Ausser Spesen nichts gewesen? - KPMG Switzerland
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Ausser Spesen nichts gewesen?

Ausser Spesen nichts gewesen?

Ausser Spesen nichts gewesen?

Daniel Haas | Partner,

Die Finanzabteilungen von Unternehmen, welche ihre Konzernrechnung nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) erstellen, befanden sich in den letzten Jahren in einem eigentlichen Ausnahmezustand: Mit den neuen Standards zu Finanzinstrumenten (IFRS 9) und Erlösen aus Verträgen mit Kunden (IFRS 15), beide anwendbar seit 2018, sowie zu Leasingverhältnissen (IFRS 16), anwendbar ab 2019, mussten sie nämlich drei komplexe Standards umsetzen. Dies löste firmenintern umfassendere organisatorische und kostenintensive Umstellungen aus, die substanzielle interne und externe Ressourcen absorbierten.

IT-Abteilungen brachten dabei z.B. ihre technischen Erfahrungen in der Implementation der neuen Leasing-Applikation ein. Verschiedene Geschäftsbereiche wirkten bei der Sammlung der relevanten Daten mit, zumal einzelne Sparten oder Divisionen die bestehenden Verträge am besten kennen. Waren die wesentlichen Kennzahlen zur Steuerung des Unternehmens betroffen, musste auch das Controlling mit eingebunden werden. Vergütungsmodelle, die sich an Kenngrössen wie EBIT (Earnings before Interest & Taxes) orientierten, mussten, unter Einbezug von HR-Spezialisten, neu kalibriert werden.

Substanzielle Auswirkungen von IFRS 16

Über 50% aller an der Schweizer Börse SIX kotierten Unternehmen erstellen ihre Konzernrechnung nach IFRS. Schaut man sich die publizierten Konzernrechnungen an, so sind die finanziellen Effekte aus der Anwendung der neuen Standards für Finanzinstrumente und für die Umsatzlegung verhältnismässig gering. Mit Blick auf die Telekomindustrie, welche mit ihren Bündelprodukten und einer hohen Anzahl von Kundenverträgen durch den neuen Umsatzstandard stark mit der Analyse beschäftigt waren, halten sich die finanziellen Effekte auf die Erfolgsrechnung wie auch auf die Bilanz ebenfalls in engen Grenzen.

Anders verhält es sich mit dem neuen Leasingstandard IFRS 16: Hier ist der Effekt auf das Bilanzbild vieler Unternehmen wesentlich substanzieller. Kerngedanke des neuen Standards ist es, dass das Unternehmen als Leasingnehmer all seine Leasingverhältnisse und die damit verbundenen Nutzungsrechte und Verpflichtungen in der Bilanz erfasst. In der Telekomindustrie führte dies bei verschiedenen Akteuren dazu, dass sich die Verpflichtungen bei der Erstanwendung von IFRS 16 um rund 10% erhöht haben. Gleichzeitig reduzierte sich der Eigenfinanzierungsgrad (Eigenkapital im Verhältnis zum Gesamtkapital) um rund 2%. Kombiniert mit den zusätzlichen Informationen im Anhang bietet der neue Standard den Investoren eine detailliertere Sicht auf die Finanzierung des Unternehmens.

Konkreter Nutzen von IFRS

Fragen nach dem Nutzen der Einführung eines einzelnen Standards sind vor allem bei jenen Unternehmen berechtigt, welche mit einem hohen Umstellungsaufwand konfrontiert worden sind. Die neuen Standards waren für viele Unternehmen eine grosse Bürde, was insofern negativ ins Gewicht fiel, als die finanziellen Effekte eher gering ausfielen. Allerdings signalisieren Unternehmen mit dem "Qualitätslabel IFRS", dass sie sich an das gesamte Regelwerk halten. Daran orientieren sich letztlich Investoren und Kreditgeber. Umstellungsprojekte können, nebst der Bestätigung des "Qualitätslabels", einen zusätzlichen Nutzen stiften: Viele Unternehmen gewannen im Rahmen der Umstellungen eine bessere Übersicht über ihre gesamte Vertragslandschaft. Dies führte dazu, dass die Datenqualität verbessert, bestehende Schwachstellen aufgedeckt und folglich Prozesse und interne Schnittstellen optimiert werden konnten.

Die aufwendige Umsetzung der neuen Standards hat viele CFOs und Audit Committees dazu gebracht, sich die Nutzenfrage einer IFRS-Konzernrechnung zu stellen. Für international ausgerichtete Unternehmen stellt IFRS de facto eine "global language for financial reporting" dar. In vielen Ländern wurde IFRS auch als handelsrechtlich relevantes Regelwerk definiert, was das Reporting vereinfacht. Auch der verbesserte Zugang zum internationalen Kapitalmarkt wird häufig als Grund für die Wahl von IFRS genannt. Zudem erleichtert eine einheitliche Finanzsprache den Industrievergleich mit Mitbewerbern.

Swiss GAAP FER als Alternativen zu IFRS

Finden die erwähnten Argumente keinen fruchtbaren Boden, muss sich eine Gesellschaft konsequenterweise fragen, weshalb sie ein derart komplexes und aufwendiges Regelwerk anwenden soll. An der SIX wendet rund ein Drittel aller Gesellschaften die Fachempfehlungen zur Rechnungslegung Swiss GAAP FER (FER) an. FER gewann insbesondere in den letzten vier Jahren aufgrund der neuen IFRS-Standards an Popularität. Unternehmen wie Burckhardt Compression, Komax, Dottikon ES haben ihre Berichterstattung von IFRS auf FER bereits gewechselt, weitere wie Bucher Industries und Phoenix Mechano folgen 2019.

Meist sprachen geringere Komplexität und Aufwand, kombiniert mit dem Umstand, dass die Stakeholder nicht zwingend IFRS als Accounting Standard fordern, für FER. Die Schweizer "True & Fair View"-Lösung ist im Umfang wesentlich überschaubarer. Hingegen stellen sich aufgrund der geringeren Regelungsdichte von FER häufiger Interpretationsfragen. Um Lösungen zu finden, beruft man sich bei der Umsetzung immer mal wieder auf die Bestimmungen von IFRS.

Fokus auf Relevanz - vielerorts nötige Überarbeitung der Konzernrechnung

Der Fokus des Standardsetters, dem International Accounting Standards Board (IASB), liegt künftig klar auf der Review und Verbesserung bestehender Standards. Mit dem verstärkten Fokus auf relevante Informationen wie im revidierten Internationalen Rechnungslegungsstandard Darstellung des Abschlusses (IAS 1) postuliert, sollten die Unternehmen, nachdem die neuen Standards verdaut sind, ihre Berichterstattung kritisch hinterfragen.

Die offen gelegten Informationen haben sich über die Jahre kumuliert und sind entsprechend umfassend geworden. Eine Überarbeitung der Konzernrechnung mit wieder leserfreundlicherer Struktur und konziserem Inhalt ist vielerorts angezeigt. Dies hilft, den Investoren und Kreditgebern ein aussagekräftiges, transparentes und verständliches Bild der finanziellen Situation und Leistung des Unternehmens zu vermitteln – und ein Standard wie IFRS erfüllt dadurch seinen eigentlichen Zweck zur verbesserten Kommunikation des Unternehmens am Kapitalmarkt.