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Covid-19 und die Private-Equity-Branche

Covid-19 und die Private-Equity-Branche

Covid-19 und die Private-Equity-Branche

Tilman Ost | Partner,

Keyfacts

  • Unser Head of Private Equity, Tilman Ost, beschreibt im Interview, wie Private-Equity-Häuser optimistisch versuchen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen.

  • Konsequenzen: Private-Equity-Häuser sind je nach Industriezugehörigkeit ihrer Portfoliounternehmen unterschiedlich schwer von den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie getroffen.

  • Maßnahmen: Aktives Portfolio-Management ist das Gebot der Stunde.

  • Ausblick: Gerade aus der Krise heraus werden sich Private-Equity-Häuser verstärkt als verlässlicher Partner für Unternehmen jeder Form und Größe beweisen – sei es mit kreativen Finanzierungslösungen oder ihrer operativen Expertise. Hierbei bieten sich wiederum vielversprechende Investitionsmöglichkeiten für Private-Equity-Häuser.

Herr Ost, das Coronavirus beeinflusst fast alle Sektoren, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Wie wirkt sich das auf die Private-Equity-Unternehmen aus?

Allgemein ist festzuhalten, dass über 500 Private-Equity-Häuser (PEs) in Deutschland über alle Sektoren hinweg investieren. Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind daher vielfältig.

Grundsätzlich sind PEs in allen drei Kerntätigkeiten betroffen:
1. Portfoliomanagement: Je nach Industrie leiden Portfoliounternehmen unterschiedlich stark unter den aktuellen Shutdowns.
2. Transaktionstätigkeit: Aufgrund der Unsicherheit im Markt wurde eine Vielzahl an Unternehmenstransaktionen abgebrochen oder aufgeschoben – dies setzt viele PEs vor dem Hintergrund des aktuellen Rekordniveaus an „dry powder“, also bereits zugesagtem, investierbarem Kapital, zunehmend unter Investitionsdruck.
3. Fundraising: Institutionelle Anleger agieren aktuell sehr vorsichtig – neue Kapitalzusagen für PEs werden kritisch geprüft und gegebenenfalls ausgesetzt.

Wie reagieren die Private-Equity-Unternehmen darauf? Wo liegt da der Fokus?

Ganz klar im Portfolio-Management. Nahezu jeder aus der Branche bestätigt mir aktuell, dass der Fokus vorrangig auf dem Krisenmanagement in den Beteiligungen liegt – PEs stellen sogar Mitarbeiter für einzelne Portfolio-Gesellschaften ab. Hierbei unterstützen wir unsere Mandanten intensiv. Dazu gehören insbesondere die Überwachung und Optimierung der Liquidität sowie die Beantragung von Staatshilfen wie Kurzarbeit, Steuerstundungen und staatliche Finanzierungsunterstützung. Frühzeitig Fördermittel in Anspruch zu nehmen, verschafft die notwendige Luft, um konstruktiv an nachhaltigen Lösungen zu arbeiten.

Nach dieser ersten Phase unter dem Motto „react & protect“ hat sich die Lage zuletzt stabilisiert. Nun geht es darum, vorauszudenken. Dabei werden Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten angepasst. Der „perfekte Sturm“, den wir gerade erleben, verdeutlicht die Schwächen. Daraus ziehen PEs ihre Konsequenzen und gehen zur Optimierung über.

Bei Transaktionen scheint die Schockstarre überwunden. Die Krise wird zunehmend als Chance begriffen, ergeben sich daraus doch durchaus zahlreiche Investitionsmöglichkeiten. Das ist umso vielversprechender, weil Unternehmensbewertungen sinken und Corporates als Mitbieter ausfallen. Doch müssen dafür die Finanzierungsmöglichkeiten, inklusive neuer Kapitalzusagen der Investoren, zurückkommen. Viele Private-Equity-Manager sind in engem Austausch mit ihren Investoren, denn der ein oder andere ist zuletzt ziemlich nervös geworden.

Werden wir also eher eine Zu- oder eine Abnahme der Private-Equity-Aktivitäten sehen?

PEs erweitern gerade ihre Liste an möglichen Zukäufen, die Transaktionspipeline. Die potenziellen Verkäufer passen aber natürlich nicht sofort ihre Preisvorstellungen an. Die sagen: Warum sollte mein Unternehmen aktuell weniger Wert sein, obwohl es zuvor noch kerngesund war und nur unter einem temporären, staatlich verordneten Shutdown leidet? Damit die Private-Equity-Transaktionen zunehmen, müssten erst die Bewertungsmultiples sinken, vereinfacht gesagt: die Preise. Unternehmen in großen Stresssituationen, die dringend Liquidität brauchen, werden da hingegen weniger zögerlich sein. Das sind dann gute Investitionsmöglichkeiten für PEs. Vermehrt wird dabei auf „loan-to-own“ gesetzt, also auf Kredite, die auch über Anteile beglichen werden können, wenn die Rückzahlung nicht möglich ist.

Zeichnen sich dabei strukturelle Veränderungen ab?

Ja, und zwar in vielerlei Hinsicht:

1. Das durch die Krise hervorgerufene aktive Portfoliomanagement wird beibehalten werden. PEs werden noch näher an ihre Portfolio-Gesellschaften rücken und aktiv versuchen, versteckte Potenziale zu heben sowie verstärkt operative Wertsteigerungsmaßnahmen zu ergreifen. Vor wenigen Jahren noch beschränkten sich PEs auf die Optimierung der Finanzierungsstrukturen. Die Eingriffe werden fortan umfangreicher. Beschaffung und Lieferketten werden dabei zu wesentlichen Themen. Wir werden eine Teilrückverlagerung der Wertschöpfungsketten nach Deutschland und Europa sehen, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren. Diesen Wandel werden PEs bei ihren Portfolien aktiv vorantreiben.

2. Die Due Diligence wird verschärft. Künftig werden PEs noch kritischer Szenarioanalysen (auf Basis von Big Data) anwenden, ehe sie Transaktionen durchführen. Und dabei werden sie auch die Nachhaltigkeit von Geschäftsmodellen noch stärker berücksichtigen.

3. Spezialisierung zahlt sich aus, weshalb die Sektor-Fokussierung und -Kompetenz innerhalb der Investment Teams zukünftig noch weiter zunehmen wird. Dadurch soll eine noch fundiertere Beurteilung des jeweiligen Geschäftsmodells sichergestellt werden.

4. Das Fundraising wird in Zukunft noch wettbewerbsintensiver. Institutionelle Investoren werden selektiver und für ihre künftigen Investments besonders auf die Performance der einzelnen PEs achten und auch „softe“ Investitionskriterien in ihre Entscheidungsfindung einfließen lassen. 

Kurzfristige Maßnahmen
Mittelfristige Maßnahmen
Langfristige Maßnahmen

Was macht Hoffnung?

Generell ist Private Equity eine sehr optimistische Branche, die nach vorne schaut und eher Chancen sucht. Zuversichtlich stimmt, dass viele die Stabilisierungsphase bereits überwunden haben und in eine Phase übergehen, in der sie aktives Portfolio Management betreiben und sich als verlässlicher Partner für Unternehmen beweisen – sei es als temporäre Alternative zur staatlichen Finanzierungshilfe, als Katalysator für die Realisierung operativer Wertschöpfungspotenziale nach der Krise (z.B. durch Digitalisierung) oder als potenzieller Käufer zukunftsträchtiger und nachhaltiger Geschäftsmodelle. Natürlich befinden wir uns weiterhin in einer Krise nie dagewesenen Ausmaßes, aber wir glauben schon, dass wir nach einer kurzen Phase des Innehaltens ein hohes Maß an PE-Aktivität im Markt beobachten werden. PEs sind Problemlöser und haben sich als Partner von Mittelstand und Großunternehmen in den vergangenen Jahren einen guten Ruf erarbeitet. Auf Basis dieses Vertrauens werden wir sehr viele kreative und bislang unbekannte Formen der Zusammenarbeit sehen.