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«Die Wirtschaft ist insgesamt mit einem blauen Auge davongekommen.»

Interview mit Claude Maurer

Im Interview ordnet Claude Maurer, Head of Swiss Macro Analysis & Strategy bei Credit Suisse, den Einfluss der Coronakrise auf die globale und Schweizer Wirtschaft ein und erklärt, ob es Parallelen zur Finanzkrise 2008 gibt.

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Claude Maurer, Head of Swiss Macro Economics & Strategy, Credit Suisse

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Herr Maurer, vor einem Jahr ging die Schweiz in den Lockdown, gefolgt von einem Auf und Ab an Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie – die bis heute andauern. Wie steht es um die Schweizer Wirtschaft?

Die Wirtschaft ist insgesamt mit einem blauen Auge davongekommen. Die Rezession im ersten Lockdown war weniger tief und die Erholung rascher als selbst von uns erwartet. Entsprechend waren sogar unsere im Vergleich zu anderen Instituten vergleichsweise optimistischen Prognosen für 2020 zu pessimistisch. Glücklicherweise nicht eingetroffen sind die prognostizierten Schreckensszenarien des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO), des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Dank dem dezidierten Eingreifen des Staates bzw. den automatischen Stabilisatoren wie der Kurzarbeit sind die Einkommen der Haushalte nicht eingebrochen. Entsprechend war das finanzielle Potential für Nachholkonsum nach Aufhebungen der Einschränkungen gegeben. Und mit den tiefen Fallzahlen im Sommer trauten sich die Menschen auch wieder in die Läden und Restaurants. Gleichzeitig konnte dank raschen Liquiditätshilfen eine Konkurswelle verhindert werden.

Die Heftigkeit der zweiten Welle hat indes wohl alle von uns überrascht. Die wirtschaftlichen Schäden sind aber deutlich geringer als diejenigen der ersten Welle. Erstens sind die Massnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Infektionen deutlich weniger einschneidend als in der ersten Welle und die Schulen und Kinderbetreuung sind offen bzw. sichergestellt. Zudem haben die Unternehmen Schutzkonzepte und die Konsumenten Vertrauen in diese. Zweitens befindet sich nicht mehr die ganze Welt in einem synchronen Abschwung. Während der ersten Welle waren mehr als 90% aller Länder dieser Welt in einer Rezession. Seit Mitte 2020 hat Nordasien, allen voran China, die Pandemie gut unter Kontrolle. Die Nachfrage aus diesem Gebiet, in dem rund ein Drittel der Industrieproduktion stattfindet, kommt direkt oder indirekt der Schweizer Exportindustrie zugute. Und drittens ist dank der Impfung ein Ende des Ausnahmezustands absehbar. Das Coronavirus kann also die Erholung nur verzögern, die Wirtschaft wird aber ziemlich sicher im Jahresverlauf massiv an Schwung gewinnen.

Welche Auswirkungen wird Corona auf die Schweizer Wirtschaft 2021 zeitigen – und darüber hinaus?

In grossen Teilen der Wirtschaft dürfte gegen Ende Jahr so etwas wie Normalität einkehren. Ich vertraue da auf die Medizin und die Vernunft der Leute. Die Impfstoffe wirken und deren Produktions- und Verteilkapazitäten werden ausgebaut. Zudem scheint die Impfbereitschaft höher zu sein als befürchtet, auch weil wir uns alle nach Normalität sehnen – auch nach Reisen, was aber wohl eine Impfung bedingt. Zudem werden die Schutzkonzepte immer ausgeklügelter.

Ein kleiner Teil der Wirtschaft wird aber noch länger leiden, bspw. der interkontinentale Tourismus. Diese Mischung wird dazu führen, dass die Arbeitslosigkeit noch länger erhöht bleiben wird. Eine hohe Arbeitslosigkeit wieder geht mit einer eher verhaltenen Konsumentenstimmung und wenig Inflationsdruck einher. Der private Konsum entsprechend dürfte zwar im Jahresverlauf massiv zulegen, nach diesem Nachholschub wird sich die Dynamik aber rasch wieder abschwächen.

Der Bundesrat hat mit Covid-19-Krediten Liquiditätshilfen für Schweizer Unternehmen ausgesprochen. Schweizer Banken haben hier einen wichtigen Beitrag geleistet. Wie steht es um die befürchteten Kreditausfälle? Kommt es zu einer Kreditblase?

Wichtig war, dass die Gelder rasch an die Unternehmen geflossen sind. Sonst wäre es zu einer Konkurswelle oder sonstigen Problemen in den Lieferketten gekommen. Dieses Ziel wurde erreicht. Dass es zu Ausfällen kommen wird ist klar, dafür hat der Bund ja auch Gelder reserviert. Die Tatsachen, dass das Programm aber bei weitem nicht ausgeschöpft worden ist und Unternehmen begonnen haben Kredite zurückzubezahlen deutet indes darauf hin, dass sich die Ausfälle in Grenzen halten werden. 

Was kann gesamthaft betrachtet über den Einfluss von Covid-19 auf die globale Wirtschaft gesagt werden? Sehen Sie Parallelen zur Finanzkrise 2008?

Es gibt Parallelen, aber vor allem gewichtige Unterschiede. Erstens ist die Coronapandemie endlich, während man sich zu Beginn der Finanzkrise auf eine jahrelange Durststrecke einstellen musste. Zweitens sind die Banken diesmal nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Entsprechend sind die Massnahmen der Zentralbanken tatsächlich in der Realwirtschaft angekommen. Drittens hat die Fiskalpolitik viel rascher und dezidierter eingegriffen. Entsprechend war zwar der Einbruch deutlich tiefer, aber viel kürzer und die Erholung stärker.

Gemeinsam haben die Krisen, dass die Staatsverschuldung danach deutlich höher ist als vorher, wobei hierbei die Coronapandemie alle bisherigen Massstäbe sprengt. 

Welche wirtschaftlichen (Erholungs-)Prognosen sehen Sie für Europa und USA?

Die USA profitiert vom massiven Fiskalstimulus der Regierung Biden. Zudem scheint die Impfkampagne besser voranzukommen als in Europa. Entsprechend dürfte die Erholung diesseits des Atlantiks rasche und stärker ausfallen als in Europa.

Die Aussichten auf hohes Wachstum in den USA haben bereits Inflationssorgen geweckt. Auch wenn ich davon ausgehe, dass die Inflation nur kurzfristig überschiessen wird (dies vor allem, weil Ölpreise deutlich teurer sind als im globalen Lockdown letztes Jahr), sorgen die geänderten Markterwartungen dafür, dass die Zinsen auf Staatsanleihen langsam steigen. Die Zentralbanken – allen voran die US-Notenbank Fed – werden indes ihre Leitzinsen noch länger unverändert belassen und somit das kurze Ende der Zinskurve weiterhin tief halten.

In der Krise hat Europa einen weiteren Schritt in Richtung Fiskalunion bzw. stärkere Integration gemacht; dies mit dem Auflegen eines gemeinsamen Recovery Funds. Damit ist das Risiko eines Zerfalls der Eurozone wiederum kleiner geworden, was dem Euro Auftrieb gibt.  

Zuletzt eine persönliche Frage: Worauf freuen Sie sich am meisten, sobald sich die allgemeine Lage in Bezug auf Corona wieder normalisiert hat?

Ich freue mich auf den persönlichen Austausch mit Kunden und Kollegen. Ich glaube an die Kaffeemaschine als Innovationstreiber.

Im Privaten freue ich mich auf Treffen mit Freunden und Familien – am liebsten wieder in einem feinen Restaurant.

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