Weltkugel

Banksteuerung und Risikomanagement in der Pandemie

Banksteuerung und Risikomanagement in der Pandemie

Banksteuerung und Risikomanagement in der Pandemie

Stefano Hartl | Partner,

Keyfacts

  • Die Auswirkungen von Covid-19 auf Kreditinstitute sind substanziell.

  • Besonders betroffen sind das Liquiditäts-, Markt- und Kreditrisikomanagement.

  • Entscheider sollten ihre Institute schon jetzt auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen.

Die ökonomischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie werden Kreditinstitute auf der ganzen Welt noch monatelang beschäftigen. Während hinsichtlich der realwirtschaftlichen Effekte der Pandemie noch weitgehend Unklarheit herrscht, dominiert Covid-19 schon jetzt das Tagesgeschäft in der Banksteuerung und im Risikomanagement.

Zwar wurden nach der globalen Finanzkrise 2008 aufsichtliche Maßnahmen getroffen, um Banken besser auf Krisenzeiten vorzubereiten. Jedoch ist die aktuelle Situation bislang einmalig. Insbesondere bei der Steuerung von Liquiditäts-, Markt- und Kreditrisiken stehen die Institute vor unbekannten Herausforderungen, die sich zudem nahezu täglich verändern.

Auswirkungen schon jetzt ein echter Belastungstest

Die globalen Finanzmärkte haben mit grundsätzlich bekannten Mustern auf die bisherigen verheerenden Auswirkungen des Virus reagiert: Zins- und Devisenmärkte weisen eine extrem hohe Volatilität auf, Liquidität auf Bondmärkten versiegt und Spreads schnellen in die Höhe. Auch wenn die regulatorischen Anforderungen der vergangenen Jahre Banken auf Situationen dieser Art vorbereitet haben, erweist sich Covid-19 bislang als ein echter Belastungstest für das Risikomanagement und die Banksteuerung.

Liquiditätsrisiken: Die Liquiditätsposition vieler Banken hat sich auch aufgrund der Ziehung von Kreditlinien, der möglicherweise in Zukunft fehlenden Rückflüsse aus Krediten, sowie gegebenenfalls der erhöhten Volatilität und Margin Calls deutlich verschlechtert. Viele Banken haben daher ihre entsprechende Notfall-Governance aktiviert.

Marktrisiken: Die sehr hohe Volatilität auf Zins- und FX-Märkten hat zu teils dramatischen Spread-Ausweitungen geführt. Cross-Currency-Swaps weisen erhebliche Schwankungen mit hohen P&L-Effekten auf. Zudem kämpfen die Banken mit fallender Marktliquidität vieler Instrumente. Marktbereiche und Risikocontrolling werden entsprechend mit häufigen Limitverletzungen stark beansprucht. Die hohen Bid-Ask-Spreads erfordern auch häufige Additional Valuation Adjustments (AVA) mit direkten Kapitalauswirkungen.

Kreditrisiken: Liquiditäts- und Marktrisiken sind für Banken unmittelbar spürbar. Die Effekte aus Ausfallraten und Kreditverluste werden erst mittelfristig voll abschätzbar sein – entfalten aber bereits eine erste Wirkung. Es ist aktuell eine sehr hohe Auslastung von offenen Linien zu verzeichnen, gleichzeitig benötigen viele Kreditnehmer frisches Geld. Dies führt zu hoher personeller und prozessualer Belastung in der Marktfolge der Institute. In besonders betroffenen Branchen, wie beispielsweise der Tourismus-, Luftfahrt- oder Automobilbranche sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten bereits direkt erkennbar.

Große Anstrengungen werden gegenwärtig von allen Seiten unternommen, dass Banken die Realwirtschaft bei der Liquiditätssicherung unterstützen können, ohne dabei selbst in Nöte zu geraten. Dabei geht es darum, wie Ausfall gemäß CRR, NPL-Einstufungen, NPE-Backstop sowie Stufentransfers in IFRS 9 für ursächlich durch Covid-19 in finanzielle Schwierigkeiten geratene Kreditnehmer möglichst eigenkapitalschonend angewendet werden kann. Staatlichen Hilfsprogrammen der Bundesregierung und der EU kommt dabei eine Schlüsselrolle zur Abmilderung der ökonomischen Effekte aus der Covid-19-Pandemie zu, insbesondere auch für das Kreditbuch der Institute.

EZB und BaFin haben als erste Reaktion auf die Covid-19-Pandemie umfangreiche Erleichterungen mit Blick auf die Mindestkapitalanforderungen und die pragmatische Auslegung von Regelungen im Management von notleidenden und gestundeten Kreditengagements verkündet sowie geldpolitische Maßnahmen eingeleitet. Gleichzeitig kündigten EBA und nationale Aufsichtsbehörden operative Erleichterungen für Banken mit Blick auf aufsichtliche Anforderungen an. Eine Zusammenfassung der Maßnahmen finden Sie hier.

Szenarien für den weiteren Verlauf der Krise

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den weiteren Verlauf der Krise unlängst als offen bezeichnet. Entscheider in der Banksteuerung sollten sich daher Gedanken über mehrere Szenarien machen, um Strategien zur Bewältigung der ökonomischen Effekte der Covid-19-Pandemie abzuleiten.

Orientierung bieten hierbei die folgenden zwei Szenarien:

Szenario 1: Das Virus verbreitet sich weitgehend unkontrolliert, was mit unmittelbaren drastischen konjunkturellen und finanziellen Auswirkungen einhergeht. Geld- und Kapitalmärkte würden in einem solchen Szenario nach weiteren massiven Verlusten voraussichtlich für eine gewisse Zeit einfrieren. Der Schock auf die Finanzmärkte würde in diesem Fall wahrscheinlich eine erneute Zäsur für Banksteuerung und Risikocontrolling darstellen.

Szenario 2: Die derzeit politisch beabsichtigte Verzögerungsstrategie bezüglich der Virusausbreitung hat Erfolg; gedämpfte wirtschaftliche Einbrüche beschäftigen Realwirtschaft und Finanzmärkte über mehrere Jahre. Finanzmärkte würden unter diesem Szenario vermutlich teilweise durch aufsichtliche und geldpolitische Interventionen gelenkt werden. Banken müssten allerdings länger im Krisenmodus operieren.

Handlungsbedarf für CROs und CFOs im Bereich Liquiditäts-, Marktpreis- und Kreditrisiko

Covid-19 wird die Finanzbranche noch lange begleiten. Banksteuerung und Risikomanagement müssen daher auf die veränderten Rahmenbedingungen vorbereitet werden. Folgende Handlungsfelder sollten Banken jetzt aktiv angehen:

Liquiditätsmanagement: Ein enges und zeitnahes Monitoring der aktuellen und zukünftigen Liquiditätsabflüsse, gepaart mit einer engen Kommunikation (intern und extern) sowie einer kontinuierlichen Aktualisierung möglicher Gegenmaßnahmen für den Notfall.

Adaption Marktpreisrisikomanagement: Die derzeitige Umsetzung des Prudent-Valuation-Frameworks hat sich in vielen Banken als äußerst prozyklisch erwiesen. Eine Stabilisierung und Einbeziehung neuer Daten ist dringend erforderlich. Ebenfalls ist eine Überarbeitung und Anpassung des Limitframeworks vor dem Hintergrund der aktuellen Marktverwerfungen notwendig.

Markt- und Marktfolge-Kredit inklusive Workout und Restrukturierung: Gezielte Ad-hoc-Prozessvereinfachungen für Kreditnehmer deren finanzielle Schwierigkeiten auf Covid-19 zurückzuführen sind sowie temporäre personelle Unterstützung zum Ausgleich von Belastungsspitzen und ähnliche Maßnahmen sind notwendig, um die Kreditanfrage- und Kreditantragsflut, Ad-hoc-Ratingaktualisierungen, Forbearance-Anfragen etc. bewältigen zu können. Identifiziert werden sollten standardisierte (gegebenenfalls auch D&A-gestützter) Maßnahmen zur Prozessbeschleunigung sowie zum effizienten Personaleinsatz (Fokussierung auf entscheidungsrelevante Aspekte und Entlastung von Routinetätigkeiten) in Verbindung mit geeigneten Covid-19-Szenarioanalysen.  

Kreditrisikocontrolling: Prüfung und Umsetzung der von Bankenaufsicht und staatlicher Seite avisierten Erleichterungsmaßnahmen (zum Beispiel Ausfalldetektion, Verzicht auf Barwerttest, Erleichterungen in der Kategorie im NPL-Backstop bei SSM-Banken), Umsetzung von Covid-19-Kreditrisiko-Szenarioanalysen mit Fokus auf Eigenmittel/-kapital sowie Kreditrisikovorsorge und Integration in Covid-Ad-hoc-Management-Reporting.

Die Covid-19-Pandemie hat die Banksteuerung und das Risikomanagement in kürzester Zeit vor eine große Belastungsprobe gestellt. Die langfristigen Effekte der Krise sind noch nicht absehbar. Entscheider sollten ihre Institute bereits jetzt auf die sich verändernden Rahmenbedingungen einstellen.

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