassung der Vorauszahlungen auf die Einkommen-, Körperschaft- und Gewerbesteuer stellen. Das ist als solches keine Innovation, allerdings sind bei der Stundung Erleichterungen auf Tatbestands- und auch Rechtsfolgenseite vorgesehen; insbesondere sollen Stundungen idR zinslos erfolgen. Freilich müssen die Voraussetzungen einer Stundung oder eines Antrags auf Herabsetzung von Vorauszahlungen tatsächlich vorliegen, wenn auch (zunächst) erleichterte Nachweise ausreichen mögen, sonst droht steuerstraf- oder ordnungswidrigkeiten-rechtliches Unheil.

Über Stundung und Herabsetzung der Vorauszahlung hinaus sind weitere Sofortmaßnahmen angedacht, wie etwa die Möglichkeit einer steuer- und sozialversicherungsfreien Zahlung von bis zu EUR 1.500 zusätzlich zum ohnehin geschuldeten Arbeitslohn als Geld- oder Sachleistung anlässlich der Krise.

Von der kurzfristigen Liquiditätsspritze zur nachhaltigen Entlastung

Die entlastende Wirkung dieser Sofortmaßnahmen kann allerdings nur konserviert werden, wenn sie nicht durch Steuerzahlungen für Altjahre aufgezehrt wird. Vielfach sind die Steuererklärungen 2018 erst kürzlich abgegeben worden, oder dies steht Corona-bedingt noch bevor. Bei nicht wenigen Steuerpflichtigen ist dabei festzustellen, dass es sich bei 2018 um ein ertragsstarkes Jahr gehandelt hat, welches oft Steuernachzahlungen und grundsätzlich die Festsetzung von entsprechend angepassten Vorauszahlungen für 2019 zur Folge hat. 

Es liegt daher nahe, die Erstellung der Steuererklärungen 2019 zeitnah anzugehen, aber hier wird vielfach zu berücksichtigen sein, dass auch das Jahr 2019 von der Corona-Krise noch weitgehend unbelastet ist. Zunächst kommt im Rahmen der Erstellung der Steuererklärung 2019 den gesetzlichen Bilanzierungswahlrechten und der legalen Bilanzpolitik, z. B. bei der Vorratsbewertung und bei den unfertigen Erzeugnissen, besondere Bedeutung zu. Ein (nur einkommen- bzw. körperschaftsteuerlich möglicher) Verlustrücktrag aus 2020 nach 2019 setzt nämlich dessen Ermittlung, die Abgabe der Steuererklärungen für 2020 sowie die Steuerveranlagung 2020 durch die Finanzverwaltung voraus, was schon technisch frühestens Mitte des Jahres 2021 möglich sein dürfte. Damit schafft es frühere Entlastung, Vorräte und unfertige Erzeugnisse zum 31.12.2019 an der Bewertungsuntergrenze zu bilanzieren, anstatt vielleicht die üblichen Konzernstandards anzuwenden, die zu höheren Gewinnen in 2019 und höheren Verlusten in 2020 führen, auch wenn die Abweichung manuelle Eingriffe und Zusatzarbeit bedeutet.

Verbleibt auch nach diesen Überlegungen eine Steuerzahllast für 2019, bleibt nur die Möglichkeit, die Abgabe der Steuererklärung 2019 im Rahmen des Zulässigen aufzuschieben, bis wenigstens die Steuerlast für 2020 berechnet und ggf. wegen zu erwartender Verlustrückträge eine teilweise Stundung für 2019 beantragt werden kann.

Auch und gerade in der Corona-Krise ist es wichtig, die Verlustverrechnung im Konzern sicherzustellen. Im diversifizierten Konzern können mache Bereiche von der Krise mehr, andere weniger betroffen sein; wenn dann Gewinne und Verluste nicht verrechnet werden können, sondern auf die Gewinne „stand alone“ Steuern zu zahlen sind, erhöht das die Liquiditätsbelastung im Konzern und die Konzernsteuerquote.

Flankierende Aufgabe: Vorantreiben der Digitalisierung der Steuerfunktion

Darüber hinaus hat die Corona-Krise alle Prozesse in den Unternehmen inclusive der Steuerprozesse einem unfreiwilligen Stresstest ausgesetzt. Dieser trifft die Unternehmen unterschiedlich gut vorbereitet. Steuerliche Pflichten sind im Grundsatz auch dann zu erfüllen, wenn die Erfüllung durch Krankheiten oder Ausfälle erschwert ist. Hierfür ist organisatorische Vorsorge zu treffen. 

Dies betrifft einerseits die Personalausstattung der Steuerabteilung („make“) oder den Grad der Einschaltung eines externen Beraters („buy“), aber auch die Schaffung von Voraussetzungen, dezentralen Zugriff auf steuerlich relevante Unterlagen und Daten zu ermöglichen. Liegen diese nur in Papierform im Büro vor, ist eine Bearbeitung im Homeoffice nicht möglich. Eine saubere und ordentliche Dokumentation der Steuerprozesse sorgt dafür, dass jeder weiß, was wann zu tun ist. Gut, wenn man bereits vor der Krise in effiziente und digitale Prozesse, auch und gerade in der Steuerabteilung, investiert hat.