Glühbirne

Covid-19 und die Energiebranche

Covid-19 und die Energiebranche

Covid-19 und die Energiebranche

Michael Salcher | Partner,

Keyfacts

  • Unser Head of Energy Michael Salcher beschreibt im Interview, wie sich die Pandemie auf internationale Öl- und Gasunternehmen und deutsche Versorger auswirkt.

  • Konsequenzen: Es kommt zu finanziellen Einbußen, der Sektor bleibt dennoch stabil.

  • Maßnahmen: Das Management sollte Szenarien entwickeln, wie sich die Pandemie und das eigene Krisenmanagement auf die Unternehmensplanung auswirkt.

  • Ausblick: Langfristig könnte das Coronavirus die Energiewende verlangsamen.

Herr Salcher, große Teile der Bevölkerung arbeiten im Homeoffice, viele Wirtschaftszweige erleben signifikante Umsatzeinbrüche. Wie betrifft Covid-19 die Energiebranche?

Die Beurteilung ist differenziert vorzunehmen. Internationale Öl- und Gasunternehmen leiden unter dem gravierenden Ölpreisverfall. Durch eine nur geringe Anpassung der Fördermengen an die eingebrochene globale Nachfrage notieren die Preise seit Mitte März auf einem historisch niedrigen Niveau. Sollten sich die erdölexportierenden Länder auf eine weitere Reduzierung der Fördermengen einigen, kann zukünftig von wieder steigenden Erdölpreisen ausgegangen werden. Die internationale politische Gemengelage ist allerdings angespannt und die Interessen der Förderländer sind entsprechend unterschiedlich. Förderprojekte können auf dem aktuellen Ölpreisniveau nicht mehr profitabel betrieben werden. Ich erwarte eine deutliche Veränderung der Unternehmenslandkarte. Wenn die Entwicklung sich weiter so fortsetzt, wird der Niedergang der weltweit tätigen Ölunternehmen beispiellos. Seitens der Politik werden Hilfsprojekte gestartet, ich rechne jedoch international mit einer Konsolidierungswelle. 

Wie ist die aktuelle Situation für die deutsche Energiewirtschaft?

Die deutschen Versorger sind derzeit von der internationalen Entwicklung nicht unmittelbar betroffen, wenn man davon absieht, dass vor allem Auswirkungen auf Gaspreise möglich sind. Die rund 800 Versorger, die die Energiewirtschaft hierzulande prägen, erleben die Auswirkungen der derzeitigen Situation unterschiedlich. Einerseits ist der Strom- und Gasverbrauch der Privathaushalte durch den Shutdown und das flächendeckende Homeoffice deutlich gestiegen. Dieser Anstieg kann aber andererseits den Einbruch des Energiebedarfs von Unternehmenskunden, insbesondere des produzierenden Gewerbes, nicht kompensieren. Das wird vor allem bei größeren Versorgern und Stadtwerken, die Industriekonzerne versorgen, zu Umsatzrückgängen führen. 

Zusätzlich steigen finanzielle Risiken, da private Verbraucher und Kleinunternehmen in Not ihre Zahlungen für Strom und Gas über sogenannten Moratorien für drei Monate aussetzen können. Ein Grundabsatz der Branche bleibt jedoch erhalten, da viele Wirtschaftszweige weiterhin operativ tätig sind und Energie verbrauchen. Natürlich gilt auch: Je schneller sich die Konjunktur erholt, umso weniger werden die Energieversorger betroffen sein.

Die Strompreise rutschen derzeit häufiger ins Minus. Wie kommt es dazu?

Die negativen Preise liegen zum Teil an dem seit März vergleichsweise sonnigen und windigen Wetter in Deutschland. Das führt zu einer erhöhten Stromerzeugung und -einspeisung aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig verbrauchen Industriebetriebe sehr viel weniger als üblich. Die entstehenden Überkapazitäten müssen mit deutlichen Preisabschlägen gehandelt werden, damit sich Abnehmer finden. Anders als beispielsweise Erdöl kann Strom noch nicht in großem Umfang gespeichert werden. Sind diese Speicherkapazitäten erschöpft, erfolgt die Anpassung über den Preis. 

Das Absinken der Strompreise wird zudem durch eine Rückvermarktung befördert. Aufgrund der gesunkenen Nachfrage geben viele Stromvertriebe bereits im Voraus beschaffte, nun überschüssige Strommengen für die Monate April und Mai in den Markt zurück und erhöhen damit zusätzlich das Angebot. Auch viele Großkunden haben sich am Terminmarkt für dieses Jahr schließlich feste Mengen zu festen Preisen gesichert. Besonders prekär an dieser Lage ist, dass auf viele produzierende Unternehmen dennoch hohe Stromrechnungen zukommen werden.

Wieso?

Industriebetrieben sichern sich üblicherweise Stromlieferungen über Terminkontrakte auf Vorrat. Da eine Situation wie die jetzige kaum vorhersehbar war, bestehen vertragliche Verpflichtungen, den Strom zu den beim Abschluss gängigen Preisen zu bezahlen. Und das auch, wenn die Produktion stillsteht. Hinzu kommt, dass Energieversorger genauso wie Unternehmen weiterhin Stromsteuer zu bezahlen haben – auch bei Nichtverbrauch. 

Wie gehen deutsche Energieunternehmen mit diesen Entwicklungen um?

Energieunternehmen haben bislang professionell reagiert und Notfallpläne umgesetzt. So wurden Aktivitäten von Dienstleistungseinheiten und Kundenzentren momentan stillgelegt. Gleichzeitig arbeiten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in versorgungswichtigen Bereichen in einem geschützten Arbeitsumfeld. Zu den Kostensenkungsmaßnahmen zählen Kurzarbeit oder ein Verschieben von strategischen Projekten. Das Planen weiterer Szenarien über die Notfallpläne hinaus ist nun wichtig, um auf Veränderungen der Lage schnell und adäquat reagieren zu können. Die geplanten Maßnahmen können dabei über die gesamte Branche hinweg sehr unterschiedlich ausfallen. 

Weiterhin ist in Bezug auf Liquidität zu beachten, dass der Anteil von Energiebeschaffung und Vertrieb am Bruttostrompreis lediglich 23 Prozent beträgt. 52 Prozent des Strompreises sind Steuern, Abgaben und Umlagen, 25 Prozent entfallen auf die Netzentgelte. Fällt die Zahlung des Strompreises aus, haftet ein Energielieferant also nicht nur für die tatsächlich bei ihm anfallenden Kosten. Versorger müssen die Steuern, Abgaben und Umlagen auf die nicht beglichene Energiebelieferung bezahlen. Dies, zusammen mit den Regelungen rund um die Moratorien, führt zu einer erhöhten Notwendigkeit der Liquiditätssteuerung. Darüber hinaus nutzen einige Versorger den Stillstand auch dazu, ihre Prozesse zu optimieren, um nach der Krise besser steuern und wirtschaften zu können. 

Welche Maßnahmen können in dieser Situation helfen?

Zunächst sollten Unternehmen sich einen strukturierten Überblick über mögliche Maßnahmen verschaffen. Wichtig sind etwa Maßnahmen im Bereich Personal oder Liquidität. Für Entscheidungsträger ist es zielführend, Szenarien zu entwickeln, wie sich die Coronakrise und das eigene Krisenmanagement auf die Unternehmensplanung und das gesamte Asset-Portfolio auswirken könnte. Das ist von so großer Bedeutung, da in der Branche langfristige Finanzierungen üblich sind. Dabei handelt es sich um eine relativ unbewegliche Struktur, bei der ein externes Ereignis wie Auswirkungen des Coronavirus schnell zu einer Störung des gesamten Betriebs führt – etwa, weil ein Teil der Kunden wegfällt. Deshalb sollten Unternehmen jetzt schon vorausplanen, um dann effektiv zum Beispiel durch Kostensenkungsmaßnahmen oder einem Verschieben von Investitionen gegensteuern zu können.

Gerade jetzt, wenn wir nach ersten Sofortmaßnahmen erste Wiederbelegungsversuche der Wirtschaft unternommen werden, zeichnen sich mittelfristige Auswirkungen mehr und mehr ab. Prämissen sind daher neu zu treffen. 

Ist abzusehen, dass sich die Branche durch die Krise nachhaltig verändern wird?

Die Coronakrise wird die Energieversorgung nicht grundlegend oder strukturell ändern. Die Branche befindet sich in Deutschland ohnehin seit Jahren in einem strukturellen Umbau. Themen wie der anstehende Kohleausstieg, die Infrastruktur oder die weiter voranschreitende Digitalisierung werden weiterhin für Bewegung sorgen.

Der ökonomische Aufschwung wird sehr teuer und viel Energie benötigen. Verschiedene Projektförderungen sollten auch dann fortgesetzt werden, wenn zum Beispiel Fristen durch die aktuellen Verzögerungen nicht eingehalten werden können. Um in dieser Situation die Transformation dennoch voranzutreiben, sollten Unternehmen sich mit der Politik etwa über vorübergehende Lockerungen von Regulierungsmaßnahmen intensiv austauschen.

Die zusätzlichen Lasten, die in einer Phase der ökonomischen Wiederbelebung der Gesellschaft zu schultern sind, bedingen mehr denn je, dass Deutschland den sehr kostenintensiven Prozess der Energiewende möglicherweise an veränderte Rahmenbedingungen anpasst. 

Fakt ist, dass die Transformation des Energiesystems unumkehrbar ist und unsere Gesellschaft sich auf eine neue Nachhaltigkeitsdiskussion einstellt. Ein verändertes Verbraucherverhalten und auch veränderte Lieferketten werden ein nachhaltigeres Wirtschaften positiv beeinflussen. Die Energiewirtschaft wird hier weiterhin Schritt halten und sich flexibel hierauf einstellen.

Kurzfristige Maßnahmen
Mittelfristige Maßnahmen für den Immobilienbereich
Langfristige Maßnahmen

Was macht Hoffnung?

Die Branche ist generell gut aufgestellt. Sie hat in den letzten Jahren gelernt gut mit Wandel umzugehen und sich veränderten Rahmenbedingungen schnell anzupassen. Das kommt den Unternehmen in der aktuellen Krisensituation zugute.

Das Coronavirus hat den Trend zum Homeoffice verstärkt. In Kombination mit der verstärkten Nutzung digitaler Lösungen kann dies Unternehmen Auftrieb geben, die zusätzliche Dienste wie Smart-Home-Produkte anbieten. Denn wenn jemand viel zuhause arbeitet, dann hat er auch einen höheren Bedarf nach einer komfortablen Steuerung seines Stromverbrauchs und nach anderen individuellen Angeboten zu seiner Energienutzung.

Der größte positive Aspekt für die Energiewirtschaft ist allerdings, dass die Bedeutung der Branche zunehmend sichtbar wird. Viele Bürger lernen in der Krise besonders zu schätzen, dass die Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser so reibungslos und verlässlich funktioniert. Ich finde, dass man den Akteuren der Energiewirtschaft für die systemrelevante Versorgung unserer Gesellschaft dankbar sein kann.