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Die Folgen der Coronakrise für die Realwirtschaft haben auch Auswirkungen auf die Finanzwirtschaft. Dies zeigt sich vor allem in der Bewertung von Krediten, Wertpapieren und Beteiligungen.

In diesem Zusammenhang erfolgte eine empirische Untersuchung der Finanzberichterstattung zum 30. Juni 2020 von 21 IFRS-bilanzierenden Bankkonzernen in Österreich. Zweck dieser Untersuchung war es, wesentliche bilanzielle Auswirkungen, die mit der Anfangsphase der Coronakrise einhergehen, zu erheben und zu quantifizieren. Untersuchungsgegenstand waren das Gesamtergebnis, die Veränderung von Kreditrisikovorsorgen, Fair Value-Implikationen bei finanziellen Vermögenswerten, die Bewertung von nicht-finanziellen Vermögenswerten und das Ergebnis aus at-Equity Beteiligungen. Alle Zahlen im Fließtext und in den Grafiken sind, soweit nichts anderes angegeben, in Millionen Euro.

Kumuliertes Gesamtergebnis

Zur Einführung in die Thematik sind in Grafik 1 die Gesamtergebnisse sowie die Periodenergebnisse und das sonstige Ergebnis (OCI) auf kumulierter Basis der 21 Konzerne dargestellt. Als Haupttreiber der Ergebnisse werden in den Finanzberichten die Corona-bedingte negative Entwicklung der Kreditrisikovorsorgen, Fair Value-Verwerfungen und Rückgänge der Ergebnisse sowie Wertminderungen aus at-Equity-bilanzierten Beteiligungen genannt. Während das kumulierte Periodenergebnis im 1. Halbjahr 2020 mit einem Rückgang von EUR 2.979 Mio auf EUR 506 Mio noch positiv war, trug vor allem das sonstige Ergebnis dazu bei, dass auch das Gesamtergebnis mit in Summe EUR 405 Mio negativ ausfiel.

Bei der Analyse der Veränderung der Kreditrisikovorsorgen ist kumuliert eine deutlich höhere Vorsorgenbildung im Vergleich zum vorangegangenen Halbjahr zu beobachten, was durchwegs mit der Coronakrise und der daraus resultierenden Verschlechterung der makroökonomischen Aussichten begründet wird. Über alle 21 Banken hinweg erfolgte im 1. Halbjahr 2019 eine Auflösung an Risikovorsorgen in Höhe von kumuliert EUR 18 Mio, während im 1. Halbjahr 2020 in Summe EUR 1,6 Mrd den Vorsorgen zugeführt wurden.

Die Untersuchung zeigt, dass die – überwiegend international tätigen – Großbanken im Vergleich höhere Wertberichtigungen als kleinere Institute gebildet haben. Die sieben Banken mit einer Konzern-Bilanzsumme von über EUR 20 Mrd haben ihre Wertberichtigungsquote von 1,7 Prozent zum 31. Dezember 2019 auf 1,9 Prozent  erhöht. Bei den übrigen Banken hat sich die Vorsorgequote von 1,6 Prozent im Zeitverlauf nicht verändert, vor allem auch deswegen, weil höheren Vorsorgen im Lebendkreditbereich (Stufen 1 und 2) eine sogar gesunkene Stufe 3-Vorsorgequote entgegenlief.

Kumulierte Risikovorsorgen je Stufe

In Grafik 2 sind die absoluten Veränderungen der Stände der Risikovorsorgen der einzelnen Risikovorsorge-Stufen gemäß IFRS 9 zu Forderungen an Kunden ersichtlich. Die signifikantesten Änderungen sind gegenüber dem letzten Jahr in der Stufe 2 zu beobachten. Kumuliert erhöhten sich die Vorsorgen in dieser Stufe um EUR 837 Mio; das entspricht einer Zunahme von 78 Prozent. In der Ausfalls-Stufe 3 erhöhten sich die Vorsorgen um nur EUR 103 Mio oder 2 Prozent.

Eine übermäßige Steigerung der Ausfälle aufgrund von Insolvenzen war somit im 1. Halbjahr 2020 nicht feststellbar, was wohl auch mit Corona-begründeten Stützungsmaßnahmen der Politik erklärbar ist. Viele Banken erklären die Verschiebungen von Krediten von der Stufe 1 in die Stufe 2 vor allem mit kollektiven Stufentransfers von Krediten an Unternehmen, die in von der Pandemie besonders betroffenen Branchen tätig sind, sowie mit Auswirkungen von COVID-19-bedingten Rating-Verschlechterungen, die vor allem aus Anpassungen von makroökonomischen Parametern resultieren.

Kumulierte Veränderung der Fair Value OCI Rücklagen

Die Veränderung der Fair Value-OCI Rücklagen von finanziellen Vermögenswerten auf kumulierter Basis ist in Grafik 3 dargestellt. Sowohl bei Eigenkapital- als auch bei Schuldinstrumenten kam es zu einer signifikanten Reduktion der Rücklagen um insgesamt EUR 306 Mio nach einer Erhöhung von EUR 420 Mio im Vorjahr. Bei der ergebniswirksamen Bewertung liegt eine kumulierte Reduktion des Ergebnisses aus zum Fair Value bewerteten finanziellen Vermögenswerten von kumuliert EUR 165 Mio auf EUR -42 Mio vor. In Summe sind somit gerade im ersten Halbjahr 2020 wesentliche Abwertungen im Bereich von Wertpapieren zu beobachten.

Bei den nicht-finanziellen Vermögenswerten erfolgte eine Untersuchung der Auswirkungen auf Sachanlagen, immateriellen Vermögenswerten und Renditeimmobilien gemäß IAS 40. In diesen Bereichen konnten keine nennenswerten COVID-19-bedingten Veränderungen festgestellt werden. Sowohl die Bilanzansätze als auch die Abschreibungen auf nicht-finanzielle Vermögenswerte weichen nicht auffällig von jenen des Vorjahres ab.

erfolgswirksames at-Equity Ergebnis

Zehn Institute nahmen eine Werthaltigkeitsprüfung von zumindest einer at-Equity-bilanzierten Beteiligung vor. Zwei Banken kamen zum Entschluss, dass keine Wertminderung vorliegt, während acht Banken für mindestens eine Beteiligung eine Abwertung vornahmen. Wie in Grafik 4 erkennbar ist, kam es im ersten Halbjahr 2020 gegenüber der Vergleichsperiode 2019 zu einem schwerwiegenden Einbruch des at-Equity-Ergebnisses, das neben Wertminderungen auch den Ergebnisbeitrag für die jeweilige Periode beinhaltet. Haupttreiber für das schlechtere Ergebnis waren vor allem COVID-19-bedingte Beteiligungsabwertungen aufgrund von Kursrückgängen und der schlechteren zukünftigen Ertragsaussichten. Weiters fallen auch die laufenden Ergebnisbeiträge deutlich geringer aus. Der kumulierte Bilanzansatz der at-Equity-bilanzierten Beteiligungen verringerte sich in Summe um fast EUR 1 Mrd von EUR 11,2 Mrd auf EUR 10,3 Mrd.

Abschließend lässt sich feststellen, dass es auf Basis der vorliegenden Zahlen wohl noch zu früh ist, um Schlussfolgerungen und fundierte Aussagen über die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf die österreichischen Banken zu treffen. Die Aufsicht hat sich im Dezember 2020 besorgt darüber geäußert, dass Kreditrisiken derzeit von den Banken möglicherweise nicht ausreichend bevorsorgt werden. Banken sind mit der Problematik konfrontiert, dass eine derartige Krise nicht in den bestehenden Vorsorge-Modellen auf Basis historischer Daten abbildbar sind. Um den erwarteten, aber noch nicht hinreichend genau quantifizierbaren Auswirkungen Rechnung zu tragen, müssen sie daher entsprechende Schätzungsanpassungen bzw Post-Model-Adjustments vornehmen. Diese sind mit einem hohen Unsicherheitsfaktor behaftet, ua da sich Österreich aktuell im dritten Lockdown befindet. Daher wird mit Ablauf der Stundungen im Jahr 2021 und danach mit einer erhöhten Anzahl an Insolvenzen zu rechnen sein, was wohl in weiteren Steigerungen der Vorsorgen zum 31. Dezember 2020 seinen Niederschlag finden wird.

KPMG Ansprechpartner

Christian Grinschgl

Partner, Audit

KPMG Austria

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