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Was bringt 5G der Bevölkerung und der Wirtschaft?

Interview mit O. Swantee & P. Grütter

Weltweit wird derzeit ein neuer Mobilfunkstandard eingeführt: 5G. Doch wofür steht diese «fünfte Generation» genau? Was spricht für die Einführung eines flächendeckenden 5G-Netzes in der Schweiz? Wo bestehen noch offene Fragen oder Risiken? Und wie sieht das weitere Vorgehen aus? Diesen und weiteren Fragen gehen Olaf Swantee, CEO von Sunrise Schweiz, und Peter Grütter, Präsident Schweizerischer Verband der Telekommunikation (asut), nach.

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Portait von Peter Grütter und Olaf Swantee

Peter Grütter, Präsident Schweizerischer Verband der Telekommunikation und Olaf Swantee, CEO von Sunrise Schweiz

Was ist eigentlich 5G?

Olaf Swantee: 5G ist die neueste, fünfte Mobilfunkgeneration und ist ein zentrales Element der Digitalisierung. Erst mit 5G kann eine nahtlos vernetzte Wirtschaft und Gesellschaft entstehen, in der Menschen, Dinge, Daten, Maschinen, Anwendungen künstlicher Intelligenz, Verkehrssysteme, Städte usw. in einer übergreifenden Kommunikationsumgebung interagieren.

Peter Grütter: Seit der Einführung des digitalen Mobilfunks 1993 wurde die Mobilfunktechnologie laufend verbessert. Die Einführung von 5G in der Schweiz geht Hand in Hand mit der «Strategie Digitale Schweiz» des Bundesrates und die eidgenössische Kommunikationskommission hat die Vergabe der benötigten Funkfrequenzen zügig durchgeführt. Daher gehört die Schweiz heute zu den ersten Ländern, in denen kommerzielles 5G am Markt angeboten wird. Für den Ausbau der Mobilfunknetze gelten dabei dieselben Spielregeln wie bisher. Bewilligungsprozesse, Umweltauflagen und insbesondere die bestehenden Strahlenschutzgrenzwerte müssen jederzeit eingehalten werden.

Neben ultraschnellem mobilem Internet bringt diese Technologie aufgrund der massiv gesteigerten Reaktionsfähigkeit und des geringen Energiebedarfs auf Sensorebene völlig neue Anwendungsmöglichkeiten in Wirtschaft und Industrie: von digitaler Landwirtschaft über Industrie 4.0 und das Internet der Dinge bis hin zu autonomen Fahrzeugen, künstlicher Intelligenz und massgeschneiderten Sicherheitslösungen für Polizei oder Feuerwehr.

Olaf Swantee: Um genau zu sein, bietet 5G technische Eigenschaften wie Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 20 Gbit/s, kürzeste Reaktionszeiten, Kapazitäten für millionenfache Verbindungen innerhalb weniger Quadratkilometer, gesicherte Bandbreiten in virtuellen Netzen für kritische Anwendungen wie Rettungsdienste, Mobilfunk-Basisstationen, die als Super-Computer dienen usw., die sich über die Luft flächendeckend nutzen lassen.

Wer sind die wichtigsten Akteure?

Olaf Swantee: Das sind Netzbetreiber und -ausrüster, Hersteller von Mobilgeräten und Forschungsinstitute, welche die 5G-Standards in internationalen Vereinigungen wie 3GPP definieren bzw. in der ITU, der internationalen Telekomvereinigung der UNO, entwickeln und weiter vorantreiben.

Was bringt 5G der Bevölkerung?

Peter Grütter: Die Bevölkerung wird von deutlich schnellerem mobilem Internet profitieren. «Augmented Reality», weitere Informationslayer vor allem während Videoübertragungen von Live-Events und 3D bei der räumlichen Orientierung, werden zum Standard werden und zunehmend die Grenzen zwischen der physischen und der virtuellen Welt auflösen. Und im ländlichen Raum, wo der Glasfaserausbau länger dauert, wird mobiles Breitband zur preiswerten Alternative.

Olaf Swantee: In einer ersten Phase sehen wir den Kundennutzen – nebst den Smartphones - bei «5G for People», also beim Hochbreitband-Internet mit glasfaserähnlichen Geschwindigkeiten in Gebieten, wo es keine Glasfaseranschlüsse in den Haushalten und Unternehmen gibt. Ferner kann 5G kurzfristig den Stau auf den Datenautobahnen verhindern. Der Datenverkehr über Mobilfunk verdoppelt sich alle 12-18 Monate. Deshalb müssen die Netze laufend ausgebaut werden.

Die Bevölkerung profitiert von neuen Arbeitsformen ausserhalb der Büros. Das arbeitsbedingte Reisen wird reduziert, was wiederum nachhaltiger ist. Gleichzeitig profitiert insbesondere die Bevölkerung in Randregionen von einer höheren Chancengleichheit nicht nur beim Arbeitsmarktzugang, sondern auch zur Bildung, zum Gesundheitswesen, zu Konsummärkten und vielem mehr. Eine Studie des Schweizerischen Verbands der Telekommunikation zu den Vorteilen ergab, dass 5G der Schweiz bis 2030 einen Produktionszuwachs von über CHF 44 Milliarden pro Jahr einbringen und 137‘000 Arbeitsplätze schaffen könnte. Andererseits hat eine dreijährige Verspätung von 5G – und wir sind daran, uns zu verspäten – eine Minderung des Zuwachs in der Höhe von CHF 10 Milliarden zur Folge.

Welche weiteren Vorteile ergeben sich?

Olaf Swantee: In den nächsten Jahren bringt 5G beispielsweise eine effizientere Nutzung knapper Ressourcen. Die Kombination von 5G-Netzen mit datensammelnden Sensoren ermöglicht die Überwachung und Automatisierung vieler Abläufe in Echtzeit. Das Internet der Dinge wird Realität und kann zum Beispiel bei Umweltproblemen neue Ansätze bieten, etwa zu einer effizienteren Wasser- und Energieversorgung. Abfälle lassen sich reduzieren, unnötige Transporte lassen sich vermeiden, der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden lässt sich reduzieren.

Peter Grütter: In Wirtschaft und Industrie eröffnen sich unzählige Einsatzmöglichkeiten, die auf die spezifische Branchensituation zugeschnitten sein werden. In der Landwirtschaft, zum Beispiel, werden über 5G vernetzte Sensoren und Maschinen eine Steigerung der Erträge unter gleichzeitiger Reduktion des Düngemittel- und Pestizideinsatzes bewirken. Die Maschinenindustrie wird die neue Mobilfunkgeneration nutzen, um die Produktion zu digitalisieren, die Flexibilität zu steigern und noch wettbewerbsfähiger zu werden. Neue Lösungen zeichnen sich auch im Gesundheitswesen, beim Städtemanagement oder im Verkehr ab.

Was braucht es noch, damit wir dort hinkommen?

Peter Grütter: Die Technologie ist vorhanden, erste Endgeräte sind bereits am Markt verfügbar, und die Schweizer Anbieterinnen bauen ihre Netze mit Hochdruck aus. Wir sind also gut gestartet. Nun braucht es Partnerschaften und ein kreatives Ökosystem, um Lösungen und Anwendungen für die verschiedenen Branchen zu entwickeln. «Die» Killerapplikation dürfte es kaum geben. Vielmehr wird es eine Vielzahl von neuen Anwendungen geben und so wie die vielen Apps das Smartphone zum Erfolg geführt haben, werden neue Lösungen und «Wearables» die 5G Landschaft prägen.

Olaf Swantee: Grundvoraussetzung ist, dass wir leistungsfähige und flächendeckende 5G-Netze bauen können. Das ist in der Schweiz innert nützlicher Zeit praktisch nicht möglich aufgrund der einzigartig strengen Grenzwerte für Mobilfunkstrahlen und der langwierigen, komplizierten Verfahren beim Antennenbau. Werden Grenzwerte und Bauvorschriften nicht angepasst, wird sich 5G in der Schweiz nicht wie vorhin erwähnt nutzen lassen, und die Schweiz gerät ins Hintertreffen.

Wo sehen Sie noch offene Fragen oder Risiken?

Olaf Swantee: Eine nahtlos vernetzte Wirtschaft und Gesellschaft ist ein attraktives Ziel für Cyberkriminelle. Erfolgreiche Angriffe hätten verheerende Folgen. 5G bietet die höchsten Sicherheitsstandards. Das alleine genügt aber nicht. Cyberrisiken werden oft zu national und zu isoliert angegangen. Hier muss die Branche insgesamt und auf internationaler Ebene die Hausaufgaben besser machen. So lautet auch der Tenor der führenden Cybersicherheitsexperten. Zusätzlich gibt es in der Bevölkerung Unsicherheiten betreffend den Gesundheitsauswirkungen, weil viele «Fake News» zu 5G kursieren. Hier gilt es, Ängste abzubauen und Fakten zu vermitteln. Ein Fakt ist, dass nach über 30-jähriger Forschung und tausenden von Studien keine gesundheitsschädlichen Wirkungen nachweisbar sind, wenn die von der WHO empfohlenen Grenzwerte eingehalten werden. In der Schweiz liegt der Grenzwert sogar nur bei einem Zehntel der WHO-Empfehlungen und sollte angepasst werden.

Peter Grütter: Es ist richtig, dass die Einführung der neuen Mobilfunkgeneration in Teilen der Bevölkerung Besorgnis ausgelöst hat. Die einen fürchten sich generell vor den Mobilfunkwellen, anderen ist das Tempo der technologischen Entwicklung zu rasant, noch andere äussern vor allem Sicherheits- und Datenschutzbedenken. All diese Sorgen gilt es ernst zu nehmen. Wichtig ist dabei, dass 5G sehr ähnliche Funkfrequenzen oder Signale nutzt, wie die bisherigen Mobilfunkgenerationen oder WLAN. Auch die Strahlenschutzgrenzwerte gelten uneingeschränkt, und das Vorsorgeprinzip wird bei allen Mobilfunkanlagen beachtet. Es gibt also keine «neuen» Risiken. Aber diese Fakten und Informationen müssen besser vermittelt werden. Die Bundesbehörden haben hier einen wichtigen Beitrag geleistet und stellen umfangreiche Informationen auf ihren Webseiten zur Verfügung. Aber auch den kantonalen und kommunalen Behörden kommt hier eine wichtige Rolle zu.

Könnten sich die von den USA angedrohten Sanktionen gegenüber China auch auf Schweizer Anbieter auswirken?

Peter Grütter: Ja, natürlich. Sollte unser zweitwichtigster Handelspartner die Zusammenarbeit mit chinesischen Technologiefirmen nachhaltig unterbinden wollen, könnte sich das aufgrund der ausgreifenden Natur der US-Handelspolitik sehr wohl auf die Berücksichtigung von chinesischen Unternehmen durch Schweizer Anbieter auswirken. Allerdings erscheint mir dieses Szenario keinesfalls zwingend. Wenn sich längerfristig die global integrierte in eine bi- oder multipolare Wirtschaft wandelt, müsste sich allerdings auch die ganze Schweizer Wirtschaft – und nicht nur die Mobilfunkanbieter – neu ausrichten.

Olaf Swantee: Die teilweise schon wieder aufgehobenen Sanktionen betreffen die Zuliefererkette von Huawei. Diese Massnahmen wurden erwartet und haben keine direkten Auswirkungen auf Sunrise. Aber selbstverständlich nehmen wir bei allen Zulieferern Risiko-Abschätzungen vor und haben entsprechende Alternativ-Szenarien. Der Bundesrat wie auch der Nachrichtendienst des Bundes haben sich gegen den Ausschluss von Huawei ausgesprochen. Wir planen folglich keinen Wechsel des Zulieferers.

Wie gedenken Sie, den Dialog mit der Öffentlichkeit zu gestalten? Wie sieht das weitere Vorgehen aus?

Peter Grütter: Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt, dass die EU die rasche Einführung von 5G unterstützt. Österreich hat sogar eine eigentliche 5G-Strategie und möchte zum Vorreiter in Europa werden. Allseits wird erwartet, dass 5G die Grundlage für zukünftige Arbeitsplätze, erfolgreiche Unternehmen und eine effiziente Verwaltung darstellt. In der Schweiz ist es uns noch nicht gelungen, die ganze Bevölkerung davon zu überzeugen, dass 5G eine grosse Chance für unser Land darstellt. Hier braucht es eine gemeinsame Anstrengung der Telekombranche und der Anwenderunternehmen. Das Gelingen von 5G hängt ja nicht einfach von den Mobilfunkanbietern ab, sondern von all den Unternehmen aus Detailhandel, Logistik, Medien, Industrie, Finanz- und Versicherungswirtschaft, Gesundheitswesen und vielen mehr.

Olaf Swantee: Uns ist sehr daran gelegen, den durch «Fake News» in den sozialen Medien geschürten Ängsten transparent mit Fakten zu begegnen. Wir informieren laufend über die verschiedenen Kanäle wie Medien, Kundendienst, lokale Veranstaltungen usw. über die Fakten zu 5G und sind mit den kommunalen, kantonalen und Bundesbehörden in Kontakt. Die Versachlichung der Diskussion wird noch Zeit brauchen. Wir sehen aber, dass es bereits Fortschritte gibt. Die Leute setzen sich zunehmend differenziert mit der Thematik auseinander, und wir werden auch zusammen mit dem Branchenverband den Dialog weiter intensivieren.

Peter Grütter: Dialog ist wichtig. Letztlich werden es jedoch die neuen Anwendungen und Lösungen sein, welche 5G in der Bevölkerung, in der Wirtschaft und beim Staat zum Erfolg tragen werden.

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