• Rolf Hauenstein, Partner |

Vor Jahresfrist sahen wir in der stetig zunehmenden Geschwindigkeit der internationalen Wirtschaft und der globalen Wertschöpfungsketten die grösste Herausforderung der strategischen Unternehmensführung. Nun sind es die abrupte Verlangsamung und das Krisenmanagement, die uns herausfordern.

Die COVID-19-Pandemie hat uns alle mit voller Wucht getroffen ‒ unvermittelt und unerwartet. Erstaunlich eigentlich, zumal eine globale Pandemie durchaus prominent auf der Liste der möglichen Risiken verschiedenster Organisationen und Behörden positioniert war. Das vergangene Jahr hat uns jedoch in Bezug auf die Wichtigkeit einer Kernkompetenz für die Führung eines Unternehmens als Verwaltungsrat bestärkt: Die Agilität, sprich die Fähigkeit, flexibel und professionell auf externe Einflüsse reagieren zu können, hat sich als überlebenswichtiger Erfolgsfaktor erwiesen. Und auch im laufenden Jahr wird uns das Coronavirus nicht so schnell loslassen. Die Verantwortung des Verwaltungsrats in der strategischen Unternehmensführung wird sich an der Entwicklung des Virus orientieren müssen ‒ branchenübergreifend und unabhängig von Grösse und geografischer Ausrichtung des Unternehmens.

Bedeutende Verwerfungen und Unsicherheiten werden die Arbeit sämtlicher Führungsverantwortlichen prägen und diese in den kommenden Monaten mit folgenden Fragen konfrontieren: Wie lässt sich die Geschäftstätigkeit aufrechterhalten bzw. anpassen? Wie lassen sich dezentral eingesetzte Arbeitskräfte führen? Wie kann man den digitalen Wandel beschleunigen? Wie gestalten sich Zulieferketten robuster und wie lassen sich Kundenbindungen stärken? Gleichzeitig gibt es auch Unternehmen, die selbst in diesem unsicheren Umfeld neue Wachstumschancen erkennen.

Vielschichtige Herausforderungen

Neben der allgegenwärtigen COVID-19-Pandemie sind es aber noch weitere Faktoren, die die Arbeit des Verwaltungsrats beeinflussen werden. Dazu zählen unter anderem die sich abzeichnende Rezession, tief verwurzelte soziale Konflikte, Handels- und geopolitische Spannungen, eine steigende Verschuldung der Staaten, erhöhte Cyberrisiken, verschärfte regulatorische Überwachungen und ‒ nicht zu vergessen ‒ der fortschreitende Klimawandel mit den daraus resultierenden veränderten Rahmenbedingungen. Geschäftsleitungen, Verwaltungsräte, Mitarbeitende sowie Aufsichtsinstanzen sollten sich auf massiven Druck von politischer Seite wie auch seitens der Marktmechanismen gefasst machen.

In diesem Kontext sind Führungsstärke und Kommunikation zwingend erforderlich, um das Vertrauen der Mitarbeitenden, Kunden und Investoren zu stärken. Verständnis und eine transparente Kommunikation sind heutzutage wichtiger denn je: Vielerorts wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Stakeholder eines Unternehmens kaum vergessen dürften, wie sie in der COVID-19-Krise behandelt wurden.

Stellenwert der ESG-Kriterien wird noch wichtiger

Nach wie vor sind das Management der zentralen Risiken, die Innovationsfähigkeit und damit die Nutzung neuer Chancen von wesentlicher Bedeutung für das Wachstum eines Unternehmens. Der aus den unternehmerischen Leistungen resultierende Mehrwert für die Aktionäre ist derzeit durch einen Wandel geprägt, der durch die COVID-19-Pandemie zusätzlich beschleunigt wird ‒ nämlich durch die Frage, welche Verantwortung ein Unternehmen gegenüber der Gesellschaft und gegenüber seinen Anspruchsgruppen trägt. Die so genannten ESG-Kriterien (Environment, Social und Governance) beeinflussen nicht nur Entscheidungen auf Verwaltungsratsebene, sondern auch Investment-Entscheidungen grosser institutioneller Anleger und Asset Manager. Die Kontaktpflege mit Aktionären und Investoren zählt deshalb immer mehr zu den unternehmerischen Prioritäten, da institutionelle Investoren die Verwaltungsräte in Bezug auf die gesamtheitliche Performance des Unternehmens immer intensiver in die Pflicht nehmen und umfassendere Offenlegungen verlangen.

Disruptive Technologien weiterhin auf der Strategie- und Risikoagenda des Verwaltungsrats

Der Vormarsch digitaler Technologien wie Cloud Computing, Künstliche Intelligenz oder Blockchain ist nicht neu, wurde jedoch durch die Pandemie noch forciert. Dies gilt sowohl für die Leistungsfähigkeit als auch für die Anwendungsgebiete der neuen digitalen Technologien. Daher spielen diese für die strategische Ausrichtung und die Risikobeurteilung ‒ sowohl im Hinblick auf potenzielle Marktverschiebungen als auch auf Schutzmassnahmen ‒ eine immer wesentlichere und anspruchsvollere Rolle. Einfallstore für Cyberkriminalität beispielsweise gilt es umso aufmerksamer zu erkennen und zu schliessen.

Was bereits vor den Verwerfungen durch die globale Gesundheitskrise und deren wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Konsequenzen gegolten hat, wird somit für die Zukunft umso wichtiger: Agilität, Resilienz und eine auf Vertrauen und Dialog mit den Anspruchsgruppen basierende Unternehmensführung.

KPMG verfolgt die Trends und Herausforderungen in der Schweiz aufmerksam. Im Board Leadership Center, unserem Kompetenzzentrum für Verwaltungsrätinnen und Verwaltungsräte, finden Sie regelmässig «Thought Leadership» zu aktuellen Verwaltungsratsthemen ‒ so zum Beispiel die aktuelle Publikation «On the 2021 Board Agenda», welche von KPMG Global jährlich herausgegeben wird und noch vertiefter auf die in meinem Blog erwähnten Themen eingeht.

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