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Die COVID-19-Pandemie und die Maßnahmen zu deren Eindämmung haben die tiefste globale Rezession seit den 1930er Jahren ausgelöst. Kommt es zu keiner größeren zweiten Infektionswelle, dürfte die Wirtschaftsleistung in Österreich im Gesamtjahr 2020 zwischen 7,1 Prozent (Schätzung der Europäischen Kommission, EK) und 8,3 Prozent (Fitch Ratings, FR) zurückgehen. Trotz Fortbildungen und Kurzarbeitsprogrammen erwartet das WIFO, dass die Arbeitslosenquote im heurigen Jahr von 7,4 Prozent auf 10,2 Prozent ansteigt.

Im kommenden Jahr sollte die Wirtschaft in eine Erholungsbewegung eintreten und um 4,1 Prozent (FR) bis 5,6 Prozent (EK) wachsen. Für die Arbeitslosigkeit wird für 2020 ein Rückgang auf 9,2 Prozent (WIFO) prognostiziert. Mitverantwortlich für die gedämpften Aussichten auf eine rasche Rückkehr der Wirtschaftsleistung ist neben der gestiegenen Beschäftigungslosigkeit die große Unsicherheit, insbesondere über den weiteren Verlauf der Pandemie.

Auch die Vorbereitungen der Unternehmen auf den Herbst und kommenden Winter stehen unter sehr unsicheren Vorzeichen: Sowohl der weitere Infektionsverlauf als auch die Entwicklung der „Corona‑Ampel“ und deren wirtschaftspolitische Konsequenzen schaffen ein sehr schwer berechenbares Umfeld. Diese Planungsunsicherheit reduziert die Bereitschaft für Investitionsprojekte und die für ein Wachstum unbedingt notwendigen strategischen Entscheidungen. Für das heurige Jahr erwartet das WIFO einen Rückgang der Bruttoinvestitionen um rund 11 Prozent, selbst für Bauten wird ein Rückgang von 2,5 Prozent erwartet.

Auch Konsumenten sind von dieser Unsicherheit betroffen. Während üblicherweise der Konsum stabilisierend bei Konjunktureinbrüchen wirkt, ist dies in der aktuellen Rezession nicht der Fall. Das WIFO erwartet im Jahr 2020 einen Rückgang des privaten Konsums in Österreich um 4,4 Prozent, verbunden mit einem Anstieg der Sparquote von 8,3 Prozent auf 10,9 Prozent.

Zusätzlich gilt es für die österreichische Exportwirtschaft zwei Probleme gleichzeitig zu meistern. Einerseits ist das Welthandelsvolumen für 2020 mit voraussichtlich 13,0 Prozent rückläufig, andererseits belastet der wieder erstarkte Euro (Anstieg des EUR/USD Kurses von 1,07 im März auf knapp unter 1,20 im September 2020) und die damit einhergehende Verteuerung der österreichischen Exportgüter den Außenhandel. Zwar sollte der Export im Jahr 2021 wieder positive Wachstumsraten aufweisen, das Umfeld bleibt jedoch sehr herausfordernd.

Um diesem wirtschaftlichen Einbruch entgegenzuwirken, wurde eine Reihe von staatlichen Förder- und Stützungsmaßnahmen im Umfang von über EUR 50 Mrd beschlossen. Insgesamt sind staatliche Maßnahmen in dieser Größenordnung notwendig, um die Wirtschaft zu stabilisieren beziehungsweise mittelfristig auf einen stabilen Wachstumskurs zu bringen. Allerdings wird dadurch das Budget massiv belastet. Gegenwärtig geht das WIFO von einem gesamtstaatlichen Defizit von 11,5 Prozent des BIP für 2020 aus. Nächstes Jahr könnte das Defizit bestenfalls auf 4,0 Prozent des BIP zurückgehen – wobei hohes Risiko besteht, dass diese Defizitzahl nicht gehalten werden kann.

Aufgrund der aktuellen Niedrigzinslandschaft ist Österreich die Aufnahme von Mitteln am Kapitalmarkt zu äußerst niedrigen, teilweise sogar negativen Renditen möglich, was die Problematik des steigenden Defizits abmildert. Eine unmittelbare Erhöhung des Zinsniveaus in der Eurozone steht nicht bevor. Der dadurch gewonnene Spielraum muss jedoch mit Bedacht eingesetzt werden. Zur Sicherung der mittel- und langfristigen Stabilität ist eine entsprechende Konsolidierungsstrategie mit konkreten Maßnahmen und Defizitzielen erforderlich. Bei aller Wichtigkeit der unmittelbaren Hilfsmaßnahmen ist die Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltige Finanzgebarung des Wirtschaftsstandorts nicht aus den Augen zu verlieren.

Zuschüsse, Stundungen und vor allem die Kurzarbeitsregelung helfen die unmittelbaren Auswirkungen der Rezession und somit Zahlungsausfälle und starke Anstiege in der Arbeitslosigkeit abzufedern. Dabei darf aber auch die langfristige Perspektive nicht aus dem Fokus geraten. Unternehmen ohne nachhaltiges Geschäftsmodell, die ebenso durch die Krise getragen werden, dürfen nicht verhindern, dass notwendige Ressourcen innovativen und zukunftsorientierten Unternehmen und Sektoren zur Verfügung stehen. „Zombie‑Unternehmen“ binden nicht nur Steuergelder, sondern auch in anderen Sektoren dringend benötigtes qualifiziertes Personal.

Bei Rückgang der Stützungsmaßnahmen Ende 2020/Anfang 2021 ist jedenfalls mit einem deutlichen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen und damit einhergehenden negativen Auswirkungen auf Beschäftigung und Arbeitsmarkt auszugehen, was insbesondere auch Konsequenzen in der österreichischen Bankenlandschaft nach sich ziehen wird.

Eine Konsolidierung des durch die Krise massiv angespannten Staatshaushalts und eine langfristige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit kann nur dann gelingen, wenn im Rahmen der wirtschaftspolitischen Maßnahmen zentrale, strukturelle Probleme adressiert werden. Die Wirtschaftspolitik sollte durch die Förderung von Zukunftsinvestitionen in den Bereichen Bildung, Forschung und Entwicklung, Technologie, Ökologie und (digitale) Infrastruktur die Wachstumskräfte der heimischen Volkswirtschaft stärken. Notwendige Reformen, etwa in den Bereichen Pensionen, Sozialsystem und Föderalismus, können dabei Einsparungspotenziale heben.

Diese strukturellen Herausforderungen, die nicht Corona zuzuschreiben sind, waren – sowohl national als auch international – schon vor COVID-19 präsent und werden dies auch zukünftig sein.

Es wird von zentraler Bedeutung sein, wie rasch und nachhaltig die Unsicherheitsfaktoren in den kommenden Monaten reduziert werden können. Nicht nur Corona, auch die offenen Themen der Handelsstreitigkeiten zwischen USA und der EU beziehungsweise China, oder auch die Folgen des ­Brexits, sind ungelöst. Das Abfedern der negativen Auswirkungen dieser Risiken hat wie das Verhindern eines zweiten Lockdowns volkswirtschaftliche Priorität. Nur ein ruhigeres Fahrwasser in den Erwartungen bietet die Chance, dass die derzeitigen Prognosen vielleicht doch positiv übertroffen werden können. Der Abwärtsrisiken muss man sich jedoch jederzeit bewusst sein.

Der weitere Infektionsverlauf, die Entwicklung der „Corona‑Ampel“ und deren wirtschaftspolitische Konsequenzen schaffen ein schwer berechenbares Umfeld.