Die Möglichkeiten der Digitalisierung im Gesundheitswesen nehmen stark zu. Wie KPMGs neuste Studie «Clarity on Healthcare» zeigt, haben die Schweizer Leistungserbringer die digitale Transformation jedoch klar unterschätzt. Im Interview gibt Michael Herzog, Sektorleiter Gesundheitswesen bei KPMG Schweiz, einen Einblick in einige der vielen spannenden Erkenntnisse der Studie.

Michael Herzog, Partner bei KPMG und Sektorleiter Gesundheitswesen

Michael Herzog, Partner bei KPMG und Sektorleiter Gesundheitswesen

KPMG hat eine Umfrage unter 38 Schweizer Akutspitälern, Rehakliniken und Psychiatrien durchgeführt. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Umsetzung der digitalen Transformation sich als schwieriger erweist als erwartet. Woran liegt das primär?

Die Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen brauchte vielerorts etwas Anlaufzeit. Heute haben sich alle Leistungserbringer mit der eigenen Bedeutung der Thematik im Detail auseinandergesetzt. Diese Erfahrungen haben zu einem umfassenderen Verständnis der Tragweite und der damit einhergehenden Herausforderungen von digitaler Transformation geführt. Natürlich gibt es hinsichtlich des digitalen Reifegrades noch grosse Unterschiede zwischen den Akteuren, doch wurden durch die Umsetzung von Digitalisierungsinitiativen Hindernisse sichtbar, die zuvor nicht als solche erkannt wurden. Auch Covid hat aufgezeigt, dass Grenzen und Schwachstellen insbesondere in der Prozesseffizienz existieren und durch Digitalisierung und Automatisierung, gelöst werden müssen. Aus dem Gespräch mit unseren Kunden wird klar: Die digitale Transformation in der Kommunikation mit Infizierten, Patienten und Angehörigen hat eine grössere Rolle gespielt als zuvor angenommen.

Was hat sich seit der letzten Studie im Jahr 2019 nachhaltig verändert? Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?

Die Leistungserbringer schätzen sich und den Reifegrad ihrer digitalen Transformation realistischer ein. Einerseits haben die letzten zwei Jahre von vielen Akteuren die sofortige Umsetzung von Digitalisierungsinitiativen verlangt, andererseits ist dadurch die strategische Ausrichtung hinsichtlich digitaler Transformation in den Hintergrund gerückt. Zukünftig ist eine solche jedoch unabdingbar, weswegen die Leistungserbringer hier vielerorts aufzuholen haben.

Verändert hat sich auch das Verständnis gegenüber dem Nutzen und der Wichtigkeit einer gezielten digitalen Transformation. Sei dies zur Steigerung der Patientensicherheit oder des Patientenerlebnisses oder zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den Leistungserbringern. Zudem sehen die Akteure zusehends von Kooperationsvorhaben zur Realisierung der digitalen Transformation ab. Ich sehe die Gründe bei den Herausforderungen zur Umsetzung einer Partnerschaft in diesem Bereich, wie z.B. die Notwendigkeit einer gemeinsamen Vision, Schwierigkeiten bei den vertraglichen Regelungen sowie die nicht vernachlässigbare Komplexität der Zusammenarbeit auf organisatorischer und/oder technischer Ebene. 

BAG-Direktorin Anne Lévy hebt im diesjährigen KPMG Clarity on Healthcare die Thematik der koordinierten Versorgung hervor. Das Gesundheitswesen wird stärker vernetzt werden. Welche Schlüsse ziehen Sie aus dem Gespräch mit Frau Lévy?

Es ist spannend zu hören, wohin Frau Lévy und das BAG das Schweizer Gesundheitswesen lenken möchten. Auch aus meiner Sicht ist eine stärkere Vernetzung der Leistungserbringer und damit verbunden auch eine stärkere digitale Stossrichtung die Grundlage für eine gelingende koordinierte Versorgung. Wir müssen die technischen Hilfsmittel nutzen, um die Leistungserbringer intern, untereinander und mit den Patienten zu vernetzen. Dabei sollten, wie von Frau Lévy erwähnt, zwingend die Datenflüsse zwischen den Akteuren und in die Verwaltung weiter optimiert werden. Es wird spannend zu sehen sein, wie die verorteten kulturellen Hemmnisse angegangen werden. Diese zu überwinden ist eine der Grundlagen für eine erfolgreiche Transformation des Gesundheitswesens.

Darüber hinaus sollten wir weiter in Richtung personalisierte Medizin gehen und auch dort, sei es in der Diagnostik oder in der Therapie, die technischen Möglichkeiten nutzen. Dieser Aspekt ist für mich schliesslich auch mit der Thematik der Verbesserung der Qualität verbunden. Individuellere Medizin erlaubt uns für den Einzelnen qualitativ hochstehendere Angebote. Allgemein ist es wichtig, dass das Thema der Qualität im Schweizer Gesundheitswesen mit der Eidgenössischen Qualitätskommission (EQK) und den Qualitätsverträgen neu auf solch systematische Weise behandelt wird.

Im Schweizer Gesundheitswesen spricht man seit einiger Zeit von Künstlicher Intelligenz (KI) – wie schätzen Sie die Chancen dieser Technologie im Gesundheitswesen konkret ein?

Diese Technologie hat einen enormen Wert für unser Gesundheitswesen. Routinearbeiten können automatisiert und die Behandlungsqualität am Patienten kann erhöht werden. Insbesondere im Bereich der medizinischen Bilddiagnose ist der Einsatz von KI zurzeit am erfolgreichsten. Allgemein bieten sich zu Beginn insbesondere weniger kritische Einsatzfelder an. Hierzu das Beispiel von Prof. Dr. med. Thomas Szucs aus unserer Publikation «Clarity on Healthcare»: Ein KI-gestütztes Tool prüft beim Röntgen-Thorax (Röntgenaufnahme des Brustkorbes in gerader oder seitlicher Ansicht) innert Sekunden die Bildqualität. So können bei mangelhaften Aufnahmen Wiederholungsuntersuchungen eingeleitet werden – ohne vorherige Konsultation eines Radiologen.

Daneben existierten auch Risiken, welche nun schrittweise angegangen und abgewogen werden müssen. So können KI-basierte Entscheidungen für den Menschen oftmals nicht nachvollzogen werden. Deshalb wird die Rolle des Arztes, der hier die Massstäbe zur Kontrolle der Anwendungen setzt, immer wichtiger.

KPMG definiert in ihrem «Connected Enterprise for Health-Modell» acht grundlegende Kompetenzen für die Wettbewerbsfähigkeit im Gesundheitswesen von morgen. Was sollten die Geschäftsleitungsmitglieder der hiesigen Spitäler daraus mitnehmen?

Gesundheitssysteme sind oftmals sehr komplex und stark reguliert. Ausserdem fehlt es teilweise an digitaler Infrastruktur oder an den passenden Kooperationen, um den Patienten konsequent ins Zentrum der Veränderungsüberlegungen von Leistungserbringern zu stellen. Die acht durch KPMG definierten Fähigkeiten sind die Grundlage für die Akteure, um in einem solchen Umfeld bestehen zu können.

Viele davon hören sich simpel an, z.B. das Anbieten von innovativen Dienstleistungen. Daneben existieren umfassendere Fähigkeiten wie das Entwickeln eines kulturellen Kompasses innerhalb der eigenen Organisation, um die Mitarbeitenden damit zu inspirieren. Ich empfehle jeder Führungskraft des Schweizer Gesundheitswesens, sich diese Fähigkeiten durchzusehen und sich zu fragen: Wo stehen wir in diesen acht Dimensionen? Zudem böte es sich an, die vier Schritte des KPMG-Modells gleich zu absolvieren. Denn auch wenn sie sich prima vista simpel anhören, ist für mich klar – wer diese Punkte umsetzt, hat einen entscheidenden Vorteil. 

Entdecken Sie mehr

Interessante Themen für Sie: