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Die Erwartungen an öffentliche und private Unternehmen, ihre wirtschaftliche Tätigkeit zunehmend an ESG (Environmental-, Social-, Governance)-Kriterien auszurichten, hat gerade in Zeiten der globalen Pandemie und der zunehmend stärker zu Tage tretenden Auswirkungen des Klimawandels wesentlich zugenommen. Diese Themen stehen im Fokus von Investorinnen bzw Investoren und anderer Stakeholderinnen und -holder und nicht zuletzt fließt die Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien auch verstärkt in die Kaufentscheidung der Kundinnen und Kunden ein. Wie sollen der Prüfungsausschuss bzw die Aufsichtsorgane dieses Thema im Rahmen ihrer Verantwortung für das Unternehmen berücksichtigen?

Zunächst gilt es als Aufsichtsorgan zu verstehen, welche ESG-Themen für das jeweilige Unternehmen von wesentlicher und vor allem auch strategischer Bedeutung sind, wie das Unternehmen bereits auf diese Themen eingeht und ESG im Unternehmen gelebt wird. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass noch sehr große Unterschiede in der Verinnerlichung von ESG in der Unternehmenspraxis bestehen. Dies ist einerseits branchenabhängig, weil in einigen Branchen bereits gesetzliche oder vertragliche Anforderungen (zB im Rahmen von Nachweisen als Mitglied einer Lieferkette) bestehen, zum anderen aber auch eine Frage der Unternehmenskultur und damit auch der Schwerpunktsetzung durch die jeweilige Unternehmensleitung.

Die Behandlung der ESG-Themen im Aufsichtsrat beruht in der Praxis auf unterschiedlichen Anhaltspunkten. Bei Unternehmen, die ein Nachhaltigkeitsreporting erstellen müssen, obliegt dem Aufsichtsrat die Prüfung der entsprechenden Angaben im Lagebericht (oder dem separaten Nachhaltigkeitsbericht). ESG-Themen spielen aber auch im Bereich des Risikomanagements in der Regel eine bedeutende Rolle. Nicht zuletzt hängt der Umgang mit ESG-Themen meist auch eng mit der Unternehmensstrategie zusammen. Viele Aufsichtsräte verfügen über separate Ausschüsse, die sich mit Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsfragen befassen, andere behandeln die ESG-Themen als Teil der jeweiligen bestehenden Ausschüsse, beispielsweise im Strategie-, Prüfungs-, oder Personalausschuss. Unabhängig davon, wo die Themen angesiedelt sind, der Aufsichtsrat sollte diesen jedenfalls gehörige Aufmerksamkeit widmen.

Die folgenden Absätze zeigen einige Fragen auf, die Aufsichtsorgane bei ihrer Arbeit berücksichtigen könnten.

Welche sind die wesentlichen ESG-Themen für das Unternehmen und deren Stakeholder?

Die Aufsichtsorgane sollten verstehen, welche Themenbereiche sowohl aus Sicht des Unternehmens als auch aus Sicht der Stakeholderinnen und -holder – vor allem auch der Kundinnen und Kunden – als besonders bedeutend eingeschätzt werden. In der Praxis wird die Identifikation dieser Themen im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt. Dabei gilt es zu hinterfragen und im Gremium zu diskutieren, ob die Ergebnisse dieser Analyse auch mit der eigenen Einschätzung übereinstimmen. Eine angemessene Identifikation der Themenbereich sollte durch empirische Daten untermauert sein. Sie bildet in der Folge die Basis für wesentliche Entscheidungen, beispielsweise über die künftige Strategie im Bereich der Nachhaltigkeit, entsprechende Unternehmensinitiativen, risikomindernde Maßnahmen oder auch über den Umfang der ESG-Berichterstattung.

Ein genauer Blick auf die aktuelle ESG-Berichterstattung

Der Umfang und die Tiefe der Berichterstattung des Unternehmens sollten sich nicht nur an den entsprechenden gesetzlichen Anforderungen ausrichten, sondern auch an der Bedeutung von ESG-Themen für das berichtende Unternehmen und den Erwartungen der Stakeholderinnen und -holder. Diese Einschätzung sollte der Aufsichtsrat bzw der Prüfungsausschuss regelmäßig hinterfragen und mit seinen eigenen Erwartungen abstimmen. Im Rahmen seiner Aufgabe zur Prüfung der Berichterstattung des Unternehmens sollte der Prüfungsausschuss die im Lagebericht (bzw im separaten Nachhaltigkeitsbericht) enthaltenen ESG-Informationen mit der gleichen Genauigkeit überwachen wie die finanziellen Informationen im Jahresabschluss und Lagebericht.

Ein robuster Prozess zur Erfassung der ESG-Informationen und für die Berichterstattung

Die Erhebung der für die interne und externe Berichterstattung erforderlichen Daten benötigt entsprechende Prozesse und interne Kontrollen. Diese laufen in der Regel nicht über die etablierten Systeme des Rechnungswesens. Besonders bei weltweit tätigen Unternehmen mit unterschiedlichen Produkten kann dies eine komplexe Aufgabe darstellen. Für die Messungen der Informationen bestehen in einigen Fällen zwar etablierte Standards, wie zB das Greenhouse Gas Protokol für die Messung der Emission von Treibhausgasen. Aber selbst in diesen Fällen ist es wichtig, alle involvierten Personen mit der Messungsmethode vertraut zu machen. Allgemein gesagt ist es erforderlich, die Messmethoden zu verstehen und festzulegen, wie und wie häufig solche Daten­erfassungen durchzuführen sind. Der Prüfungsausschuss sollte dabei ein Verständnis für die Methoden zur Messung der zentralen ESG-Werte entwickeln und hinterfragen, ob angemessene interne Kontrollen bestehen, um verlässliche Informationen zu gewährleisten.

Prüfung der ESG-Informationen

Für den Aufsichtsrat bzw den Prüfungsausschuss ist auch wichtig zu wissen, ob und in welchem Umfang die ESG-Berichterstattung einer externen Prüfung (zB durch die Abschlussprüferin bzw den -prüfer) unterliegt und wer gegebenenfalls eine solche Prüfung durchgeführt hat. Aktuell besteht in Österreich keine gesetzliche Pflicht zur externen Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung. In der Praxis entscheiden sich aber eine zunehmende Anzahl von Unternehmen für eine solche Prüfung – nicht selten auch auf Wunsch des Aufsichtsrates. In der Regel erfolgt diese Prüfung als sogenannte „Prüfung mit begrenzter Sicherheit“ („limited assurance“), was etwa mit einer prüferischen Durchsicht (Review) von Abschlüssen vergleichbar ist. Der Entwurf der neuen Richtlinie über die Nachhaltigkeitsberichterstattung  sieht ebenfalls eine Prüfung mit begrenzter Sicherheit vor. Langfristig ist jedoch zu erwarten, dass sich der Umfang der Prüfung erhöhen und dem Umfang, wie er für den Jahresabschluss verwendet wird („hinreichende Sicherheit“ bzw „reasonable assurance“), annähern wird.

Ob und in welchem Umfang eine externe Prüfung durchgeführt wird, kann aber auch von anderen Umständen, wie zB von den Anforderungen der Kundinnen und Kunden abhängen. Vor allem im Bereich der Konsumgüter wächst der Druck auf die Hersteller nachzuweisen, ob innerhalb der Lieferkette ein bestimmtes Maß an ESG-Kriterien, zB im Bereich der Arbeitsbedingungen für die Herstellung der Produkte, eingehalten wurde. Der Aufsichtsrat bzw Prüfungsausschuss sollte sich ein Bild davon machen, ob und in welchem Umfang eine externe Prüfung der ESG-Berichterstattung im konkreten Unternehmen erforderlich ist und seine Erkenntnisse mit der Unternehmensleitung abstimmen.

Mehrwert durch Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit hat auch eine wesentliche strategische Komponente und kann Mehrwert schaffen. Dazu sollte der Aufsichtsrat bzw der Prüfungsausschuss ein Verständnis über die Relevanz von Nachhaltigkeit für das Geschäftsmodell des Unternehmens und die Vorgehensweise der Mitbewerber am Markt gewinnen. Wie gehen die Mitwerber in diesem Bereich vor? Welche Informationen geben Sie bekannt? Welche regulatorischen Vorschriften können das Unternehmen treffen und was erwarten die Stakeholderinnen und -holder? Ein gutes Verständnis der aktuellen Situation hilft die künftigen Herausforderungen für das Unternehmen zu erkennen. Daraus lässt sich nicht nur das Erfordernis für die Berichterstattung, die dazu notwendige Datenerhebung oder die Verlässlichkeit dieser Daten ableiten. Diese Befassung kann auch dazu beitragen, Risiken und Chancen zu identifizieren und so das Wachstum und die erfolgreiche Weiterentwicklung des Unternehmens wesentlich unterstützen.

KPMG Ansprechpartner

Mag. Yann Georg Hansa

basierend auf einem Artikel von Maura Hodge, Audit Partner and US ESG Assurance Leader, KPMG US, veröffentlicht vom KPMG Audit Institute UK