Roboterarm greift nach etwas

Covid-19 und die Fertigungsindustrie

Covid-19 und die Fertigungsindustrie

Covid-19 und die Fertigungsindustrie

Angelika Huber-Straßer | Partner,

Keyfacts

  • Unser Bereichsvorstand Corporates beschreibt im Interview, wie sich das Coronavirus auf die Fertigungsindustrie auswirkt.

  • Konsequenzen: Wegen der ausbleibenden Nachfrage stehen viele Produktionen still. Die Branche ist stark von der Krise getroffen.

  • Maßnahmen: Die Unternehmen sollten vor allem offen und transparent mit allen Stakeholdern über die Folgen sprechen und gemeinsam Maßnahmen beschließen.

  • Ausblick: Die Krise könnte ein Katalysator für die Digitalisierung sein und bestimmte Projekte, etwa 3D-Druck, zügiger vorantreiben.

Frau Huber-Straßer, Deutschland ist eine Exportnation und die Wirtschaft abhängig von einer funktionierenden Fertigungsindustrie. Wie sehr trifft die Krise die Branche?

Massiv, fast alle Bereiche gleichermaßen und das auf allen Ebenen der Unternehmen. Vor allem konjunktursensible Branchensegmente sind betroffen, da die Nachfrage in den Industrienationen eingebrochen ist oder – wie in China – erst langsam wieder Fahrt aufnimmt. Eine Bezifferung der Auswirkungen ist noch nicht möglich und wird auch in Wellen zu spüren sein. Aktuell erleben wir die Folgen der chinesischen Maßnahmen, die Folgen des Shutdowns in Europa und den USA werden sich noch zeigen. Als Folge der weltweit ergriffenen Schutzmaßnahmen kommt es zudem zu Einschränkungen im Warenverkehr. Werkschließungen bei Zulieferern oder Verzögerungen im Logistikprozess bedeuten Lieferengpässe und Unterbrechungen der Lieferketten. Schon das Fehlen einzelner Teile oder Komponenten bedeuten den Stillstand der Produktion. Und wir sehen, dass Werkschließungen zu einem Nachfragerückgang führen, was ebenfalls zu Werkschließungen führt. Die Fertigungsindustrie betreibt ja kein Endkundengeschäft, sondern größtenteils B2B-Geschäft. Wenn einer dieser Kunden seine Fabrik schließt – etwa in China, ist die Produktion in Deutschland davon sofort betroffen. 

Wie gehen Unternehmen damit um?

Der Nachfragerückgang führt großflächig zu Werkschließungen. Aber nicht bei allen. Unternehmen, die etwa große Infrastrukturprojekte umsetzen, machen teilweise weiter. Die haben dafür andere Probleme. Zum Beispiel, dass die Mitarbeiter wegen Ausgangsbeschränkungen nicht mehr auf die Baustellen oder in die Fabrik können. 

Was können Unternehmen konkret tun, um auf die Corona-Krise zu reagieren.

Produktionsanpassungen und Werkstillegungen sind ein kurzfristiges Mittel. Das wird oft über Urlaubsabbau und Kurzarbeit finanziert. Unternehmen, die systemrelevant sind, müssen jetzt schnellstmöglich die Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter anpassen – also Schutzkleidung kaufen, für Sicherheitsabstände sorgen. Zu den ersten Sofortmaßnahmen gehört es, die Belegschaft, den Kundenstamm, Partner und Zulieferer zu informieren und zu unterstützen. Eine intensive Kommunikation mit allen Interessensgruppen sollte auch in den nächsten Monaten beibehalten werden. Und dies in beiden Richtungen – ein Austausch von Informationen ist äußerst wichtig. Ein weiterer wichtiger Aspekt sind Cyber-Security-Maßnahmen. Viele Mitarbeiter arbeiten im Homeoffice – deren Arbeitsplätze sollten vor Phishingmails und anderen Cyber-Attacken geschützt werden

Was ist mittelfristig wichtig?

Die Sicherstellung der Liquidität ist ganz wichtig, um den Anlauf wieder finanzieren zu können. Und auch hier ist die Kommunikation mit den Zulieferern von enormer Bedeutung. Wir stellen fest, dass Unternehmen dazu ihre Lieferanten überprüfen. Etwa, um festzustellen, wer Hilfe braucht. Diese Unterstützung halte ich für enorm wichtig, weil sie sich nach der Shutdown-Phase und mit dem Anlaufen der Produktion bezahlt macht. 

Was sind sinnvolle langfristige Maßnahmen?

Auch hier steht die Kommunikation an erster Stelle. Denn das Vertrauen, dass jetzt verloren geht, ist danach nur sehr schwer zurückzugewinnen. Das bedeutet, es geht jetzt darum, Vertrauen bei den Kunden aufzubauen, um sicherzustellen, dass auch langfristig die Kundenbindung besteht. Dafür ist offene und transparente Kommunikation das A und O. Dazu gehört es, die gegenseitigen Erwartungen zu kennen und zu besprechen, wie man sich gegenseitig unterstützen kann. Das ist für alle Phasen entscheidend.

Sollten Unternehmen jetzt den Mut haben, Schwächen zu zeigen oder lieber Stärke demonstrieren?

In meinen Augen hilft hier nur Transparenz. Wer beispielsweise trotz Zusage Zahlungsziele nicht einhalten kann, der verspielt Vertrauen bei seinen Kunden. Deswegen hilft nur die klare Kommunikation: meine Vorräte reichen noch fünf Monate, mein Geld acht. Dann gilt es gemeinsam mit den Unternehmen der Lieferkette Lösungen zu finden. 

Was glauben Sie, wie wird die Branche in einem Jahr aussehen?

Wer bereits vor der Corona-Krise investiert hat und nachhaltig aufgestellt war, wird überleben. Die Unternehmen, die bereits vor der Krise Probleme hatten, werden auch die Krise nicht überstehen. Wenn das Geschäftsmodell nicht stabil und zukunftsfähig war, wird es jetzt zerbrechen. Und die Lieferketten werden deutlich regionaler sein. 

Kurzfristige Maßnahmen
Mittelfristige Maßnahmen für den Immobilienbereich
Langfristige Maßnahmen

Was macht Hoffnung?

Mir fällt die Solidarität vieler Unternehmen auf. Ein deutsches Unternehmen hat in China etwa Atemmasken hergestellt und an Krankenhäuser geliefert. Viele Unternehmen unterstützen die öffentliche Hand und bieten ihre Hilfe an. Ein anderer Punkt: Die Krise ist ein Katalysator für die Digitalisierung, neue Entwicklungen und zukunftsfähige Geschäftsmodelle. Die 3D-Technologie und IoT sind zwei Dinge, die enorm profitieren. Ein weiteres Beispiel ist Virtual Reality – vielleicht können dank VR-Brillen bald Baustellen koordiniert oder Vertriebsaktivitäten aus dem Homeoffice betrieben werden. Solche Entwicklungen werden einen Aufschwung erleben. Ich denke, durch die Krise hat die Akzeptanz für digitale Lösungen zugenommen. Durch das vermehrte Arbeiten im Homeoffice und das Nutzen digitaler Angebote hat sich ein Stimmungswandel ergeben.