Nahaufnahme eines Schachbretts

Bankenregulierung als strategischer Partner

Bankenregulierung als strategischer Partner

Bankenregulierung als strategischer Partner

Karolin Schriever | Partner,

Keyfacts

  • Die Bankenregulierung wird zukünftig mehr denn je eine Schlüsselrolle in Geschäftsmodellen von Banken einnehmen.

  • Die Flexibilität in der Bankenregulierung ist gleichzeitig Belastungsprobe und Chance für eingespielte Prozesse.

  • Die Banken zeigen in der jetzigen Situation die geforderte Stabilität.

Als Reaktion auf das Coronavirus hat die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) am 12. März 2020 operationelle Entlastungen für die unmittelbar von ihr beaufsichtigten Banken (SI) beschlossen. Seit diesem Tag befindet sich der Bankensektor in einer Art Ausnahmezustand, der bislang ohne Beispiel ist.

Da es sich bei der Corona-Krise originär nicht um eine Banken- beziehungsweise Finanzkrise handelt, zielen die von den Aufsichtsbehörden aufgerufenen Maßnahmen primär darauf ab, die Realwirtschaft zu stützen. Damit rückt die Krise einen Sektor in ein neues - altes - Licht: Banken als Vermittler zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern.

Bankenregulierung als Schlüsselrolle

Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit und Übereinstimmung haben seitdem verschiedene Standardsetter und Aufsichtsbehörden in den letzten Wochen weitere Maßnahmen verkündet, die in der Krise vor allem entlastend für Banken wirken sollen. Die EU-Finanzminister unterstützen die von den europäischen Aufsichtsbehörden im Zuge der Corona-Krise eingeleitete Lockerung der regulatorischen Anforderungen für Banken.

Eine Erkenntnis: Die Bankenregulierung wird zukünftig mehr denn je eine Schlüsselrolle in den Geschäftsmodellen von Banken einnehmen, über die Finanzprozesse koordiniert, stabilisiert und digital gestaltet werden. Damit diese Transformation auch gelingt, sollte die Bankenregulierung deutlich agiler und proaktiver wahrgenommen werden.

Mehr Flexibilität für den Finanzsektor

Grundsätzlich bewegen sich Kreditinstitute in einem klaren regulatorischen Rahmen, der insbesondere in den vergangenen zehn Jahren deutlich weiterentwickelt wurde. Die Krise zeigt, dass sich der geltende Regulierungsrahmen bewährt hat. Durch risikoadäquatere Kapitalanforderungen, eine verbesserte Liquiditätsausstattung und ein gutes Risikomanagement wurde die notwendige Flexibilität gewonnen, um Kapitalbelastungen aufgrund der Krise abzufedern.

Durch die zum Teil bestehenden prozyklischen Effekte in der Bankenregulierung und Rechnungslegung wirken die aktuellen Covid-19-Effekte wie steigende Kreditausfälle unmittelbar auf die Eigenmittel- und Liquiditätsanforderungen sowie auf die Bilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung. Daher hat die Bankenaufsicht in den vergangenen Wochen mehrere Maßnahmen ergriffen, um dem Finanzsektor mehr Entlastung und weitere Flexibilität zu verschaffen. So kann dieser seiner Rolle als Finanzierungspartner der Realwirtschaft gerecht werden. Dazu gehört u.a., dass aufsichtliche Prüfungen gestoppt wurden, die Liquidity Coverage Ratio (LCR) temporär unterschritten werden darf und geplante Stresstests verschoben wurden. In einer Erklärung vom 27. März 2020 erläutert der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht (BCBS) mit Blick auf die Finalisierung von Basel III auch die zu erwartende Verschiebung um ein Jahr, um den Banken Zeit für die Bewältigung der Krise einzuräumen. Zudem sind eine ganze Reihe an technischen Änderungen bei der Eigenkapitalverordnung CRR geplant.

Aktuell stehen wesentliche regulatorische Projekte im Zusammenhang mit der Finalisierung von Basel III und der Umsetzung von Basel IV, beziehungsweise den EU-Vorschriften CRDV/VI und CRRII/III, an. Diese regulatorischen Prozesse sind jetzt zu justieren. Daraus folgt eine weitere Erkenntnis: Die Flexibilität in der Bankenregulierung ist gleichzeitig Belastungsprobe und Chance für eingespielte Prozesse.

Corona-Krise führt zur digitalen Veränderung in der Zusammenarbeit

Im Fokus vieler Banken stehen aktuell die beschleunigte Bearbeitung von Kreditanträgen zur Auszahlung von Fördermitteln, die entsprechende Bereitstellung von Ressourcen und Anpassungen bei den Prozessen der Kreditvergabe und -überwachung. Das Pandemierisiko, das zuvor wenig oder gar nicht berücksichtigt worden ist, muss von den Banken derzeit sicherlich neu bewertet werden. Das wirkt sich auf die risikogewichteten Assets (RWA) aus, was mit höheren Kosten für Banken verbunden ist. Gleichzeitig stehen Mitarbeiter im Homeoffice ganz neuen Herausforderungen gegenüber, wie der rein virtuellen Kommunikation mit Kunden, Kollegen und der Bankenaufsicht. Beides hat die gewohnten Arbeitsabläufe deutlich verändert. Und mit der zunehmenden Verbreitung von Covid-19 wurden digitale Zusammenarbeitsmodelle von einem Tag auf den anderen relevant.

Wir gehen davon aus, dass die Veränderungen zur digitalen Zusammenarbeit nachhaltig sind. Somit kann und wird diese Krise auch einen signifikanten Beitrag zur digitalen Veränderung leisten und ein weiterer Schritt in Richtung neuer, agilerer Organisationsformen sein.

Die Banken zeigen in der jetzigen Situation die geforderte Stabilität. Aber erst die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, inwieweit diese Anpassungen auch einen positiven Einfluss auf die Kreditvergabe an die Realwirtschaft und die Stabilität des Finanzsektors haben. Das wird auch davon abhängen, inwieweit regulatorische Vorgaben und gegebenenfalls deren Lockerung das zulassen. Daher ist es erforderlich, weitere Erleichterungen in Bankenregulierung und Rechnungslegung zwischen Interessensvertretern der Kreditwirtschaft und Politik sowie Bankenaufsichtsbehörden aktiv zu diskutieren und deren Umsetzung einvernehmlich zu klären.