Das anhaltende Niedrigzinsumfeld beschäftigt die Versicherungsbranche, allen voran Lebensversicherungsunternehmen: sinkende Erträge aus Kapitalanlagen, hohe Kosten durch wachsende Regulierung, hohe Garantieversprechen der Vergangenheit. Ein Asset Liability Management kann Fehlentwicklungen nicht ungeschehen machen, hilft aber bei der Steuerung und Beurteilung der Risiken aus Kapitalanlagen und Verbindlichkeiten.

Das systemische Risiko der niedrigen Zinsen beschäftigt nicht nur die Versicherungsunternehmen selbst, sondern auch die europäische Aufsichtsbehörde. Die regelmäßig stattfindenden EIOPA Stress Tests verfolgen unter anderem das Ziel, die Auswirkung des Niedrigzinsumfelds auf die Liquidität und Eigenmittelausstattung der Versicherungsunternehmen laufend zu beurteilen. Auch die Aufnahme des regulatorischen Erfordernisses eines Asset Liability Managements (ALM) sowohl im Versicherungsaufsichtsgesetz als auch in der Kapitalanlageverordnung für Versicherungsunternehmen unterstreicht die hohe Bedeutung des Themas als wesentlichen Teil der Unternehmensteuerung.

Altlasten managen

Das Hauptproblem der Versicherungsunternehmen besteht nach wie vor in den bestehenden Lebensversicherungsverträgen: Die hohen garantierten Renditen aus der Vergangenheit – einst scheinbar konservativ – beeinflussen nun in Zeiten von Nullzinsen die Profitabilität und Solvenz der Versicherungsunternehmen negativ. Auch die EZB sieht in ihrem Financial Stability Review1 dauerhaft niedrige Zinsen als wesentliches Risiko für die Branche. Das aktive Gegensteuern bei den bereits eingegangenen Verpflichtungen gestaltet sich vor allem in einer Niedrigzinsphase sehr schwierig. Versicherungsnehmern einen Produktwechsel schmackhaft zu machen, wird nur selten gelingen. Eine Möglichkeit, die bereits zugesagten Garantien nicht zu erhöhen bzw zu verlängern, kann durch ein Absenken der Gewinnbeteiligung erreicht werden. Dabei könnte es allerdings zu dem unerwünschten Effekt eines Vertrauensverlustes bei den Kunden kommen, der sich wiederum negativ auf das zukünftige Neugeschäft auswirken kann.

Komplexe Herausforderung

Die Auswirkung des Niedrigzinsumfelds ist sowohl in der Ertragssicht als auch bei marktkonformer Bewertung in der Bilanzsicht zu erkennen: Im ersten Fall durch die Reinvestition des Netto-Cashflow aus Prämien und fälligen Kapitalanlagen zu schlechteren Konditionen, im zweiten durch unterschiedliche Durationen auf der Aktiv- und Passivseite. Ersterem kann zwar entgegengewirkt werden, indem der Fokus vermehrt auf risikoreichere Anlagen mit höherem Renditepotenzial wie Immobilien, Infrastruktur, Private Equity oder auch Aktien gelegt wird. Dies hilft aber nur bedingt, weil für diese Assetklassen auch ein höheres Kapitalerfordernis zu hinterlegen ist. Alternativ bieten sich Anlagen mit längeren Durationen mit dem Vorteil von höheren Renditen bei gleichzeitiger Verringerung der Durationslücke an. Ein solches Synchronhalten von Aktiva und Passiva reduziert nicht nur das Risiko gegenüber Zinsänderungen, sondern manifestiert sich auch in niedrigeren Risikokapitalanforderungen für die Unternehmen. Das könnte wohl ein Grund gewesen sein, weshalb Anleihen mit sehr langen Laufzeiten in letzter Zeit bei ihrer Emission trotz mäßiger Renditen oftmals stark überzeichnet waren. Es ist hierbei jedoch immer zu beachten, dass Kurswertverluste verursacht durch einen plötzlichen Zinsanstieg den ­Versicherungsunternehmen in Zukunft auch zu schaffen machen könnten.

Abbildung Gegenüberstellung

Die Risiken im Blick

Demzufolge ist gerade in schwierigen Zeiten die Notwendigkeit eines funktionierenden Asset Liability Managements für Versicherungsunternehmen von hoher Bedeutung. Es unterstützt dabei, die Risiken, die sich aus den Interrelationen von Aktiv- und Passivseite ergeben, möglichst gut einzuschätzen und steuern zu können. Die Qualität eines Asset Liability Managements lässt sich daran messen, wie stark die Ergebnisse als objektivierte Entscheidungsgrundlage in den Prozess von Managemententscheidungen eingebettet sind. Bei der Ausgestaltung selbst sollten verschiedene Aspekte berücksichtigt werden. Ausgangspunkt dafür bildet eine niedergeschriebene ALM-Strategie, in der das Ziel und der Zweck klar definiert sind. Dies hat wiederum Auswirkung auf den Aufbau des Modells selbst. Stochastische Modelle scheinen auf den ersten Blick einem deterministischen Ansatz überlegen zu sein: Sie liefern Verteilungsfunktionen und damit Risikokennzahlen als Ergebnisse und berücksichtigen überdies Marktvolatilitäten und Abhängigkeiten bei den Simulationen. Tatsächlich können aber auch schon deterministische Modelle sehr aussagekräftige Ergebnisse liefern: Denn man kann sich auf wenige realistische Szenarien beschränken und damit wird die Interpretation oft verständlicher. Unabdingbar im Aufbau eines ALM-Modells ist jedenfalls, dass sowohl die ökonomische als auch die ­statutarische Sicht, und dabei vor allem der Gewinnbeteiligungsmechanismus, adäquat abgebildet werden. Dabei muss es nicht immer von Vorteil sein, ein Modell mit
„stochastischen“ Funktionalitäten zu überfrachten.

Thema im Aufschwung

Generell gilt: Ein solches Modell sollte im Risikomanagement operativ eingebettet werden, ALM muss als Teil des Risikomanagements verstanden werden. Darüber hinaus sind neben dem Risikomanagement der CFO, das Aktuariat, das Investmentmanagement und das Rechnungswesen die wesentlichen Stakeholder in diesem Prozess. Eine Operationalisierung ist somit deutlich erfolgversprechender, wenn die Komplexität eines solchen Modells auf das Wesentliche reduziert wird. Für die kurz- und mittelfristige Planung sollte als wesentliche Grundlage die Allokation der Kapitalanlagen und das Versicherungsgeschäft dienen. Damit ergibt sich eine enge Verzahnung mit dem Planungsprozess, in den die Ergebnisse des ALM integriert werden müssen. Solvency II und vor allem das aktuelle Niedrigzinsumfeld haben beim ALM-Thema für einen starken Aufschwung in den letzten Jahren gesorgt: Es genießt mittlerweile erhöhte Aufmerksamkeit in den Versicherungsunternehmen und hat nun den Stellenwert in der Unternehmenssteuerung, der ihm längst gebührt.

1 Financial Stability Review, May 2021