close
Share with your friends

Tourismus-Guru Annemarie Meyer weist eine bemerkenswerte Vita im Schweizer Destinations- und Sportmarketing auf. Sie ist seit fünf Jahren CEO beim legendären Schweizer Nationalerbe Glacier Express und gilt als prägende Figur und würdige Botschafterin des Schweizer Tourismus. Ihre Karriere begann Annemarie Meyer bei Schweiz Tourismus, wo sie drei Jahre lang treibende Kraft hinter vielen Werbekampagnen für verschiedene Zielgruppen war. Anschliessend vertiefte sie ihre Marketingkompetenzen in der «schönsten Nebensache der Welt» bei der ISL und der FIFA. Nach weiteren Stationen, in denen sie bei UBS für Alinghi und die EURO 2008 verantwortlich war, machte sie es sich zur leidenschaftlichen Aufgabe, der Destination Klosters einen festen Platz auf der Landkarte zu verschaffen. Nach einem kurzen Zwischenspiel auf der Musikinsel Rheinau ging es 2016 schliesslich weiter zur Glacier Express AG, wo sie als CEO mit ihrer umfassenden Tourismuserfahrung einen wichtigen Beitrag leistet, den Glacier Express als grossen nationalen und internationalen Erfolg im eidgenössischen Tourismussektor zu etablieren.

Wer könnte uns besser vom Glacier Express erzählen und wie es diesem spektakulären Reisezug in der Pandemie ergangen ist?

Annemarie Meyer, CEO von Glacier Express AG

Annemarie Meyer, CEO von Glacier Express

Wandern in den Bergen gewinnt zunehmend an Attraktivität: 2019 gab es 258‘000 Besucherinnen und Besucher – die zweithöchste Gästezahl in der Geschichte des Glacier Express. Wie wird sich das in den nächsten Jahren entwickeln?

Die Natur gewinnt generell an Attraktivität. Sei es als Gegensatz zur Stadt, als Inspirationsquelle, aus Nostalgie oder Aktualität aufgrund der Klimaveränderungen, um nur einige Gründe des Wander-Booms zu nennen. Bis anfangs 2020 galt das auch für Alpenreisen. Danach gab es jedoch wegen COVID einen starken Einbruch und wir hatten 2020 nur noch einen Viertel der Gäste gegenüber 2019. Wie lange es für die Erholung des Geschäfts braucht, ist momentan noch nicht absehbar. Wir werden alles daran setzen, dass Alpenreisen auch in Zukunft attraktiv bleiben. So haben wir 2019 die neue Excellence Class eingeführt, welche unseren Gästen ein zusätzliches luxuriöses Erlebnis während der Fahrt ermöglicht.

Aus welchem Land kamen die meisten Gäste vor der Corona-Pandemie? Konnten die Schweizer Touristinnen und Touristen dieses Defizit im letzten Jahr aufheben?

Mit der Eröffnung des Furka-Tunnels anfangs der 80er Jahre sind die Gästezahlen des Glacier Express stark gestiegen. Den Hauptteil machten dabei Gäste aus Deutschland, Nordamerika, England und Japan sowie den übrigen europäischen Ländern aus. In den letzten Jahren haben wir vor allem einen Anstieg an Gästen aus dem asiatischen Raum, Australien und Südamerika gesehen. Die Schweizer machen in normalen Jahren jeweils etwa 20% aus. Auch wenn wir eine Zunahme an inländischen Besuchern während der Pandemie gesehen haben konnten diese jedoch die Ausfälle der internationalen Gäste nicht kompensieren. Dies hängt aber auch damit zusammen, dass wir 2019 unsere Kapazitäten voll ausgeschöpft hatten und die Züge aufgrund der COVID Schutzmassnahmen nicht vollständig ausgelastet werden dürfen.

Welche Erkenntnisse hat Glacier Express von der Pandemie gewonnen und wie wollen Sie diese einfliessen lassen?

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass nichts sicher ist, sich alles sehr schnell und radikal ändern kann und es auch in Zukunft wenig Möglichkeiten gibt, sich auf eine Pandemie vorzubereiten. Die Einsicht, dass uns COVID noch länger beschäftigen wird haben wir dazu genutzt, den Schutz unserer Gäste zu erhöhen und uns auf die neuen Reiseregeln – also die Art, wie man heute angesichts der veränderten Tatsachen reist – einzustellen.

Beim Glacier Express haben wir eine Verschiebung der Nachfrage zu mehr Individualreisenden beobachtet: 2020 waren fast nur Individualreisende im Glacier Express unterwegs. Dieser Trend, den wir bereits vor der Pandemie beobachteten, wird weitergehen, wenn auch weniger radikal als 2020. Es ist deshalb wichtig, das Auslastungsmanagement anzupassen, in möglichst vielen Vertriebskanälen vertreten zu sein und das Marketing sowie die Kommunikation auf die neuen Gegebenheiten auszurichten. Wichtig sind dabei eine bekannte Marke, ein gut positioniertes Angebot sowie ein überdurchschnittlicher Net Promoter Score. Wir haben überdies die Erfahrung gemacht, dass die Rückgänge in der Excellence Class, die wir 2019 eingeführt haben, weniger hoch waren als in den beiden traditionellen Klassen. Aufgrund der höheren Wertschöpfung der Excellence Class sind das gute News. Dies entspricht dem allgemeinen Trend, sich bei Reisen wieder etwas zu gönnen.

Ist Digitalisierung ein Thema bei Glacier Express? Gibt es hier Projekte?

Die Digitalisierung und ein neues Informations- und Buchungsverhalten der Gäste hat in den letzten Jahren vieles im Tourismus verändert. Aufgrund der Pandemie geht nun alles unter anderen Voraussetzungen noch etwas schneller. Das Tourismusgeschäft ist sehr komplex: von Airlines über Reiseveranstalter und Agenten bis zu digitalen Vertriebssystemen sind viele ‘Player’ involviert. Momentan ist noch nicht klar, ob die Schutzmassnahmen dazu führen, dass die Reisenden wieder vermehrt über Agenten buchen, wie es mit den Veranstaltern und Airlines weitergeht, wann die Gäste aus Übersee wieder reisen werden. Auch ist es noch nicht absehbar, wie sich die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und die neuen Regeln auf das Reiseverhalten der Gäste auswirken werden.

Wir gehen momentan davon aus, dass sich das Segment der Individualreisenden schneller erholen wird. Das heisst, dass wir uns darauf ausrichten müssen, die Gruppen aber nicht vergessen dürfen. Im Auslastungsmanagement führt die Veränderung schon nur aufgrund der verschiedenen Zeitpunkte der Reservationen und Buchungen zu grossen Herausforderungen und Risikoabwägungen.

Wieso soll die Generation Y eine Fahrt mit dem Glacier Express buchen, anstatt auf Ibiza zu jetten?

Ich bin viel zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs und stelle dabei fest, dass ich überall mehr junge Menschen antreffe. Viele haben die Ruhe und die Natur entdeckt. Der Glacier Express bietet Entschleunigung und besondere Blicke in landschaftlich aussergewöhnliche Ecken der Schweiz zwischen dem Matterhorn und der Seenlandschaft des Engadins. Abgerundet wird die Fahrt durch regionale kulinarische Erlebnisse aus der Bordküche und alle geniessen momentan aufgrund der Schutzbestimmungen mehr Platz in unseren erneuerten Wagen. Die Fahrt führt über 291 Brücken/Viadukte und durch 91 Tunnel. Viele davon Werke, die zur Zeit des Baus einen Aufbruch in eine neue Zeit darstellten. Einen Aufbruch, den wir als Gesellschaft nun wieder schaffen müssen, um die Herausforderungen durch die Pandemie und die Klimaveränderungen anzugehen. Kommt dazu, dass langsam aber sicher ein Umdenken stattfindet. Nicht nur die Generation Y schaut vermehrt auf den persönlichen ökologische Fussabdruck und überlegt sich, wie lang und wertvoll ein Erlebnis oder Aufenthalt sein muss anstatt wie früher schnell mal irgendwohin zu jetten.

Zuletzt eine persönliche Frage: Sie waren in einer früheren Position in Segelregattas wie dem America’s Cup und involviert. Was gefällt Ihnen besser – das Meer oder die Berge?

Die Natur war schon immer und bleibt für mich Energie- und Inspirationsquelle. Ob am Meer oder in den Bergen ist nicht entscheidend. Weil ich näher an den Bergen lebe als am Meer, entscheide ich mich für die Berge. Auch dort gibt es Wasser, wenn auch in einer kleineren Dimension als Seen, aber auch in Form von Gletschern, die wir glücklicherweise noch haben. Zudem eröffnen uns Berggipfel neue Perspektiven und Weitsicht.

Entdecken Sie mehr

Interessante Themen für Sie: