• Owen Matthews, Director |

Klima-Stresstests sind eine Challenge, doch gute Tests lohnen sich – jenseits der Einhaltung von Vorschriften. Für gute Ergebnisse müssen Firmen ein ganzes Arsenal fortschrittlicher Techniken in verschiedensten Disziplinen – von der Makroökonomie bis zur Katastrophenmodellierung – beherrschen.

1. Was ist ein Klimarisiko?

Klimarisiken sind die Gefahren, denen die Weltwirtschaft aufgrund der Klimaproblematik ausgesetzt ist. Allgemein werden zwei zentrale Risikokategorien unterschieden:

Physische Risiken entstehen durch Umweltauswirkungen, die eine direkte Folge der globalen Klimaerwärmung sind. Schon jetzt lassen sich erste dauerhafte Auswirkungen feststellen, etwa der Anstieg der Meeresspiegel. Aber auch die Häufigkeit akuter Ereignisse, etwa von Stürmen und Flächenbränden, die schwerer vorherzusagen sind, hat zugenommen.  

Transitionsrisiken ergeben sich aus dem Wandel zugunsten einer nachhaltigen Wirtschaft. Dazu gehören auch Politikwechsel und technologische Durchbrüche. Je früher die Transition einsetzt, beispielsweise durch eine drastische CO2-Besteuerung, umso bedeutsamer sind die Transitionsrisiken. Wenn die Transition hingegen später einsetzt und der globale Temperaturanstieg unkontrolliert voranschreitet, stehen die physischen Risiken im Vordergrund.

2. Warum sollten sich Finanzinstitute Gedanken über Klimarisiken machen?

Regulierungen und Reporting sind die wichtigsten Treiber der meisten Stresstests. Die Aufsichtsbehörden als Hüter der wirtschaftlichen Stabilität verlangen von den Finanzinstituten die Durchführung regelmässiger Stresstests. Nun gewinnt die Finanzmarktaufsicht auch im Kampf der Staaten gegen den Klimawandel an Bedeutung. Die Zentralbanken, allen voran die PRA im Vereinigten Königreich und die EZB, führen bereits Klima-Stresstests ein. Diese erfüllen zwei Aufgaben: Erstens liefern sie eine Einschätzung der Widerstandsfähigkeit des Finanzsektors gegenüber dem Klimawandel; und zweitens zeigen sie auf, welche Auswirkungen die Geschäftstätigkeit – vor allem das Anlage- und Versicherungsgeschäft – einzelner Unternehmen auf das Klima hat.

Risikomanagement und Geschäftsführung
Die Erkenntnisse aus diesen Szenarioanalysen können auch wertvolle Instrumente für das Risikomanagement und die Geschäftsführung von Unternehmen sein. Diese können mit ihrer Hilfe abschätzen, welche Emissionen ihr Portfolio unter bestimmten Umständen verursacht. Die Unternehmen erkennen so, inwieweit sie mit einem 1,5-Grad-kompatiblen Emissionspfad im Einklang sind, und können entsprechende Anpassungen vornehmen. Es geht allerdings nicht nur um Schadensbegrenzung: Die Szenarioanalyse ermöglicht auch höhere Erträge, indem sie aufzeigt, unter welchen Bedingungen und in welchen Bereichen sich zukünftig Wachstum generieren lässt.

3. Welchen Einfluss haben Klimarisiken auf Finanzinstitute?

Vermögenswerte sind sowohl von physischen Risiken als auch von Transitionsrisiken betroffen. Der genaue Mechanismus, wie sich diese Risiken jeweils auswirken, hängt von den jeweiligen Vermögensklassen und Risikokategorien ab. Eine umfassende Einschätzung muss daher möglichst alle Risiken betrachten – von den Hochwasserfolgen für Immobilien bis zur Auswirkung von CO2-Steuern auf die Energiekosten. 

Versicherungsverbindlichkeiten sind ebenfalls nicht leicht zu modellieren. Physische Auswirkungen lassen sich meist gut mithilfe der bereits vorhandenen Katastrophenmodelle abschätzen. Bei der Folgenabschätzung für unterschiedliche Transitionsrisiken, etwa die Dekarbonisierungsrate einzelner Industriesektoren, stehen wir allerdings noch am Anfang. 

Die eigene Betriebstätigkeit ist für die meisten Finanzinstitute eher weniger bedeutsam. Dennoch sollten die Auswirkungen von Klimarisiken auf Gebäude, Mitarbeitende und Infrastrukturen der Bank beurteilt werden. Dabei können auch vorgelagerte Effekte, etwa durch Lieferanten, berücksichtigt werden.

4. Wie können wir Klimastress messen?

Klima-Stresstests – oder Szenarioanalysen – haben ihren Ursprung in den von den Aufsichtsbehörden nach der Finanzkrise 2008 eingeführten makroökonomischen Stresstests. Die Idee ist scheinbar einfach: Man entwirft ein potenziell schwerwiegendes, aber plausibles Zukunftsszenario, um herauszufinden, wie sich das eigene Finanzinstitut unter diesen Umständen bewähren würde.

Am Anfang jedes Stresstests steht also die Entwicklung eines Szenarios. Ein Szenario besteht aus den Entwicklungspfaden einer Reihe von Variablen, die ein bestimmtes hypothetisches Ergebnis abbilden. Die Entwicklung eines schlüssigen Szenarios, das finanzielle, makroökonomische und physische Variablen berücksichtigt, ist eine komplexe Aufgabe – sowohl in wirtschaftlicher als auch in mathematischer Hinsicht. Der grosse zeitliche Horizont ist hier eine zusätzliche Herausforderung: Klimarisiko-Szenarien umfassen Zeiträume von bis zu fünfzig Jahren, gegenüber drei oder fünf Jahren, die ein herkömmlicher Stresstest berücksichtigt. Die Aufsichtsbehörden geben zwar Narrative und manchmal auch unterschiedliche Verläufe vor, aber die Finanzinstitute müssen diese in der Regel mit Leben füllen. Mitunter kann sich ein individuelles, selbst entwickeltes Szenario als aussagefähiger erweisen. 

Bei einer Wirkungsanalyse finden wir heraus, wie sich die einzelnen Geschäftsbereiche eines bestimmten Instituts darstellen würden, wenn ein bestimmtes Szenario einträte. Die Berechnung beruht auf der Betrachtung der einzelnen Bilanzposten eines Instituts. Welcher Ansatz im Einzelnen zum Tragen kommt, hängt von der jeweiligen Anlageklasse oder Art der Verbindlichkeit ab. Betrachten wir zum Beispiel Unternehmensanleihen. Die Wirkung von Ereignissen wie einem Flächenbrand auf die physischen Vermögenswerte des Unternehmens – also Betriebsstätten und Inventar – ist die eine Seite der Medaille. Aber auch der Einfluss der Transitionsrisiken auf die Energie-, Rohstoff- und Arbeitskosten muss berücksichtigt werden. 

Kennzahlen stehen am Ende eines jeden Stresstests. Sie zeigen uns, wie gut ein Finanzinstitut der im Szenario vorgegebenen hypothetischen Belastung standhält. Bei einem herkömmlichen Stresstest ist die Kernkapitalquote (Tier 1-Ratio, Mass für die Kapitalisierung) die zentrale Kennzahl. Eine ähnliche Bedeutung hat die Solvabilitätsmarge der Versicherungsunternehmen, deren Berechnung allerdings noch komplexer ist. Beide Kennzahlen zeigen die finanzielle Belastbarkeit des jeweiligen Unternehmens an. Klima-Stresstester interessieren sich zwar für diese Metriken, wollen darüber hinaus aber auch wissen, wie viel CO2 ein Institut im Rahmen seiner Geschäftstätigkeit in die Atmosphäre entlässt.

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