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COVID-19: Rückstellungen

COVID-19: Rückstellungen

COVID-19: Rückstellungen

Markus Vogel | Partner,

Das Coronavirus hat die Weltwirtschaft seit Beginn des Jahres 2020 stark verlangsamt, wenn nicht sogar in gewissen Teilen zum Stillstand gebracht. Zwar wurden die weltweiten Auswirkungen des Virus der grossen Öffentlichkeit erst im Verlaufe des Februar 2020 bekannt, doch reichen seine Ursprünge bis in den Dezember 2019 zurück. Für Unternehmen stellt sich somit die Frage, ob die finanziellen Folgen der andauernden Krise bereits im Geschäftsabschluss 2019 (steuerlich) berücksichtigt werden müssen, können und/oder dürfen.

Grundsatz

Dem Periodizitätsprinzip folgend sind Aufwände und Erträge jener zeitlichen Periode (Geschäftsjahr, Steuerjahr) zuzuordnen, in welcher diese angefallen sind. Durch die Bildung von Rückstellungen kann auch künftigen Mittelabflüssen, Minderzuflüssen oder Wertminderungen Rechnung getragen werden. Ob eine Rückstellung zu bilden ist, bestimmt sich zum Zeitpunkt des Bilanzstichtages, beispielsweise per 31. Dezember.

Besteht das auslösende Ereignis, d.h. die Ursache für einen künftigen Mittelabfluss, Minderzufluss oder eine Wertminderung, bereits zum Zeitpunkt des Bilanzstichtages, so ist eine Rückstellung zu Lasten der Jahresrechnung vorzunehmen. Dazu können auch Informationen beigezogen werden, welche erst nach dem Bilanzstichtag bekannt geworden sind. Ist das auslösende Ereignis hingegen erst nach dem Bilanzstichtag eingetreten, so sind dessen erwartete Auswirkungen im Anhang zur Jahresrechnung auszuweisen.

Vorgenommene Rückstellungen zu Lasten der Jahresrechnung sind – sofern handelsrechtskonform – auch für das Steuerrecht massgeblich (sog. Massgeblichkeitsprinzip der Handelsbilanz). Korrekturen von Seiten der Steuerbehörden werden nur insoweit vorgenommen, als die Handelsbilanz offenkundig zwingendes Handelsrecht verletzt oder das Steuerrecht eine Korrekturnorm kennt, was insbesondere auf die nicht geschäftsmässig begründeten Aufwendungen, Abschreibungen und Rückstellungen zutrifft.

Handelsrechtliche Voraussetzungen zur Bildung von "COVID-19-Rückstellungen"

Die Bildung von handelsrechtskonformen Rückstellungen setzt voraus, dass die künftigen Ergebnisse

  • auf einem in der Vergangenheit liegenden Ereignis beruhen sowie
  • zu einem wahrscheinlichen Mittelabfluss, Minderzufluss oder einer Wertminderung führen.

Die sich hier primär stellende Frage ist, ob in Bezug auf das Coronavirus von einem "in der Vergangenheit liegenden Ereignis" gesprochen werden kann.

Der Dachverband der Wirtschaftsprüfung, Steuern und Treuhand (EXPERTsuisse) vertritt in seinem Update vom 20. März 2020 die Auffassung, dass es sich beim Coronavirus um ein Ereignis handelt, welches erst nach dem 31. Dezember 2019 eingetreten ist. Folglich wäre eine buchhalterische Berücksichtigung in der Jahresrechnung 2019 nicht nötig, hingegen ist im Anhang zur Jahresrechnung auf mögliche Auswirkungen hinzuweisen. Diese Auffassung fusst auf der Feststellung, dass das Coronavirus erst im Jahr 2020 ausserhalb Chinas erste Auswirkungen gezeigt hat und sich die Lage in der Schweiz erst seit dem Entscheid des Bundesrates vom 28. Februar 2020, die Situation als besondere Lage einzustufen, verschärft hat. Dessen ungeachtet ist es aufgrund der ausserordentlichen Situation mit mutmasslich starken finanziellen Auswirkungen für einzelne Unternehmen durchaus denkbar, im Rahmen der Möglichkeiten des Obligationenrechts zum Beispiel die Vornahme zusätzlicher Wertberichtigungen oder die Bildung von Rückstellungen als Instrumente zur Sicherung des dauernden Gedeihens des Unternehmens (im Sinne von Art. 960a Abs. 4 OR sowie Art. 960e Abs. 3 Ziff. 4 OR) zu prüfen.

Dieser Meinung stehen die Massnahmenpakete der Kantone Zug, Wallis und Aargau entgegen, welche die steuerliche Abzugsfähigkeit zusätzlicher Rückstellungen anerkennen. Dadurch wird zumindest implizit zum Ausdruck gebracht, dass die Frage des Eintrittsdatums nicht unumstritten ist.

Steuerliche Zulässigkeit von "COVID-19-Rückstellungen"

Im Rahmen kantonaler Unterstützungsmassnahmen haben sich beispielsweise der Kanton Zug und der Kanton Wallis entschlossen, durch die steuerliche Anerkennung von zusätzlichen Rückstellungen (COVID-19-Rückstellungen) entgegenzukommen.

Konkret können Zuger und Walliser Unternehmen, die direkt oder indirekt unter den negativen Auswirkungen des Virus leiden, im Geschäftsjahr 2019 ausserordentliche Rückstellungen bilden. Diese sind zwingend im Geschäftsjahr 2020 wieder aufzulösen.

Auch der Kanton Aargau lässt zusätzliche "COVID-19-Rückstellungen" im Geschäftsjahr 2019 zu, wobei im Moment noch keine näheren Angaben dazu vorhanden sind. Es ist davon auszugehen, dass weitere Kantone dem "COVID-19-Rückstellungsmodell" folgen dürften. Bisher hat einzig der Kanton Schwyz offiziell seine gegenteilige Haltung bekräftigt und bekannt gegeben, dass keine zusätzlichen Rückstellungen anerkannt werden.

In jedem Fall gilt es folgendes zu beachten:

  • Die Bildung von "COVID-19-Rückstellungen" ist im Einzelfall zu analysieren.
  • Die Höhe der steuerlich erlaubten Rückstellungen dürfte prozentual und/oder betragsmässig eine Begrenzung erfahren (kantonale Unterschiede).
  • Die Erfassung dieser Rückstellung in der Jahresrechnung 2019 ist nur solange möglich, wie diese noch nicht abgeschlossen ist: Wenn möglich ist der Abschluss 2019 offen zu halten.
  • Ist die Jahresrechnung bereits erstellt und abgenommen, besteht allenfalls in gewissen Kantonen die Möglichkeit, dass die zusätzlichen Rückstellungen noch in der Steuerbilanz bzw. Steuererklärung berücksichtigt werden.
  • Die laufenden Entwicklungen in diesem Zusammenhang sind zu beobachten (inkl. nicht publizierter Möglichkeiten).

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