Nachhaltigkeit hat sich vom reinen Schlagwort zu einem finanziellen Wettbewerbsvorteil gewandelt. Der Kapitalmarkt berücksichtigt Nachhaltigkeitsfaktoren bei der Bepreisung von Risiken. Diese können auch bei der Kapitalbeschaffung des öffentlichen Sektors einen Einfluss auf die Finanzierungskonditionen haben. Ratingagenturen spielen dabei mit ihren Ratings eine gewichtige Rolle.

ESG-Aspekte (Environmental, Social & Governance) haben am Kapitalmarkt erheblich an Bedeutung gewonnen. Insbesondere das Volumen grüner Finanzierungen wächst seit Jahren kontinuierlich. Im Jahre 2018 wurden grüne, soziale bzw nachhaltige Finanzanleihen mit einem weltweiten Volumen von EUR 127 Mrd emittiert, 2020 waren es bereits EUR 386 Mrd.1 Diese neuen Finanzierungsinstrumente haben nicht nur aus Umwelt- und Reputationsgründen an Attraktivität gewonnen. Auch aus finanzieller Sicht sind sie attraktiv, weil die Finanzierungskonditionen an die Nachhaltigkeitsperformance des Kreditnehmers bzw des Emittenten gekoppelt sein können.

Nachhaltigkeit bewerten

Eine gewichtige Rolle spielen dabei ESG-Ratings. Diese Ratings werden von Ratingagenturen vergeben. Hierbei kann zwischen Ratings „­konventioneller“ Ratingagenturen („Credit Rating Agencies“) wie Fitch, Moody’s und S&P oder Ratings spezialisierter ESG-Rating­agenturen wie EcoVadis, ISS ESG und Sustainalytics unterschieden werden. Auch ein Staat wie Österreich kann ein ESG-Rating erhalten. Ratings haben Einfluss auf die Zinsen von Staatsanleihen: Sie werden üblicherweise von Investoren bzw Kapitalgebern bei ihren Risiko-Analysen herangezogen. Werden Staatseinnahmen bspw vorwiegend im Tourismus-Sektor erzielt und ist dieser durch den Klimawandel bedroht, kann dies zu einem schlechteren (sowohl ESG- als auch Credit-) Rating eines Staates führen. Gleichzeitig führt das zu schlechteren Finanzierungskonditionen für dessen Staatsverschuldung.

Unterschiedliche Schwerpunkte

Bei der ESG-Bewertung durch spezialisierte ESG-Ratingagenturen beeinflussen alle jeweils agenturspezifisch definierten ESG-Faktoren das Rating. Für die Erstellung von ESG-Ratings gibt es zwar keine verbindlichen Regeln, allerdings haben sich bspw für den Umweltaspekt die Green Bond ­Principles der International Capital Market Association (ICMA) als Marktstandard etabliert. Die Faktoren können sich jedoch je nach Agentur unterscheiden, weil keine einheitliche Definition von Nachhaltigkeit existiert. Zudem ist im Gegensatz zu Credit Ratings der Adressatenkreis von ESG-Ratings heterogen. Aus den genannten Gründen kann sich der Fokus bei der Betrachtung von ESG-Faktoren je nach ESG-Ratingagentur unterscheiden. Dadurch ist der Vergleich von ESG-Ratings unterschiedlicher ESG-Ratingagenturen schwierig. Erschwerend kommt hinzu, dass die jeweiligen Rating-Methoden intransparent sind („Blackbox“).

Im Unterschied zu speziellen Nachhaltigkeits-Ratingagenturen ist das ESG-Rating konventioneller Ratingagenturen nur einer von mehreren Inputs, die in die Bonitätsanalyse für ein sogenanntes Credit Rating einfließen. In ihrer Betrachtung von ESG-Aspekten liegt der Fokus auf Faktoren, die Auswirkungen auf die wahrgenommene Zahlungsfähigkeit eines Emittenten haben. Die herangezogenen ESG-Faktoren orientieren sich dabei an allgemein anerkannten Reporting-Standards wie die des Sustainability Accounting Standards Board (SASB) oder an den Principles for Responsible Investment der Vereinten Nationen (UN PRI). Der Vergleich von Ratings konventioneller Ratingagenturen ist weniger schwierig, weil ihre Rating-Methodiken ähnliche Faktoren berücksichtigen. Zudem stellen diese Agenturen umfassende Dokumentationen zur Verfügung, die den jeweiligen Rating-Prozess transparent erläutern.

Gut zu wissen

Ratingagenturen und ihre Ratings haben durch den verstärkten Fokus des Kapitalmarkts auf ESG-Aspekte erheblich an Bedeutung gewonnen. Das gilt insbesondere für ESG-Ratings, weil diese vor allem Einfluss auf die Finanzierungskonditionen neuer, grüner Finanzierungsinstrumente haben können. Der Vergleich von ESG-Ratings spezialisierter ESG-Ratingagenturen ist schwierig, weil diese Agenturen jeweils unterschiedliche Schwerpunkte bei der Berücksichtigung von ESG-Faktoren legen. Konventionelle Ratingagenturen hingegen wenden ähnliche Rating-Methodiken an. Das gilt auch für ihre ESG-Ratings und erleichtert dadurch den Vergleich ihrer Ratings.

1 https://www.bloomberg.com/press-releases/2021-01-19/green-social-and-sustainability-bonds-market-2021-outlook-the-new-sustainable-borders (Abruf: 16. August 2021)