close
Share with your friends

Über drei Jahre nach der ersten Veröffentlichung von IFRS 17 sind die meisten Unternehmen noch mitten in der Implementierung. Zwei Verschiebungen des Erstanwendungszeitpunktes sowie Projektbudgets in Millionenhöhe lassen auf die hohe Komplexität des Standards schließen. Doch wie kann diese Investition auch wertstiftend verwendet werden und welche Potenziale bietet die IFRS 17-Implementierung?

Die IFRS 17-Projekte kosten die Unternehmen aufgrund der großen Anzahl von eingebundenen Bereichen, die involviert werden müssen, der unglaublichen Menge an Daten sowie der komplexen Konfiguration der Accounting-Systeme einiges an Geld. Daher könnte man auf den ersten Blick meinen, dass eine Kosten-Nutzen-Analyse negativ ausfallen und IFRS 17 neben Aufwendungen keinen Mehrwert liefern würde. Umso wichtiger ist es, die „nicht Nutzen bringenden“ Kosten so gering wie möglich zu halten bzw in „Nutzen bringende“ Kosten „umzuwandeln“. Öffnet man sich diesem Gedanken, kann eine Kosten-Nutzen-Analyse weitaus weniger negativ ausfallen, als zunächst vermutet. 

Inhaltliche Potenziale

Was können wir aus den Verläufen der bisherigen Projekte lernen, um das
Kosten-Nutzen-Verhältnis von IFRS 17 zu maximieren? Hier wäre als Erstes die bessere Nutzung der IFRS 17-Inhalte innerhalb der Organisationen anzumerken. Die Logik von IFRS 17 bietet einige Vorteile, welche sich das Unternehmen zu Nutze machen kann, um profitabler zu werden, Marktanteile zu gewinnen oder zusätzliche Investoren zu überzeugen:

Kurzfristiges Steuerungstool

  • Die IFRS 17-Logik baut auf geschätzten Cashflows auf, welche für Sensitivitäten bzw die kurzfristige Steuerung genutzt werden können. Maßnahmen zur Optimierung der Resultate können somit noch besser abgeschätzt und eingesetzt werden.
  • Durch die verpflichtende Einstufung der Vertragsgruppen hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit gewinnbringend zu sein, wird das Zeichnen von verlustbringendem Geschäft innerhalb der Organisation zwangsläufig transparenter und somit wohl nur noch aus gutem Grund eingegangen.

Planung

Neben der Steuerung und Analyse von Auswirkungen strategischer Maßnahmen können die Cashflows ebenfalls zur mittelfristigen Planung herangezogen werden. Die strategische Entwicklung des Unternehmens wird somit auf eine breitere Basis gestellt.

Investor Relations

Der noch nicht verdiente Profit bzw die Contractual Service Margin („CSM“) jeder Vertragsgruppe kann ebenfalls dazu genutzt werden, Investoren vom eigenen Unternehmen zu überzeugen.
Um die Inhalte besser zu nutzen und zu verstehen ist es wichtig, sich der Implementierung von zwei Seiten zu nähern. Auf der einen Seite findet diese Bottom-up statt. Hier wird die Bewertung nach IFRS 17 auf der Basis von einzelnen Verträgen oder Vertragsgruppen implementiert. Auf der anderen Seite bietet es sich an, sich über einen Top-down-Ansatz inhaltlich den Zahlen zu nähern und zB ein Financial Impact Assessment dazu zu nutzen, erste Auswirkungen abzuschätzen bzw die Bottom-up-Berechnungen zu validieren. Überdies ist es ratsam, ein Financial Impact Assessment jährlich durchzuführen, um noch vor Inkrafttreten ein Gefühl für Entwicklung und Volatilitäten der neuen Bilanz und GuV zu bekommen.

Organisatorische Potenziale

Neben den Inhalten kann ebenfalls die organisatorische Komponente einen Vorteil für das Unternehmen bringen. Durch die notwendige Anschaffung von Systemen und Anpassung von Prozessen können im Finanzbereich ebenfalls nicht direkt IFRS 17-relevante Abläufe optimiert und mehr Transparenz geschaffen werden. Folgende organisatorischen Vorteile kann IFRS 17 bringen:

  • Optimierung bzw Automatisieren von Prozessen im Bereich Accounting, Controlling und Reporting
  • Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Accounting und Aktuariat durch eine (wenn auch vielleicht gezwungenermaßen) engere Zusammenführung der beiden Abteilungen
  • Verbesserung der IT-Landschaft im Bereich Datenhaltung, die vor allem bei großen Beständen gezwungenermaßen zentral und automatisiert passiert
  • Weichenstellung für zukünftige Großprojekte im Finanzbereich durch das Aufbauen einer umfangreichen Projektorganisation

Verbesserungen im Projektansatz

Neben den inhaltlichen und organisatorischen Potenzialen von IFRS 17 gibt es ebenfalls noch Entwicklungsmöglichkeiten in den Projektansätzen. Relevanz hat hier bereits das gewählte Projektziel von IFRS 17. In einigen Projekten findet man explizit oder implizit das Ziel vor, dass „IFRS 17-konforme Finanzberichte erstellt werden sollen“. Daraus lässt sich schließen, dass man alles Mögliche unternimmt, um am Ende des Tages einen IFRS 17-Jahresabschluss zu erstellen. Somit setzt man sich nicht mehr (aber auch nicht weniger) als Ziel, IFRS 17 umzusetzen. Im Gegensatz dazu könnten sich Unternehmen aber bereits im Projektziel vorschreiben, den maximalen Nutzen aus der (verpflichtenden) Implementierung von IFRS 17 herauszuholen.

Luft nach oben gibt es ebenfalls bei der Integration des Projektes in die Organisation. Hier hat es sich bei einigen Projekten bewährt, sich dezidiert damit zu beschäftigen, welchen Einfluss IFRS 17 auf andere Organisationseinheiten hat.

Eine inhaltliche Schulung von Schlüsselpositionen im gesamten Unternehmen ist ein effizientes Werkzeug, um Abhängigkeiten zu erkennen. Durch diese Maßnahme steigt das Bewusstsein, dass alle Bereiche vom Vertrieb über die Steuerung/Controlling bis zu HR (zB Bonifikation anhand von IFRS-Kennzahlen) betroffen sind. Hier ist es ratsam einen gemeinsamen Kommunikationskanal im Projekt aufzubauen.

Optimierung von stockenden ­Projekten

Stockende Projekte kann man sehr gut daran erkennen, dass es kaum Resultate aus der Implementierung gibt und noch auf einer sehr abstrakten Ebene ohne konkrete Daten gearbeitet wird. Diese Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sehr viel Budget verbraucht wird, aber noch wenig Tatsachen zB in Form von ersten Echtdatentests geschaffen wurden.

Um Projekte, deren Fortschritt noch nicht auf dem gewünschten Niveau ist, zu beschleunigen, ist es wichtig, dass fachübergreifende Teams der primär betroffenen Abteilungen wie Accounting, Aktuariat, Controlling oder IT die Anforderungen anhand von Beispielen ausarbeiten (zB ein konkreter Versicherungsbestand im Unternehmen). Die Implikation dieser IFRS 17-Anforderungen auf Daten, Systeme und Controlling müssen dann gemeinsam ausgearbeitet werden. Die erste Umsetzung sollte sofort mit Zahlen aus dem Unternehmen erstellt werden. Am Anfang wird dies wahrscheinlich von manuellen Schritten begleitet sein (zB manuelles Kopieren von Vorsystemdaten und Erstellen von Cashflows), welche dann sukzessive automatisiert werden. Sind einfache Beispiele gelöst und erste Schnittstellen erstellt, kann sich das Team komplexeren Sachverhalten und Daten widmen.

Schritt für Schritt die Vorteile sichern

Eine intensive Auseinandersetzung mit IFRS 17-Inhalten von Verantwortungsträgern in den relevanten Bereichen (zB Controlling, Investor Relations, Steuerung etc) könnte ein erster Schritt sein, um inhaltliche Potenziale auszuschöpfen (zB verbesserte Planung und Steuerung oder Investoren Kommunikation). Zusammengefasst sind folgende Maßnahmen für eine sinnvolle IFRS 17-Implementierung ausschlaggebend:

  • Klare Zielsetzung das Kosten-Nutzen-Verhältnis von IFRS 17 zu maximieren und Potenziale auszuschöpfen.
  • Einbeziehung operativer Mitarbeiter von allen betroffenen Abteilungen
  • Schaffung von funktionsübergreifenden Teams mit gemeinsamen Arbeitspaketen
  • Klare Projektstruktur und Governance, welche nicht nur am Papier gelebt wird (Agil vs Klassisch).
  • Analyse von Abhängigkeiten und dem Einfluss auf Controlling, Steuerung, Vorstandsressort und anderen Bereichen, welche nicht im Bereich Finanzbuchhaltung angesiedelt sind.
  • Externe Partner zur Wissensvermittlung und als Impulsgeber für Lösungsmethoden einsetzen.
  • Laufende Erstellung von Impact-Analysen, um die Bottom-up-Berechnung zu validieren und Auswirkungen früh zu erkennen.

Grundsätzlich gilt: Es ist nie zu spät, Vorteile aus der Implementierung von IFRS 17 zu generieren, sowie das laufende Projektvorgehen zu optimieren. Vielleicht ist sogar jetzt der richtige Zeitpunkt, nachdem einige inhaltliche Fragestellungen nun geklärt sind und die Auswirkungen von IFRS 17 besser einschätzbar sind.

Ligth Blue

IFRS 17 – eine lange Geschichte kurz zusammengefasst

Seit Veröffentlichung der Amendments am 25. Juni 2020 ist es offiziell:
Es sind noch etwas mehr als zwei Jahre bis zum Erstanwendungszeitpunkt von IFRS 17. Neben der Verschiebung der Erstanwendung von 2021 auf 2023 wurden noch inhaltliche Anpassungen im Vergleich zur ursprünglichen Version von Mai 2017 veröffentlicht. Unabhängig davon ist der Fortschritt in den einzelnen Implementierungsprojekten je Unternehmen sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite sind Unternehmen bereits dabei partielle IFRS 17-Berichte mit operativen Daten zu erstellen. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die „erst jetzt“ als „Smart Follower“ mit der Implementierung beginnen.

Ligth Blue

Weitere Artikel dieser Ausgabe